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Ein alter israelischer Panzer in den Golanhöhen an der syrisch-israelischen grenze.
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Ein alter israelischer Panzer in den Golanhöhen an der syrisch-israelischen grenze.

Konflikt im Nahen Osten

50 Jahre danach

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Unsere Autorin Inge Günther hat vier Menschen aus der Region Fragen zum Sechstagekrieg gestellt.

Der Siedler Dany H., 46, israelischer Haushaltstechniker, wohnt mit seiner Frau und fünf Kindern in der Westbank-Siedlung Tekoa. Über sich sagt er: „Ich bin nicht religiös, aber ich glaube an die Bibel. Israel ist das einzige Land der Welt, über dessen Besitz Gott entschieden hat.“ Bis vor zwei Jahren hat er in einem der wilden, auch von Israel als illegal angesehenen Siedler-Außenposten gelebt. Als die Gruppe wegen persönlicher Machtkämpfe auseinanderflog, ist er nach Tekoa gezogen, eine reguläre Siedlung östlich von Bethlehem mit grandiosem Blick in die Wüstenlandschaft. „Das ist hier ein netter Platz“, sagt er, „Kindergarten, Schule alles da.“

Schon seine Eltern sahen sich als Siedlerpioniere. Dany H. ist zwar unweit von Tel Aviv geboren, jedoch in „Judäa und Samaria“, wie nationalrechte Israelis das Westjordanland nennen, groß geworden.

„Für mich ist es völlig natürlich hier zu sein. Wir haben schließlich im Sechstagekrieg das Land erobert“, sagt er. Ihn störe nur, dass „Israel eine ambivalente, fast schizophrene Einstellung zu Judäa und Samaria“ hege. „Obwohl wir eine rechte Regierung haben, hat sich die Politik nicht geändert.“ Nach seinem Geschmack gebe sie zu viel darauf, was die Gerichte und die USA sagten. Dany H. jedenfalls findet, „dass es mit den Palästinensern nichts zu verhandeln gibt. Wir müssen nur auf die passende Gelegenheit warten, sie rauszuwerfen. Wir befinden uns im direkten Konflikt mit ihnen und der wird in einem Knockout enden.“

Die Linke Irit K., 34, Israelin aus Tel Aviv, hat Diplomatie und Marketing studiert und fürs Fernsehen und diverse Firmen gearbeitet. „Der Spruch vom Leben in der Tel Aviver Blase stimmt schon“, sagt sie. „Ich habe nichts zu tun mit diesen Plätzen in Judäa und Samaria“ – der biblische Name für das Westjordanland. „Für mich sind das besetzte Gebiete.“ Zum ersten Mal war sie während ihres Militärdiensts dort, vorher nie.

„Von unserer Basis nahe dem palästinensischen Kalkilja waren es nur zwanzig Minuten zu meinem Elternhaus in Raanana“, erzählt Irit. „Für mich war es fremde Welt. Als Soldatin hatte ich keine Angst. Heute wäre ich nervöser, wenn ich in die Stachim müsste“ – die Gebiete. „Wir haben dort nichts verloren“, im Unterschied zu den Golanhöhen, findet sie, „wo wir sein müssen, um die Syrer außen vor zu halten“.

Ihre Familie denkt links wie sie. „Frieden, Oslo, Rabin waren für uns früher Wörter der Hoffnung.“ Nach dem Mord am damaligen Premier Jizchak Rabin, verübt im Herbst 1995 von einem rechtsextremen Israeli, gehörte die damals Zwölfjährige zu den „Kerzenkindern“, die allabendlich seiner gedachten.

