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NRW-Innenminister Ralf Jäger steht immer häufiger in der Kritik.

Hooligan-Demo

Vom Jäger zum Freiwild

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Der Innenminister Nordrhein-Westfalens, Ralf Jäger (SPD), steht in der Kritik – erst recht nach dem Kölner Sonntag. Während die Opposition bereits Anfang Oktober den Rücktritt forderte, gehen jetzt auch die Grünen auf Distanz.

Es hätte eine gute Woche werden können. In Ralf Jägers Kalender steht für den diesen Mittwoch ein Termin, der so ganz nach dem Geschmack des nordrhein-westfälischen Innenministers ist: In Bochum die Arbeit der Beratungsstelle seines Präventionsprogramms gegen Salafisten vorstellen. Das Projekt „Wegweiser“, mit dem junge Muslime von Sozialarbeitern vor Radikalisierung bewahrt werden können, ist ein Lieblingsthema des Düsseldorfer Ressortchefs. Sieht er sich doch besonders gerne als innovativer Ideengeber im Konzert der deutschen Innenpolitik. Wenn es gegen Rockerkriminalität, Fußballgewalt oder eben Salafisten geht, fällt Ralf Jäger schnell das Selbstlob „bundesweit vorbildlich“ ein.

Ob NRWs Sicherheitsbehörden vor und während der Hooligan-Krawalle am Sonntag in Köln mal wieder vorbildlich gehandelt haben, ist zumindest fraglich – angesichts von flaschenschleudernden Glatzköpfen und Wasserwerfern hinterm Hauptbahnhof. Zumal erfahrene Polizisten erzählen, die Einsatzleitung habe ihnen im Vorfeld von 1000 bis 2000 erwartete Teilnehmer berichtet. Am Ende kamen 4800.

Lob aus Düsseldorf

Ralf Jäger, dem Kritiker einen Hang zu medialen Schnellschüssen attestieren, aber blieb seiner Linien treu: Die zerborstenen Scheiben am Kölner Hauptbahnhof waren noch nicht repariert, da kamen aus Düsseldorf schon Bilanz und Lob: „Das Polizeikonzept hat funktioniert“, versuchte Jäger sich selbst und seine Beamten rasch von jeder Fehleinschätzung freizusprechen und eröffnete so erst eine Angriffsfläche für die Opposition: „Die Darstellung des Innenministers passt wieder einmal nicht zur Realität in seinem Zuständigkeitsbereich“, lästerte CDU-Chef Armin Laschet.

CDU und FDP attackieren Jäger seit Wochen. Seit die Misshandlung von Flüchtlingen in NRW-Heimen bekannt wurde, gibt es für den Sozialdemokraten keine Ruhe. Es geht auch darum, alte Rechnungen zu begleichen: Der heute Geforderte war früher einst ein Forderungspolitiker. Zu Zeiten der schwarz-gelben Koalition unter Jürgen Rüttgers (CDU) fiel Jäger als Oppositions-Raubein auf, das weder mit scharf formulierten Angriffen und Rücktrittsforderungen an Minister geizte. Wegen seiner markigen Wortwahl und manch unüberlegter Attacke handelte er sich bei den Journalisten den Spitzname „Jäger 90“ ein.

Als Hannelore Kraft den gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann 2010 überraschend zum Innenminister machte, folgte die ebenso wundersame wie rasante Wandlung vom Sprücheklopfer zum Staatsmann: Mit entschlossenen Verboten von Rockerclubs und islamistischen Vereinen konnte der Machtmensch Jäger auch Oppositionspolitiker beeindrucken. Bis vor einigen Wochen galt er als ein Minister ohne nennenswerte Pannen, dem beides gelang: Symbol- und Sachpolitik.

Typischer Ruhrgebiets-Aufstieg

Der im Duisburger Arbeiterviertel Meiderich aufgewachsene Jäger hatte zuvor einen typischen Ruhrgebiets-Aufstieg geschafft: Der Vater war früh gestorben, die Mutter brachte die Familie mit einer Eckkneipe durch. Der selbstbewusste Sohn war das einzige von vier Kindern, das zum Gymnasium ging. Abends half er in der Kneipe und wurde, wie er heute erzählt, unter den biertrinkenden Stahlarbeitern zum politischen Menschen. Neben seiner Karriere im Duisburger Rat arbeitete Jäger weiter als Gruppenleiter bei einer Krankenkasse. Der Instinkt für Themen und Thesen, die die Menschen beschäftigen, half ihm später auch bei seinem Weg durch die Landespolitik.

Die markige Sätze, vorgetragen mit leichtem Duisburger Idiom, sind auch heute immer wieder bei Jäger zu hören – etwa wenn er Neonazis „auf die Springerstiefel treten will“. Mit werbewirksamen Aktionen wie dem regelmäßigen „Blitzmarathon“ steht der 53-Jährige bei manchem Kritiker zudem unter Populismusverdacht.

Ein innenpolitischer Scharfmacher, ein Otto Schily vom Rhein will Jäger aber nicht sein: Vor allem beim Thema Fußballgewalt setzte er im Land mit den meisten Bundesligavereinen vor allen auf einen Dialog mit den Fans: Bei weniger riskanten Partien reduziert die Polizei seitdem ihren Einsatz auf ein Mindestmaß. So werden Fans seit einigen Wochen nicht mehr vom Bahnhof zu den Stadien geleitet. Das soll die „Selbstregulierung innerhalb der Fanszenen“ fördern, sagt Jäger über sein Konzept, mit dem er auch ein persönliches Risiko wagt, falls es in einem der vielen Stadien tatsächlich zu Ausschreitungen kommt.

Flüchtlingsskandal und Hooligan-Ausschreitungen – zwei Ereignisse haben nun aber innerhalb kürzester Zeit die ganz persönliche Perspektive des dreifachen Familienvaters verdunkelt. Die Opposition forderte schon Anfang Oktober seinen Rücktritt, als die Misshandlungen in den Asylbewerberheimen Schlagzeilen machten. Nach den Kölner Ausschreitungen ging auch der grüne Koalitionspartner erstmals vorsichtig auf Distanz: Der Polizeieinsatz „müsse kritisch nachbereitet“ werden, hieß es. Ralf Jäger kannte da schon das Ergebnis: „Die Lageeinschätzung war ziemlich präzise“, hatte er gesagt.

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