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Jacinda Arderns Rücktritt: Ein Beispiel für unsere Zeit

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Von: Peter Rutkowski

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Wirkt abgekämpft und stockt nach jedem Satz: Jacinda Ardern erklärt ihren Rücktritt.
Wirkt abgekämpft und stockt nach jedem Satz: Jacinda Ardern erklärt ihren Rücktritt. © afp

Jacinda Ardern hört als Premierministerin Neuseelands auf. Weil sie weiß, „wann Schluss ist“. Eine Würdigung von Peter Rutkowski

Der Schreck zur Morgenstunde: „Ich kündige hiermit an, dass ich mich nicht zur Wiederwahl stellen werde. Meine Amtszeit als Premierministerin wird spätestens am 7. Februar enden (…) Ich höre auf, weil eine solch privilegierte Position auch Verantwortung mit sich bringt. Die Verantwortung zu wissen, wann du die Richtige bist um zu führen – und wann nicht. Ich weiß, was es braucht, um diesen Job zu machen, und ich weiß, dass ich nicht mehr ,genug im Tank habe‘, um ihn richtig zu machen. So einfach ist das.“ Jacinda Ardern beendet in ein paar Wochen ihre aktive politische Karriere. Als ob es nicht schon mehr als genug Probleme auf der Welt gibt.

Abgekämpft sieht die neuseeländische Premierministerin aus, als sie das vor den Kameras der Welt verkündet. Die plötzlich scharf gewordenen Konturen eines Gesichts, die das tagtägliche politische Zerren an der Substanz eines Menschen wie nichts anderes deutlich machen. Das Stocken nach jedem Satz, in dem man zu hören meint, dass sie gleich in Tränen ausbrechen wird, in denen man selbst heulen will. Weil die Welt nun mal jetzt mehr (selbst verschuldete) Probleme hat als je zuvor. Weil in so einer Lage doch alle mit ran müssen und helfen, das Schiff zu retten, den Sturm zu meistern, wieder auf Kurs zu kommen. Aber jetzt ohne eine der wenigen echten respektablen Kapitäninnen? Wie soll das denn gehen?

Viele Menschen in Deutschland werden für diesen Abgang bestenfalls ein Schulterzucken übrig haben: Irgendeine Politikerin, die halbe Welt entfernt von hier, schmeißt hin. Was soll’s?

Eine ganz große Menge. Politik zu betreiben, politisch zu denken und zu handeln – im besten Sinne, nämlich für die anderen und nicht aus charakterlichem Defizit, das sich als Geld- und Machtgier, Arroganz und Zynismus Bahn schlägt – ist dank allzu vieler, die keinen Funken Anstand und Würde im Leibe haben, heute so schlecht angesehen wie kaum je zuvor. Wenn die Menschheit das 21. Jahrhundert überlebt (und vieles sieht danach aus, dass nicht), dann wird man sich nicht an Olaf Scholz oder Boris Johnson oder Silvio Berlusconi erinnern (wollen), sondern an die, die etwas vermittelten, für das es keine oder zu viele Worte gibt; Anstand, Weitblick, Ehre, Mut, Ehrlichkeit, die Fähigkeit, sich selbst hinter eine Aufgabe zu stellen und nicht vor allen anderen …

In diesem Jahrhundert Barack Obama, Justin Trudeau, Sanna Marin, Ursula von der Leyen, Wolodymyr Selenskyj, vielleicht Emmanuel Macron … und ganz sicher Jacinda Ardern. Weil diese Politikerin auf vieles, was dieser Welt und also auch ihrem Land in den vergangenen Jahren widerfahren ist – Islamismus, Flüchtlingsnot, Chinas Machtstreben, mörderischer Rechtsradikalismus und toxische Männlichkeit, Corona und Putins Kriege – richtig reagiert hat. Mit Anstand, mit Mut und Würde. Sie hatte sich keine der vielen Krisen ausgesucht und viele werden sagen, Neuseeland am fernen Rand der Welt sei nur eine Marginalie auf der Weltbühne, aber das heißt, seine Perspektive nicht in der Ordnung zu haben. Jacinda Ardern hat wie nicht wenige andere politisch Aktive dieser Zeit – und es ist kein Zufall, dass es fast nur Frauen sind – das Wort ergriffen. Und das ist wichtig. Nicht schweigen. Aufstehen, sprechen und tun.

„Politiker sind Menschen“

Ihre letzten politischen Worte dieses 19. Januar sind mindestens so wichtig wie alles, was sie zuvor gesagt hat: „Ich weiß, dass nun viel diskutiert werden wird, was ,die wahren Gründe‘ für diese Entscheidung waren. Ich kann Ihnen nur sagen: Das, was ich hier sage – das ist es. Die einzige interessante Erkenntnis, die Sie finden werden, ist, dass nach sechs Jahren mit vielen Herausforderungen ich auch einfach nur ein Mensch bin. Politiker sind Menschen: Wir geben alles, was wir können, so lange wir es können – und dann ist es irgendwann gut. Und für mich ist es jetzt gut.“ Könnte man sich auch nur im Traum vorstellen, solche Charakterbestien wie Trump oder Putin würden auch nur einen Laut davon aussprechen können?

Ardern beschließt ihren Abgang mit einem Vermächtnis, das alle Menschen, nicht nur die politisch aktiven, als Mantra auswendig lernen sollten, damit das 21. Jahrhundert nicht das letzte sein wird: „Ich hoffe, ich hinterlasse die Erkenntnis, dass man gütig und doch auch stark sein kann, empathisch und doch entschlossen, optimistisch und doch fokussiert.“

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