+
Klimastreik in Malaga. 

Proteste weltweit

Die 2010er Jahre: Ein Jahrzehnt für die Macht der Straße

  • schließen

Die 2010er Jahre haben gezeigt, wie wichtig und wirksam Protest ist – mit neuen und altbekannten Mitteln.

Am Anfang des Jahrzehnts stand der Arabische Frühling. Jetzt sind es die Gelbwesten in Frankreich. In den vergangenen Jahren haben so viele Menschen protestiert wie selten zuvor. Was treibt sie auf die Straße? Und wie hängt das alles mit dem Smartphone zusammen?

Die 2010er Jahre waren ein Jahrzehnt der Proteste. Es begann mit dem Arabischen Frühling in Ägypten, Tunesien, Syrien und quer durch den Nahen Osten. Es folgten Occupy Wall Street, die Indignados in Spanien, Gezi Park in der Türkei, der Maidan in Kiew, Black Lives Matter in den USA, die Frauenmärsche in Polen und zum Ende des Jahrzehnts ist es schwer, den Überblick zu behalten: Gelbwesten, Chile, Bolivien, Hongkong, Barcelona, Beirut, Bagdad, Fridays for Future, Extinction Rebellion, die „Sardinen“ in Italien? …

„Empört euch!“, schrieb der französische Diplomat Stéphane Hessel am Anfang des Jahrzehnts. Zehn Jahre später sehen wir Proteste, die den Globus umspannen und doch ihre jeweils lokalen Ursachen haben.

In der global vernetzten Protestwelt sind auch 9000 Kilometer keine Entfernung. Das ist die Strecke von Hongkong nach Hamburg. Im Studiviertel am Grindelhof sitzt die Juristin Glacier Kwong an einem Cafétisch und verfolgt auf dem Smartphone die Nachrichten aus ihrer Heimatstadt. „Es bricht mir das Herz“, sagt sie. „Aber natürlich kämpfe ich weiter.“ Sie kämpft im Netz und als Lobbyistin im Exil. Die 23-jährige Doktorandin vertritt das Gesicht der Proteste, Joshua Wong, bei dessen Terminen mit deutschen Politikern, wenn Wong wieder einmal Ausreiseverbot hat.

Der erste globale Protest 

Protest kann sehr wirksam sein. 

Sie entwickelt einen Leitfaden für Demonstranten auf den Straßen der chinesischen Sonderverwaltungszone; wie sie ihre persönlichen Daten auf dem Smartphone schützen können, damit die Polizei nicht alles über sie erfährt. Und sie weiß, dass auch Hamburg nicht sicher ist für eine Revolutionärin aus einer 9000 Kilometer entfernten Stadt. „Ich meide chinesische Restaurants“, sagt Kwong, „sie kennen mein Gesicht aus dem Fernsehen.“

Auf Twitter gratuliert Joshua Wong der Schwedin Greta Thunberg zum „Time“-Titel als „Person des Jahres“ und führt aus, warum der Kampf der Hongkonger für Freiheit und der von Fridays for Future für Klimaschutz zusammengehen. Thunberg bedankt sich – aus einem deutschen Zug – beim „tapferen und inspirierenden Joshua Wong“. Zusammen haben diese jungen Leute 4,2 Millionen Follower allein auf Twitter. Der US-Ökonom Jeremy Rifkin nennt Fridays for Future den „ersten wirklich globalen Protest in der Geschichte dieser Welt“.

Die Konjunktur der global vernetzten Proteste läuft nicht zufällig parallel mit dem Siegeszug des Smartphones. Das Internet wanderte aus den Studierstuben und Cafés auf die Straße – und die miteinander vernetzten Massen kamen mit. Die Schülerinnen und Studierenden von Fridays for Future organisieren sich über Whatsapp, die Treckerdemonstranten von Land schafften ihre Bewegung ebenso und eine Dresdner Lokalveranstaltung wie Pegida hätte ohne die Reichweite des Livestreams nie fünf Jahre durchgehalten.

Die digitale Vernetzung mag die Leute auf die Straße bringen, die Protestformen sind dann aber wieder ganz unmittelbar, ganz konkret und seit Jahrzehnten eingeübt. Sei es die „Finger“-Taktik von Ende Gelände, mit der Polizeikräfte auseinandergezogen und Einsatzeinheiten „umflossen“ werden – global bekannt seit Jahrzehnten. Oder die Taktik von Extinction Rebellion (XR), mit kurzen, überraschenden Straßenblockaden den Verkehr lahmzulegen – wohlbekannt aus dem Handbuch des zivilen Ungehorsams.

„Wir demonstrieren so lange, bis sich etwas ändert“

XR orientiert sich explizit an den Forschungen der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Erica Chernoweth, die mehr als 300 politische Bewegungen untersuchte und zum Schluss kam, dass friedlicher Protest in der Hälfte der Fälle Erfolg hatte, gewaltsamer aber nur in einem Viertel. Ziviler Ungehorsam und kalkulierter Regelbruch aber führten zu der nötigen Aufmerksamkeit – wenn die Gegenseite sich provozieren lässt. Bei den 68ern in Westberlin war das noch so – mit tödlichen Folgen. Beim kläglich gescheiterten Versuch von XR im Herbst 2019, Berlin „lahmzulegen“, war die Wirkung eine andere: Eine protestgewohnte Stadt, eine erfahrene, deeskalierende Polizei, unerfahrene Demonstranten – und das Ganze fiel in sich zusammen.

Auch Fridays for Future, vor einem Jahr angetreten mit dem selbstbewussten Satz: „Wir demonstrieren so lange, bis sich etwas ändert“, gibt jetzt die wöchentlichen Schulstreiks auf und sucht nach anderen Formen. Ob die Klimaproteste radikaler werden oder eher in Richtung einer NGO/Lobbygruppe tendieren, ist noch unklar. Doch ebenso wie die Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre hat die Klimabewegung der späten 2010er Jahre die Gesellschaft jetzt schon verändert. Ein Thema, das weltweit Millionen auf die Straße treibt, bleibt, und sei es unterschwellig.

So ist das Jahrzehnt des Protests nicht ohne seinen Anfang zu verstehen, nicht ohne die Nachwirkungen der Finanzkrise. Die 1990er waren eine große Party auf den Ruinen der Geschichte, der Terroranschlag von New York am 11. September 2001 die letzte Warnung, aber erst mit der globalen Rezession hörte die Musik auf zu spielen und alle schauten sich verkatert an: War es das jetzt? Haben wir die Zukunft verspielt – oder noch eine Chance, wenn wir gegen die Bequemlichkeit und die wankenden Giganten auf die Straße gehen? „Pessimismusverdrossenheit“ nennt es der Ethnologe David Graeber. Wer protestiert, hofft noch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion