Vor 90 Jahren gingen in Europa die Lichter aus

Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg / Längst nicht alle Deutschen waren begeistert

Von AP-MITARBEITER ERNST METTLACH

Am Abend des 3. August 1914 blickte der britische Außenminister Edward Grey aus seinem Büro auf den Londoner St. James Park, in dem gerade die Gaslaternen angezündet wurden. Angesichts der weltpolitischen Lage befielen den Politiker düstere Ahnungen: "In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir werden es nicht mehr erleben, dass sie angezündet werden", sagte er einem Freund. Der Grund für Greys Prophezeiung: Am 1. August hatte das Deutsche Reich Russland den Krieg erklärt. Der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" hatte begonnen.

In Deutschland meldeten sich gleich am 1. August viele Freiwillige in den Kasernen. Die allgemeine Begeisterung ging als "Augusterlebnis" in die Geschichte ein. Doch neuere Forschungen zeigen: Längst nicht alle Deutschen waren vom Krieg begeistert. Viele Arbeiter und Bauern ahnten, wer die Suppe würde auslöffeln müssen, die ihnen die Mächtigen eingebrockt hatten, wie der Historiker Jeffrey Verhey in seinem Buch "Der Geist von 1914 und die Erfindung der Volksgemeinschaft" beschreibt: Vor allem Großstadtbürger und Intellektuelle seien begeistert gewesen. In weiten Kreisen der Arbeiterschaft und in der Provinz hätten dagegen Angst und Unruhe geherrscht.

Wer von den Kriegsbegeisterten im Sommer 1914 die Züge Richtung Schützengraben bestieg, hatte meist keine Vorstellung von dem Grauen, das ihn erwartete. Die meisten Soldaten gingen von einem kurzen militärischen Abenteuer aus. "Weihnachten in Paris" oder "Bis bald auf den Champs-Élysées" stand auf den Waggons, die nach Westen rollten.

Und zunächst verlief alles nach Plan. Bereits in der Nacht zum 2. August besetzten deutsche Soldaten völkerrechtswidrig das kleine Nachbarland Luxemburg. Einen Tag später erklärte Deutschland Frankreich den Krieg und überrannte Belgien, um Richtung Paris zu marschieren. Dabei kam es erstmals zu Gräueln gegen belgische Zivilisten, ein Aspekt des Krieges, der nach Angaben des Düsseldorfer Historikers Gerd Krumeich lange keine Beachtung gefunden hat. Der Einmarsch ins neutrale Belgien war ein Völkerrechtsbruch, den Deutschlands Kriegsplaner absichtlich in Kauf genommen hatten, um der französischen Armee in den Rücken fallen zu können.

Allerdings hatte dieser Angriff weit reichende Konsequenzen. Großbritannien nahm den Einmarsch zum Anlass, dem Deutschen Reich am 4. August den Krieg zu erklären. Damit befanden sich die so genannten Mittelmächte Deutschland, Österreich und das Osmanische Reich im Kampf gegen alle europäischen Großmächte.

Bis heute ist die Frage umstritten, wer die Schuld am Ausbruch des Krieges hatte. "Zumindest kann man Deutschland vorwerfen, dass es die Hand an den Zünder gelegt hat", erklärt Krumeich. Selbst Historiker, die die These von der deutschen Alleinschuld anzweifelten, bestritten nicht, dass Deutschland 1914 mit dem Feuer gespielt habe. Momentan konzentriere sich die Forschung darauf, welche Rolle Österreich beim Kriegsausbruch gespielt habe. "Wollten die den Krieg alleine, oder musste Berlin den Hund zum Jagen tragen", fasst er die aktuelle Kontroverse zusammen.

"Ganze Gesellschaften waren brutalisiert"

Von der Öffnung vieler Archive in Osteuropa erhofft sich Krumeich neue Erkenntnisse über den Anfang des Krieges, der weltweit nach Angaben des Historikers rund elf Millionen Menschen das Leben kostete und schätzungsweise 20 Millionen als Kriegsversehrte nach Hause kommen ließ. Der ungeheure Blutzoll war Folge des technischen Fortschritts. "Der Krieg war ultramodern", betont der Experte, "nie vorher standen so ausgeklügelte Tötungswerkzeuge zur Verfügung". Maschinengewehre und Artillerie bestimmten die Schlachtfelder. "Materialschlacht" "Trommelfeuer" und "Grabenkrieg" wurden zu Schreckenswörtern für eine ganze Generation.

Wer den Einsatz von Giftgas, Flammenwerfern und Panzern überlebte, kehrte meist traumatisiert zurück. "Nach dem Krieg waren ganze Gesellschaften brutalisiert", sagt Krumeich. Der "Krieg in den Köpfen", formuliert der Düsseldorfer Historiker, sei weitergegangen und habe den Boden für Lenins und Hitlers totalitäre Ideen und damit für die zweite große Katastrophe des 20. Jahrhunderts bereitet. Beide Systeme seien ohne die Erfahrung des Ersten Weltkrieges gar nicht denkbar. Greys Vorahnung sollte sich auf furchtbare Weise bestätigen. Krumeich: "In Europa gingen die Lichter eigentlich erst nach 1945 wieder richtig an".

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