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Gedenken in Berlin an ermordete Sinti und Roma. 

Antiziganismus

30 Jahre Kampf gegen Ausgrenzung

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Viel zu oft wird Ordnungs- statt Sozialpolitik gemacht, kritisiert der „Förderverein Roma“.

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, wenn man die immer gleichen Kämpfe ausfechten muss. Lang genug, um zu resignieren. Joachim Brenners aber klingt nicht niedergeschlagen, wenn er Bilanz zieht, nur nüchtern: „Nach 30 Jahren kann ich nicht sagen, dass es eine gesellschaftliche Entwicklung gegeben hätte, die die Diskriminierung der Roma verringert hätte.“ 30 Jahre sind eine lange Zeit. Aber nicht lang genug, wenn man jahrhundertealte Vorurteile ankämpft.

Seit 1989 setzt sich der Förderverein Roma in Frankfurt für die Rechte von Angehörige der „größten ethnische Minderheit Europas“ ein, wie es oft heißt. Joachim Brenner ist von Anfang an dabei. Heute ist er Geschäftsführer. In dieser Zeit ist der Ostblock zusammengebrochen, sind die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang gefallen, wurde die Europäische Union beständig nach Osten erweitert. Millionen Roma wurden dadurch zu EU-Bürgern, denen das Recht auf Freizügigkeit zusteht – ohne dass sie irgendwo wirklich willkommen wären.

Das war auch schon Ende der 80er so, erinnert sich Brenner. „Wir haben bemerkt, dass wir in unserer Arbeit mit Sinti und Roma immer wieder an Grenzen struktureller Diskriminierung stoßen.“ Das „Wir“ war seinerzeit eine Gruppe von Menschen aus dem pädagogischen Bereich und der sozialen Arbeit. Gemeinsam gründeten sie den Vorläufer des Förderverein, den „Verein zu Schaffung eines Roma-Gemeindezentrums“.

Sichtbarer geworden

Das Gemeindezentrum wurde nie verwirklicht. Der Förderverein hingegen wurde über die Jahrzehnte zur festen Instanz in Frankfurt. 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählt er mittlerweile – etwa die Hälfte davon Roma. In seinen Räumlichkeiten im Stadtteil Bornheim bietet er Jugend- und Erwachsenenbildungsprojekte an. In der Innenstadt unterhält er eine eigene Kindertagesstätte. Das nach wie vor wichtigste Angebot bleibt aber die Sozialberatung.

Mehr als 2200 mal wurde die Sozialberatung nach Angaben des Fördervereins im Jahre 2018 in Anspruch genommen. Die allermeisten Ratsuchenden stammen aus der EU zum weit überwiegenden Teil aus Rumänien. Hinter der Zahl der Beratungsgespräch steht das Schicksal von 473 Familien – von denen weniger als die Hälfte über eine eigene Wohnung verfügte. Die Übrigen lebten bei Bekannten, Verwandten, in städtischen Notunterkünften oder schlicht auf der Straße.

In den vergangenen Jahren ist in Frankfurt der Zuzug von Roma sichtbarer geworden – nicht zuletzt durch die Diskussion um die Räumung zweier größerer Elendsquartiere in den vergangenen beiden Jahren.

Im Gutleutviertel hatten sich zuerst auf einer Industriebrache später auf einer nicht mehr genutzten Laderampe auf einem Firmengelände vorwiegend Roma in selbstgezimmerte Verschlägen eingerichtet. Beide wurden von den Ordnungsbehörden aus Sicherheitsgründen geräumt – so zumindest die offizielle Begründung.

Mit dem Rücken zur Wand

Joachim Brenner war bei beiden Räumungen vor Ort. Mitarbeiter des Fördervereins hielten davor und danach Kontakt zu den Menschen, denen seitens der Behörden nicht viel mehr angeboten wurde, als eine Rückfahrkarte in ihre Heimatländer. Für Brenner ist das Vorgehen der Stadt in diesen Fällen symptomatisch: „Da wird Sozialpolitik durch Ordnungspolitik ersetzt“.

Auch als EU-Bürger haben Roma, die nach Deutschland kommen, zunächst keinen Anspruch auf Unterstützung. Kommen sie nicht zügig in Arbeit, bleibt ihnen nichts anderes als die Selbstorganisation. Sprich: Das Leben auf der Straße und in besseren Fällen ein Verdienst als Musiker oder Flohmarkthändler, in schlechteren Fällen als Flaschensammler. „Dadurch sind Roma im Stadtbild überaus präsent“, sagt Brenner. Und in der Mehrheitsgesellschaft werden alte Ressentiments reaktiviert. „Es wir überhaupt nicht reflektiert, dass es diesen Menschen in ihren Herkunftsländern noch schlechter geht, als hier.“

Immerhin sagt Brenner, habe sich auf institutioneller Ebene in den letzten 30 Jahren einiges getan. Die Selbstorganisation der Roma in Vereinen, Initiativen und Hilfsangeboten sei deutlich vorangekommen. Letzte Woche hat der Bundestag einen Antrag zur Bekämpfung des Antiziganismus in Deutschland beschlossen. Was er sich davon verspricht? Brenner bliebt nüchtern: „Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, sind alle Aktivitäten zugunsten der Betroffenen begrüßenswert.“

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