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Bis zu 30 000 Kriegsgefangene waren im Celle-Lager unterbracht, „einem der härtesten“, wie Zeitgenossen berichteten.

"Die Baracke der Dichter"

Die Italiener in Baracke 15 C

Wichtige Zeugnisse und Geschichten, die sonst nie jemand aufgeschrieben hätte: Die italienischen Dichter Carlo Emilio Gadda und Bonaventura Tecchi erzählen von ihrer Zeit als Kriegsgefangene bei Celle 1918.

Von Dietfrid Krause-Vilmar

Die Kriegsgefangenschaft führte drei junge italienische Offiziere nach der verlorenen Schlacht am Isonzo im Oktober 1917 zusammen; vom Lager Rastatt wurden sie in die Lüneburger Heide nach Scheuen bei Celle verbracht. Dort entstand ihre lebenslange Freundschaft. Keiner von ihnen ahnte in jener Zeit, dass aus der Baracke 15 C des Lagers später bedeutende Literaten hervortraten: Carlo Emilio Gadda als weltbekannter Dichter, Ugo Betti als einer der bedeutenden zeitgenössischen Dramatiker Italiens und Bonaventura Tecchi als Schriftsteller und Ordinarius für deutsche Literatur an der Universität Rom.

Das Celle-Lager gehörte zu den großen (bis zu 30 000 Gefangenen) und galt „nach allgemeinem Bekunden“ als „eines der härtesten unter den deutschen und österreichischen Gefangenenlagern“ (Tecchi). Darüber geben die Zeugnisse der Autoren Gadda und Tecchi besonderen Aufschluss.

Beide berichten u.a. von der Ermordung des jungen Offiziersanwärters Aicardi am 4. Juni 1918. Dieser hatte englisch-französische Neuankömmlinge mit einem ‚Vive la France‘ begrüßt und wurde darauf sofort von einem „Mörder-Soldaten“ (Gadda) erschossen. Der Schütze wurde vom deutschen Oberst für diese Tat öffentlich belobigt und zum Unteroffizier befördert. „Das Opfer war ein großer Junge aus Genua, einziger Sohn. Trauer, Aufgewühltsein; Drohungen von deutscher Seite etc.“

Erstmals liegen nun diese Texte über das Lager von Gadda („Giornale di Guerra e di prigionia“, Turin 1955) und Tecchi („Baracca 15 C.“ Milano 1962) in deutscher Sprache vor. Die Schatten des durchgestandenen Elends und der im Lager umgekommenen Kameraden waren es, die Tecchi mit einer Veröffentlichung lange Zeit zögern ließen und ihn erst spät dazu veranlassten, „behutsam und ohne Rhetorik den Schleier des Schmerzes zu lüften“. Einige ehemalige Mitgefangene (darunter Gadda und Betti) stellt er in einfühlsamen Porträts vor, indem er ihre Leidensgeschichte im Lager erzählt.

Er berichtet von Oberleutnant Chitò, einem feinen Menschen, Mathematiker, der – rätselhaft für seine hilfsbereiten und doch ohnmächtigen Kameraden – keine Nahrung aufnehmen wollte und so starb. Oder vom schwer verletzten russischen Hauptmann Soloniew, in dessen „tragischer Einsamkeit“ er zugleich das Bild „der elenden Lage seiner Landsleute“ erblickte, „der unzähligen ausgehungerten russischen Gefangenen“.

Gaddas Tagebuch, das er während der Gefangenschaft schrieb, ist Literatur und Dokument zugleich. Es wählt nicht die Sprache des Protokolls oder eines militärischen Berichts. Die bitteren Ereignisse der Gefangenschaft, eben vergangen, sind Geschichte geworden und werden erzählt.

Gadda und Tecchi ist es möglich, dem Geschehen im Lager, den dort durch Tuberkulose oder Hunger Verstorbenen, den trostlosen Beerdigungen in einem nahe gelegenen Waldstück und auch den solidarischen, aufrichtenden Begegnungen einen eindringlichen sprachlichen Ausdruck zu geben. Beide berichten auch ungeschützt, was die Gefangenschaft aus ihnen selbst machte. Gadda schreibt von „der unerträglichen Demütigung“: „die Gefangenschaft zerstört in mir jegliche Quelle von Selbstgefühl, dem eines Mannes wie dem eines Soldaten.“

Das Ort, Zeit und Ereignis präzise notierende Tagebuch Gaddas und die lebendigen Porträts Tecchis bilden die Geburtsstunde ihres literarischen Werkes. Dies geschah unter den schrecklichen Bedingungen des drohenden Hunger- oder Tuberkulosetodes. „Und in allen Literaturen aller Jahrhunderte hat es immer Schriftsteller oder Dichter gegeben, die dem Zwang der Zelle vieles zu verdanken hatten … Ein seltsamer Widerspruch“ (Tecchi).

Die Aufzeichnungen sind zugleich ein eindrucksvoller dokumentarischer Beitrag zur Ge-schichte der Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg und zur Regionalgeschichte: Die Stimme ehemaliger italienischer Gefangener kehrt nach Deutschland zurück. Die Offiziere waren bei Kriegsausbruch junge Männer (Gadda 21 Jahre, Tecchi 18 Jahre und Betti 22 Jahre), die ihren Weg ins Leben noch suchten und finden mussten, wie das Tagebuch des begeisterten Soldaten Gadda verdeutlicht.

Die Verfasser, die sich mit zahlreichen anderen Studierten, überwiegend Juristen, gemein-sam in der Offiziersbaracke 15 C befanden, waren sich des Privilegs ihrer bürgerlichen Bildung kritisch bewusst, wie besonders an der Darstellung der „einfachen Soldaten“ und der auf der untersten Stufe der „Behandlung“ rangierenden russischen Gefangenen deutlich wird. „Der Hunger und das Elend der Gefangenen, zumal der russischen Gefangenen, waren ein Anblick, der die normale Vorstellungskraft übersteigt“, notierte Tecchi.

Und über Agostini Rossi, der sich ihm als Offiziersbursche angeboten hatte, und dessen Lebensende im Dunkel des Krieges blieb, schrieb er: „Sein Gesicht bleibt unsichtbar, jenseits eines unpassierbaren Drahtzauns. Denn die Offiziersburschen, auch die der Literaten, sind keine Schriftsteller, sie können nicht ‚schreiben‘. Und die Geschichte der Gefangenschaft dieses Burschen wie auch die Geschichte der Abertausenden von gefangenen Soldaten – niemand wird sie jemals schreiben“.

Oskar Ansull hat auf Grund eingehender historischer Recherchen und gemeinsam mit den beiden hervorragenden Übersetzerinnen ein ausgezeichnet gestaltetes Buch der Erinnerung vorgelegt, sachkundig kommentiert und eingeleitet. Nicht zuletzt wird damit auch dem Gedenken der Autoren an ihre einst Mitgefangenen die lange ausstehende Aufmerksamkeit geschenkt.

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