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Jacques Chirac ist am Donnerstag im Alter von 86 Jahren gestorben. 

Nachruf

Jacques Chirac, Frankreichs letzter Patriarch

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Ex-Präsident Jacques Chirac ist gestorben. Der markige Gaullist war nie beliebter als nach seiner politischen Karriere.

Er habe die Franzosen verstanden, „weil er selber ein sehr gefühlsbetonter Mensch war“: So lautete am Donnerstag eine Reaktion zum Tod von Jacques Chirac. Der frühere Präsident genoss in Frankreich zum Schluss höchste Sympathien – bis weit in die politische Linke hinein. Es war nur ein Paradoxon seines bewegten Lebens, dass er als Alzheimerpatient von dieser Wertschätzung womöglich gar nichts mehr mitbekam – als Politiker hatte er nie viel Applaus geerntet.

Der Gründer der gaullistischen Partei RPR, mehrfache Premier und anfangs gescheiterte Präsidentschaftskandidat hatte mehr als ein Jahrzehnt im Schatten des Sozialisten François Mitterrand gestanden. Erst nach dessen Ende schlug seine Stunde. 1995 im Elysée-Palast angekommen, vermochte er aber auch dort kaum zu überzeugen. 

Jacques Chirac: Auf der Weltbühne zu Hause

Auf der Weltbühne zu Hause: Chirac mit seiner Frau Bernadette, 2006.
Chirac mit seiner Frau Bernadette, 2006. Der 1932 geborene Chirac hatte die Adlige 1956 geheiratet, das Paar hat zwei Töchter. © afp
Mit Bundeskanzler Helmut Kohl, 1997.
Mit Bundeskanzler Helmut Kohl, 1997. © rtr
Mit US-Präsident Bill Clinton, 1997.
Mit US-Präsident Bill Clinton, 1997. © afp
Mit Präsident Boris Jelzin, 1997.
Mit Präsident Boris Jelzin, 1997. © afp
Mit Jassir Arafat, 2000.
Mit Jassir Arafat, 2000. © afp
Mit Nelson Mandela, 2002.
Mit Nelson Mandela, 2002. © afp
Mit Präsident George W. Bush, 2003.
Mit Präsident George W. Bush, 2003. © Martin Ruetschi/epa/dpa
Mit Queen Elizabeth II., 2004.
Mit Queen Elizabeth II., 2004. © afp
Mit Kanzlerin Angela Merkel, 2006.
Mit Kanzlerin Angela Merkel, 2006. © Peer Grimm/dpa
Jacques Chirac
Mit Kanzler Gerhard Schröder, 2005. © Oliver Berg/dpa

Und doch gilt Chirac heute als letzter „grand Président“ (großer Präsident“) der Fünften Republik. Das zeugt auch von einer gewissen Überhöhung, die vor allem aufzeigt, wie sehr die Franzosen derzeit einen richtungsweisenden „Landesvater“ vermissen. Der verstorbene Präsident wurde – und wird nun zweifellos – umso beliebter, als seine Nachfolger Nicolas Sarkozy, François Hollande und Emmanuel Macron die Gunst der Franzosen weitgehend verspielt haben.

Der geborene Wahlkämpfer

Jacques Chirac war der geborene Wahlkämpfer – doch mit seinen Siegen wusste er kaum etwas anzufangen. Unschlagbar im Volkskontakt, versagte sein politischer Instinkt, wenn er einmal in Amt und Würden war. Häufig – und das nicht nur bei seinen zahlreichen Korruptions- und Finanzaffären – stellte sich Chirac selber ein Bein.

1997, zwei Jahre nach einer ersten Wahl in den Elysée-Palast, löste er ohne Not das Parlament auf und schrieb Neuwahlen aus – die er prompt an die Linke verlor. Danach musste der Gaullist fünf Jahre mit dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin „kohabitieren“. 2005 setzte Chirac erneut ohne Zwang eine Volksabstimmung an – diesmal über die EU-Verfassung. Auch dabei brockte er sich ein klares Nein ein, das die EU in eine bis heute dauernde, institutionelle Krise gestürzt hat.

Selbst sein außenpolitisches Bravourstück verpatzte Chirac im letzten Moment. Auf dem Höhepunkt der Irakkrise bot er 2003 der Bush-Administration im Uno-Sicherheitsrat die Stirn und vereinte Russen, Deutsche und Chinesen hinter sich. Auch die „Washington Post“ zog den Hut und kommentierte auf Französisch: „Bien joué!“ Doch zum Schluss patzte Chirac wieder, indem er ungeschickterweise ein französisches Veto ankündigte. Damit lieferte er US-Präsident George W. Bush einen billigen Vorwand, auf die entscheidende – für die USA im Voraus verlorene – Abstimmung über eine neue Irakresolution zu verzichten.

Dürftige innenpolitische Bilanz

Auch sonst agierte Chirac auf der Weltbühne ganz als Gaullist. 1995 ordnete er als einen seiner ersten Amtsentscheide im Südpazifik Atomversuche an; die internationale Entrüstung darüber ignorierte er. Mit Gerhard Schröder, mit dem er gerne Bier trank, nahm er handfesten Streit in kauf, um den französischen Bauern die EU-Subventionen zu garantieren. Chirac liebte Afrika und die Afrikaner, aber seine Landwirte (und Wähler) verteidigte er mit Klauen und Zähnen gegen Agrarimporte aus der damals noch sogenannten Dritten Welt.

