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„Florida Man“ Bolsonaro: Das neue Leben des alten Präsidenten Brasiliens

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Von: Nail Akkoyun

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Fluchtartig verlässt Jair Bolsonaro nach seiner Wahlniederlage Brasilien und schlägt seine Zelte in Florida auf – dort wird er von seiner Gefolgschaft gefeiert.

Kissimmee – Während seine radikale Gefolgschaft einen Putsch forderte und Regierungsgebäude stürmte, hat sich Jair Bolsonaro ein neues Zuhause in Florida aufgebaut. Verschlagen hat es den brasilianischen Ex-Präsidenten nach Kissimmee – ein kleiner Vorort von Orlando, rund 21 Kilometer vom Freizeitpark Disney World entfernt.

Der Rechtsextremist kehrte Brasilien pünktlich am 1. Januar 2023, zur Vereidigung des neuen Präsidenten Lula da Silva, den Rücken. Ob es Bolsonaro nur aufgrund des tropischen Klimas nach Florida zog, oder ob er wusste, dass ihn dort viele Anhänger:innen erwarten würden, ist ungewiss. Fakt ist, dass in den vergangenen Tagen verschiedene Fotos in den sozialen Medien auftauchten, die zeigen, wie der Ex-Präsident mit Fans posiert.

Medienberichten zufolge wohnt Bolsonaro derzeit in einem „bescheidenen zweistöckigen Haus“. Bei seiner in den USA lebenden Gefolgschaft scheint das gut anzukommen: „Er könnte mit Trump in Mar-a-Lago sein, aber er ist hier in Orlando, und jeder weiß, dass er hier ist“, sagte Leandro Neiva im Gespräch mit der Washington Post.

Jair Bolsonaro macht den Donald Trump: Demokrat:innen fordern Ausweisung

Apropos, Donald Trump: Wie auch der frühere US-Präsident streute Bolsonaro bereits vor seiner Wahlniederlage im vergangenen Oktober das Narrativ, dass die politischen Rival:innen versuchen würden, die Wahl zu manipulieren. In Miami stimmte ein Großteil der brasilianischen Auswander:innen damals für seine Wiederwahl – viele von ihnen glauben heute, dass die Wahl „gestohlen wurde“. Dass der sonst so patriotische Bolsonaro nun nach Florida flüchtet, zeigt einmal mehr, wie er sich den Spitznamen „Tropen-Trump“ über Jahre erarbeiten konnte. Auch das Original liebäugelte mit einer Ausreise nach Schottland, beließ es letzten Endes aber dabei, der Amtseinführung von Joe Biden einfach nicht beizuwohnen.

Der „gefährliche“ Brasilianer habe mehrfach „das Trump-Drehbuch benutzt“, sagte der demokratische Abgeordnete Joaquin Castro gegenüber CNN. Neben ihm forderten weitere US-Demokrat:innen Washington dazu auf, Bolsonaros Visum aufzuheben. „Die USA müssen aufhören, Bolsonaro in Florida Zuflucht zu gewähren“, schrieb etwa die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf Twitter – eine Reaktion auf die Krawalle in Brasilien, die „AOC“ an den Kapitolsturm vom 6. Januar 2021 erinnerten.

Bolsonaros Nachfolger Lula da Silva warf Bolsonaro vor, seine Anhänger:innen von Florida aus aufgestachelt zu haben. Ansonsten hatte er für seinen Vorgänger noch Spott übrig: „In Wirklichkeit ist er weggelaufen, um mir die Schärpe nicht überreichen zu müssen“, sagte der neue Präsident in einer Rede am Sonntagabend (8. Januar).

Nicht der erste seiner Art: Neben Bolsonaro verschlug es auch andere Machthaber nach Florida

Jair Bolsonaro wäre nicht das erste frühere Staatsoberhaupt aus Lateinamerika, welches sich dauerhaft in Florida absetzt. So haben in der Vergangenheit häufiger ehemalige Machthaber aus Kuba, Peru, Bolivien, Venezuela und Haiti ihr Exil im US-Bundesstaat gefunden – manche sogar bis zu ihrem Tod: Der kubanische Diktator Gerardo Machado, der sich für die wirtschaftlichen Interessen der USA einsetzte, ist auf einem Friedhof in Miamis Viertel Little Havana begraben.

