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Nicht alle sind dagegen: Stuttgart-21-Befürworter vor dem Rathaus der Landeshauptstadt.

Stuttgart 21

Die Ja-Sager

Die Gegner attestieren Stuttgart 21 Rechtmäßigkeit, aber keine Legitimität, die Projektträger lehnen einen Baustopp weiter ab. Nun gehen auch immer mehr Befürworter des milliardenteuren Bahn-Projekts auf die Straße.

Von Gabriele Renz

Joggen geht anders. Aber die „Laufgruppe“ mit neongelben Westen, auf denen „S 21 macht Sinn“ steht, treibt keinen Sport, sie bezieht Stellung. Mit CDU-Fraktionschef Peter Hauk an der Spitze bewegt sich der Tross Richtung Rathausplatz. Vorbei an den Camps der Gegner im Schlossgarten. „Wir sind Stuttgart“ skandieren die Befürworter des milliardenschweren Bahn-Projekts trotzig. „Liebe Mitläuferinnen und Mitläufer, liebe Ja-Sager“, begrüßt Hauk gut 3000 Menschen. Monatelang ging von Stuttgart die Botschaft aus, das Bürgertum gehe geschlossen gegen den Bahnhofneubau auf die Barrikaden. Nun demonstriert es. zusammen mit der CDU- und FDP-Nomenklatura, auch dafür.

„Beleidigungen sind die Argumente derer, die Unrecht haben“, ruft Pfarrer Johannes Bräuchle. Er hatte das Projekt schon verteidigt, als Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und seine Mitstreiter sich noch vor dem Volkszorn in den Graben duckten.

Die Kontrahenten suchen das Gespräch. Unter Moderation des katholischen Stadtdekans Michael Brock trafen sich am Freitag Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 zu einer Sondierung. In zwei Stunden bei Kaffee, Tee und Brezeln versicherte man einander des gegenseitigen Respekts, hörte die Argumente des jeweils anderen erstmals „nicht über die Medien“ – schon dies, so Moderator Brock, sei ein Fortschritt. Man verabredete vage ein „Dialogforum“, um sich auf „unstrittige Fakten“ zu einigen und sich nicht mehr gegenseitig der Lüge zu bezichtigen.

Die verfahrene Situation löst sich damit noch nicht auf. Die Gegner attestieren dem Projekt nach wie vor Rechtmäßigkeit, aber keine Legitimität. Die Projektträger lehnen einen Baustopp weiter ab, versprachen aber immerhin die Veröffentlichung eines „Bauzeitenplans“ als „Zeichen“ an die Gegner. Die Projektträger hoffen, auf diesem Weg die „vorhandene Emotionalität zu senken“, wenn es ans Abholzen der Bäume oder den Abbruch des Südflügels geht. Doch die Gegner-Vertreter schwanken zwischen dem Willen zur Sachdiskussion und der Furcht, von den Bauherren instrumentalisiert zu werden.

Als Nachfolger des zurückgetretenen Projektsprechers Wolfgang Drexler (SPD) soll der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Udo Andriof künftig die „Jahrhundertchance“ erklären, die das Projekt biete. Das wurde am Freitag bekanntgegeben.

Medien-Profis als Sprecher

Andriof ist die Kommunikations-Allzweckwaffe der CDU/FDP-Landesregierung Baden-Württembergs. Zuletzt leitete der CDU-Mann die Expertenkommission zu den Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden. Andriof begann seine Laufbahn einst als Pressesprecher unter Ministerpräsident Hans Filbinger. Dem 68-Jährigen wird der IT-Unternehmer Wolfgang Dietrich, ein erfahrener Spin-Doktor in der Wirtschaft, zur Seite stehen.

Versöhnliche Kommunikation können Stadt und Land gut gebrauchen, schon, um nicht in einer hässlichen Lagerwahlkampf zu rauschen. 4,1 Millionen Euro haben die mehr als 92000 Einsatzstunden der Polizei beim S21-Protest bereits gekostet. Nicht nur wegen der Gegner: Auch bei der Demo der Befürworter waren die Staatsdiener im Einsatz.

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