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1984 treffen sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Präsident Francois Mitterrand anlässlich des Deutsch-Französischen Gipfels in Bad Kreuznach.

Grenzkontrollen

30 Jahre Schengen-Abkommen

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Vor dreißig Jahren sind mit dem Abkommen von Schengen die Schlagbäume innerhalb der Europäischen Union gefallen. Anlass für einen Blick auf alte und neue Trennlinien im vermeintlich geeinten Europa.

Die Tat war akribisch geplant. In Guerilla-Taktik nach der Fünf-Finger-Strategie näherten sich die dreihundert Umstürzler von verschiedenen Seiten der deutsch-französischen Grenzlinie. Vorweg eine Studentin, die, eine Schwächung antäuschend, in die Arme der Grenzer sank. Dann ging alles schnell. Die Studenten kappten die Schlagbäume im kleinen deutsch-französischen Grenzort St. Germanshof nahe Bad Bergzabern. Die Aktion ist auf Bild gebannt, die einzige dokumentierte dieser zahlreichen Grenzstürmereien der Nachkriegszeit. Das Foto aus dem Jahr 1950 aus der pfälzischen Provinz ziert heute längst Geschichtsbücher. Und der Betrachter staunt über die jungen Gesichter: Europa war tatsächlich einmal Teil einer Jugendbewegung. Große Veränderungen nehmen manchmal in der Provinz ihren Ausgang.

Ein kleiner Ort in Luxemburg

Ein großer Mann aus der Provinz musste später dementieren, an dem revolutionären Akt beteiligt gewesen zu sein: Helmut Kohl. Er habe zwar manches für Europa getan, aber an dieser Aktion sei er entgegen einer Legende unbeteiligt, ließ er  wissen. Gänzlich unbeteiligt am Fall der Schlagbäume in Europa war Kohl aber doch nicht. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand versprach der Kanzler 1984 in Saarbrücken: „Wir werden die Grenzen zwischen unseren Ländern abschaffen.“ Die beiden hielten Wort: Am 14. Juni 1985 – vor dreißig Jahren – vereinbarten Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg und die Niederlande im luxemburgischen Grenzort Schengen den „schrittweisen Abbau von Grenzkontrollen“. Geschichte wird auch in der Provinz gemacht.

Es sollte  - wie manches in Europa - noch etwas dauern, bis zehn Jahre später, am 26. März 1995, das kontrollfreie Reisen Realität wurde. Anfangs  zu Testzwecken, weil Frankreichs Innenminister Charles Pasqua auf die liebe Souveränität und weitere Kontrollen pochte. Aber, wer ermessen will, was Schengenland bedeutet, muss heute nur in St. Germanshof die deutsch-französische Grenze passieren. Die Zollstation ist längst ein Wohnhaus, die enge Straße führt hinüber nach Wissembourg und den Berg hinauf zurück ins pfälzische Schweigen. Dort empfängt das Deutsche Weintor den Besucher. Früher konnte man im Eichenkranz im Sandstein noch leicht die Umrisse des Hakenkreuzes erahnen. Es war nach 1945 von dem NS-Bau etwas hektisch und etwas unvollständig entfernt worden. Aber so leicht lässt sich Geschichte nicht beseitigen. Nicht mal in der pfälzischen Provinz.

Die Grenze wanderte hier stetig. Manchmal freiwillig, so schloss sich der pfälzische Grenzort Bergzabern 1792 per Bittbrief der revolutionären Französischen Republik an. Meist aber gewaltsam. Mal  verschob sich die Grenze unter Napoleon nach Norden bis nach Mainz, das als Department Mont Tonnere Frankreich eingegliedert wurde. Mal unter  Bismarck nach Süden, als der Eiserne Kanzler Elsass und Lothringen dem Reich einverleibte. Für meine weit verzweigte Familie verlief diese Grenze irgendwann entlang der falschen Linien. Wie so oft spielte das Herz eine Rolle. Der Sohn eines pfälzischen Amerika-Auswanderers war mit seiner Frau aus den USA in deren elsässische Heimat zurückgekehrt. Dass Monsieur Riesbeck einen US-Pass hat interessierte erst nach der Besetzung durch die Besetzung des Elsass durch die deutsche Wehrmacht. Der Sohn eines Deutschen mit  US-Staatsbürgerschaft sollte interniert werden. Er starb, als ihn deutsche Truppen fortschaffen wollten.