Seine innenpolitische Bilanz war dürftig: Außer der Berufsarmee verwirklichte er in seinen zwölf Elysée-Jahren keine echte Strukturreform. Umso mehr fiel der unverwüstliche Wahlkämpfer durch seine Affären auf. Die politischen waren dabei fast so redundant wie seine amourösen – die ihm damals den Spitznamen „Monsieur zwanzig Minuten, Dusche inbegriffen“ einbrachten. Sobald Chirac 2007 die schützenden Pforten des Elysée-Palastes verlassen hatte, folgte die Anklage.

2011 wurde Chirac als erster französischer Ex-Präsident verurteilt: Wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder erhielt er eine mehrjährige, auf Bewährung ausgesetzte Haftstrafe. Sie betrifft eine Zeit, als er noch Bürgermeister von Paris gewesen war und 15 Parteifreunde im Rathaus anstellte, um seiner gaullistischen „Sammlung für die Republik“ (RPR) Kosten zu sparen. Mehrere andere Tatbestände waren verjährt, so auch die Verwendung nicht existierender Wählerstimmen oder „geschmierter“ Bauvorhaben. Auch musste Chirac nicht persönlich vor den Richtern erscheinen: Seine Anwälte schoben die exotisch klingende Diagnose einer „Anosognosie“ vor. Dieses bei Alzheimerpatienten bekannte Phänomen bedeutet, der Patient ist sich seiner eingeschränkten Fähigkeiten, etwa seiner Vergesslichkeit, selber nicht bewusst. Oder leugnet sie. Der gesundheitlich zunehmend angeschlagene Chirac sagte nach dem Urteil nur: „Ich mache keine Politik mehr.“ Früher schon hatte sich seine politische Unverfrorenheit in einem ihm zugeschriebenen Bonmot geäußert: „Wahlversprechen gelten nur für die, die an sie glauben.“

Höchste Popularitätswerte nach der Amtszeit

Umso verwunderlicher ist es, dass Chirac nach dem Verlassen des Elysées höchste Popularitätswerte erhielt. Der linkische, aber stets generöse Liebhaber von Kalbskopf und Corona-Bier, der mit seiner profunden Kenntnis fernöstlicher Philosophie nie protzte, war völlig unprätentiös und uneitel. „Am Fernsehen? Da bin ich schlecht wie ein Schwein“, meinte er einmal wegwerfend.

Seine Aufrichtigkeit war entwaffnend. Chirac machte seinen Wählern gar nicht erst vor, ein höheres Ziel als seine (Wieder-)Wahl zu verfolgen. Oder auch nur ein politisches Programm. Als Student verteilte er die kommunistische Zeitung L’Humanité, als Premierminister spielte er 1986 den neoliberalen Reagonomic, und als Staatspräsident betrieb er seine Wiederwahlkampagne mit dem linken Slogan „gegen den sozialen Bruch“.

2002 triumphierte Chirac sogar als moralischer Gralshüter der Republik, deren Regeln er mit Füßen getreten hatte. Diese Gunst der Stunde ergab sich, als der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen jenes Frühjahrs sensationell in die Endrunde vordrang. Dort wählten über 82 Prozent der Franzosen das „kleinere Übel“ Chirac, viele Linke „mit zugehaltener Nase“, wie sie sagten.

Die TV-Satiresendung „Les Guignols de l’info“ präsentierte ihn stets als „Meisterlügner“: „Bonjour, mein Name ist Supermenteur“, deklamierte Chiracs Puppe im Superman-Dress. „Nach meiner Wahl werde ich die Steuern auf unter Null senken und die nächste Tour de France gewinnen.“ Die Nation lachte schallend – und wählte ihn ein zweites Mal ins Elysée.

Komplexe Vater-Sohn-Hassliebe zu Sarkozy

Dass Chirac mit allen konnte, schloss nicht aus, dass er politisch gesprochen über Leichen ging. Vorzugsweise über die von Parteifreunden, die ihm im Weg standen. 1974 fiel er dem gaullistischen Erneuerer Jacques Chaban-Delmas mit einem Winkelzug in den Rücken, 1981 dem liberalen Staatschef Valéry Giscard d’Estaing (der ihn immerhin überlebt, auch wenn er nicht die gleiche Popularität genießt); 1988 überrollte er Raymond Barre, 1995 Edouard Balladur. Als Chirac 2007 abtrat, versagte er seinem einstigen Ziehsohn Nicolas Sarkozy ein klares Wort der Unterstützung. Mit dem „kleinen Nick“, wie er den Parvenu von Immigranteneltern nannte, verband ihn eine komplexe Vater-Sohn-Hassliebe voll gegenseitiger Abhängigkeit, Faszination und Verrat.

Später widmete sich Chirac noch seiner Friedensstiftung, die sich mit Wieder-Aufforstung, Gesundheit in Afrika sowie bedrohten Ursprachen in Drittweltländern befasst. Aber bald war er dazu nicht mehr in der Lage. Seine Tage verbrachte er zwischen Marrakesch und seiner großen Pariser Wohnung, die ihm die libanesische Hariri-Familie im noblen siebten Stadtbezirk zur Verfügung gestellt hatte.

Wenn er von dort auf die Seine und sein Leben hinunterblickte, kam er sich vielleicht selbst so vor, wie ihn der Journalist Daniel Schneidermann einmal beschrieben hatte – als „ein sehr altes Fabeltier aus einer sehr alten Zeitrechnung, das wie durch Zufall an den undankbaren und kalten Gestaden des 21. Jahrhunderts gestrandet ist“. So war „Chichi“, wie ihn die Franzosen voller Zuneigung nannten, auch in der Politik gewesen: Stets in seinem Element. Und doch irgendwie ständig im falschen Film.

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