Später als Studentin hat sie mit Palästinensern in Restaurants gejobbt. „Wir kamen sehr gut klar“, erinnert sie sich. Heute sagt Irit: „Wegen der Attentate hassen einige meiner Freunde Palästinenser. An meiner Einstellung hat sich nichts geändert. Mir gehen alle Opfer nahe, ob Juden oder Araber. Ich bin auch für die Zwei-Staaten-Lösung, nur glaube ich nicht, dass wir die noch hinbekommen.“

Der Flüchtling Mohammed A, 35, lebt im palästinensischen Flüchtlingslager Schuafat und arbeitet als Schulassistent. „Unser Camp liegt im Jerusalemer Stadtgebiet, aber ist von einer Mauer umschlossen. Raus kommst du nur über einen Checkpoint. Täglich die Arroganz der Soldaten zu ertragen, ist für mich die Hölle.“

Seine Familie ist gleich zweimal zu Flüchtlingen geworden. Zuerst 1948, als Israel ihr Heimatdorf Scheich Muanis zerstörte. An seiner Stelle befindet sich heute die Universität Tel Aviv. 1967 wurde die Familie erneut vertrieben, diesmal aus dem jüdischen Altstadtviertel. So landete sie im Lager Schuafat, einem unwirtlichen, übervölkerten Ort, überragt von Hochhäusern der Baumafia. „Hier funktioniert nichts“, berichtet Mohammed. „Bei Regen quellen die Abflüsse über, die Leute verbrennen ihren Müll, weil keiner ihn abholt. Dazu kommen Probleme mit Drogen, Waffen und Bandenkämpfen.“ Früher hat auch er mitgemacht, wenn die Wut sich entlädt, hat bei Zusammenstößen mit der israelischen Polizei Molotowcocktails geschleudert und fünf Jahre im Knast verbracht.

„Jeder, der auf die Straße geht und protestiert, vertritt mich besser als palästinensische Politiker, die mehr amerikanischen als unseren Interessen dienen.“ Mohammed hält von deren Gerede über einen Staat Palästina nicht viel. Er sagt: „Ich habe nichts gegen Juden. Ich hege keinen Hass. Meine Eltern träumen vielleicht noch von Rückkehr. Ich kann überall leben, auch mit Israelis nebenan. Aber ich will gleiche Rechte.“

Die Weitgereiste Marah Z., 27, Palästinenserin aus Nablus, hat Anglistik und Übersetzung studiert und wohnt wegen besserer Jobchancen in Ramallah. „Ich halte mich von der Politik fern“, sagt sie, „aber die Besatzung lässt sich nicht ignorieren. Wenn es schlimmer wird, sehe ich für mich keine Zukunft hier.“ Am meisten mache ihr die „Unsicherheit, die ständige Angst vor allem, vor Siedlern, vor Soldaten, vor dem nächsten Trip“ zu schaffen. Eigentlich dauert die Heimfahrt zu ihrer Familie in Nablus nur vierzig Minuten. Aber wegen zweier fest installierter israelischer Militärcheckpoints sowie einem oft überraschend aufgebauten Kontrollpunkt „weiß ich nie, wann ich ankomme“. Dabei gehört Marah zu den Privilegierten, kennt Madrid und New York, wo sie im Rahmen eines Austauschprogramms ein Jahr verbrachte. „Mein Zimmer habe ich mit einer Israelin geteilt“, erzählt sie. „Privat haben wir uns gut verstanden.“

Anfangs allerdings habe sie sich nicht mal getraut, der israelischen Mitbewohnerin zu sagen, „räum bitte auf“, erinnert sie sich. „Ich kannte Israelis doch nur in Uniform.“ Nach dem freien Leben in New York mag sie sich mit dem eingeschränkten Dasein in der Westbank noch weniger abfinden. „Überall siehst du, wie sich die Siedlungen ausdehnen. Ich fürchte, sie lassen uns Palästinensern nur einen ganz engen Raum.“ Marah glaubt, „dass Israel kein Interesse an einer Zwei-Staaten-Lösung hat. Und selbst wenn, wird es Palästina kontrollieren. Ich kann mir nicht mal mehr eine Lösung vorstellen.“

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