Solche Geschichten gibt es viele im Grenzland.  Für das Projekt Europa erwuchs aus solchen Grenzerfahrungen eine schöpferische Kraft. Es kann also kein Zufall sein, dass so viele große Europäer aus dem Grenzland kommen: Robert Schuman (Metz),  Helmut Kohl (Oggersheim), Martin Schulz (Aachen), Jean-Claude Juncker (Luxemburg), Donald Tusk (Gdansk). Von Grenzlandeuropäern spricht der Historiker Karl Schlögel anerkennend.

Für uns als Jugendliche war die deutsch-französische Grenze  im Alltag nervig. Aber kein Vergleich zur innerdeutschen Realität. Im Südwesten war alles durchlässig. Kleiner Grenzverkehr eben. Natürlich gab es Rückschläge. Vor dem Lycée in Wissembourg lohnte für Grenzlandschüler das Blaumachen. Deutsche Lehrer ließen sich hier  selten blicken. Französische Schülerinnen umso mehr. Nur kam  es nie zum Date. Französische Jungs durften schon mit 16 Motorrad fahren, mit Kreidler und Puch war wenig auszurichten gegen die Yamaha XT. Grenzerfahrungen anderer Art. Herzerweichend, aber verschmerzbar.

Weil sie mit ihr leben mussten, entwickelten die Menschen  zur Grenze ein pragmatisches Verhältnis. Der Traum vom Original-Peugeot-Rennrad aus Frankreich  drohte nicht am Taschengeld zu scheitern, sondern am  Zoll. „La frontière? La frontière n’était jamais un problème.“ - Die Grenze? Die war noch nie ein Problem, entfuhr es dem Händler im Elsass. Eine friesierte Rechnung machten den Import dann deklarationsfrei.  Dass das Rad später in einer südwestdeutschen Uni-Stadt auf illegale Art den Besitzer wechselte, ist ärgerlich, aber fast vergessen. Wie manch anderes aus dieser Zeit.

Ein Vertrag mit Vorbildcharakter

Grenzgeschichten. Fast verklärt in einer Zeit, in der nur noch eine SMS des Telekomanbieters an den Grenzübertritt erinnert (und Europa über Roaming-Gebühren streitet). In einer Zeit, in der Europa längst neue Grenzen hochzieht und sich nach außen abschottet.

Die wahre Grenzland-Revolution vollzog sich ohnehin fünf Jahre nach Schengen: 1989, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs – erst in Ungarn, dann in Berlin. Schengenland ist seither gewachsen. Auch auf Nicht-EU-Staaten wie der Schweiz, Norwegen und Island. Die Attraktivität ging über die Jahre nicht verloren. Bulgarien und Rumänien wären gerne früher zu Schengen gestoßen. Andere wie Britannien stehen abseits und pochen auf ihre Souveränität. Doch könnte Schengen das Modell sein für Europa im Brexit-Zeitalter der Missmutigen. Schengen ist ein europäischer Vertrag, aber ein besonderer: Die Staaten haben ihn untereinander geschlossen. Diese bilaterale Methode könnte ein Weg sein – für jene, die in Europa voran wollen. Und jene, denen es Europa schon jetzt zu viel ist.

„Europa ohne Grenzen“, steht auf dem Erinnerungsstein im luxemburgischen Schengen. Für manche drinnen, tönt das wie ein Fluch. Für jene, die draußen sind, klingt es wie eine süße Verheißung. Europa sucht seine Grenzen. Auf der Schnellstraße von Saarbrücken nach Luxemburg erinnert nur eine Abfahrt an das kleine Schengen. Die europäische Geschichte zieht vorbei an ihren Erinnerungsorten. In Griechenland und Großbritannien testet es längst andere Grenzen.

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