Vom Tropen-Trump zum Florida-Man: Jair Bolsonaro, einst Präsident Brasiliens, nun Bewohner des „Sunshine States“.
Vom Tropen-Trump zum Florida-Man: Jair Bolsonaro, einst Präsident Brasiliens, nun Bewohner des „Sunshine States“. © Alan Santos/President Brazil via www.imago-images.de

Lateinamerika-Experte Brian Winter erklärte der Washington Post, dass auch Bolsonaro sich derzeit möglicherweise auf sein Exil vorbereitet, „um einer strafrechtlichen Verfolgung in Brasilien zu entgehen“. In seiner Heimat drohen dem Ex-Präsidenten mehrere Strafverfahren, unter anderem wegen des Vorwurfs der Korruption und Geldwäsche. „Er wurde noch nicht offiziell eines Verbrechens angeklagt, also ist dies entweder ein Fluchtversuch oder ein selbst auferlegtes Exil, je nachdem, wem man glaubt“, sagte Winter. „Ich glaube eher, dass es sich um den Beginn eines Exils handelt, vor allem nach dem, was am Sonntag passiert ist.“

Mietshaus in Florida wird zur Pilgerstätte: Bolsonaro verteilt Küsse und Autogramme

Wie unter anderem auf Twitter zu sehen ist, tauchte Bolsonaro Stunden nach dem Aufstand seiner Anhänger:innen immer wieder unter tosendem Beifall aus seinem Haus auf. Sein Aufenthaltsort hat sich in und um Orlando schnell herumgesprochen und zu einer Art Pilgerstätte entwickelt. Auf der Straße begrüßte der Ex-Militär seine Fans persönlich, gab fleißig Autogramme und schüttelte Hände. Es fehlte nur noch eine Babywange zum Küssen, und Bolsonaros Auftritt wäre perfekt gewesen.

Allzu lang konnte sich der Rechtsextremist jedoch nicht in der Begeisterung seiner Fans suhlen, da starke Bauchschmerzen dem Ganzen ein abruptes Ende versetzten. Wie seine Frau Michelle am Montag (9. Januar) auf Instagram schrieb, musste ihr Ehemann einmal mehr in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Bolsonaro hat seit Jahren mit Bauchproblemen zu kämpfen, nachdem er 2018 während einer Wahlkampfveranstaltung niedergestochen wurde. Wenige Stunden später wurde Bolsonaro allerdings wieder entlassen.

Bolsonaro in Florida: Entspanntes Exil unter Präsident Ron DeSantis?

Was auch immer Bolsonaro nach Florida bewegt hat, laut eigener Aussage peilt er inzwischen eine Rückkehr in sein Heimatland an: „Ich bin gekommen, um bis Ende des Monats zu bleiben, aber ich habe vor, meine Rückkehr vorzuziehen“, sagte Bolsonaro CNN Brasil am Dienstag (10. Januar). Wie aus einer Mitteilung des brasilianischen Senats hervorgeht, könnte schon bald ein Untersuchungsausschuss zu den Aufständen seiner Gefolgschaft eingerichtet werden – und dem früheren Staatsoberhaupt zum Problem werden.

Lateinamerika-Experte Brian Winter sagte der Washington Post, dass Bolsonaro durchaus in den Vereinigten Staaten bleiben und von dort aus Desinformationen verbreiten könne, um weiterhin eine wichtige Stimme in Brasilien zu bleiben. Sollte er noch angeklagt werden, könnte sich ein Aufenthalt unter dem Demokraten Joe Biden schwierig gestalten. „Wenn Interpol hinter ihm her ist, glaube ich nicht, dass das Amerika von Joe Biden ihn schützen würde“, sagte Winter. „Aber Ron DeSantis‘ Amerika könnte es.“

Washington habe bislang jedenfalls keinen Auslieferungsantrag gegen den früheren Staatschef erhalten. „Uns hat bis jetzt kein offizielles Gesuch der brasilianischen Regierung bezüglich Bolsonaro erreicht“, sagte der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan am Montag (11. Januar). „Sollte ein solcher Antrag gestellt werden, nehmen wir ihn ernst.“ (nak)

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