Diese Migranten hatten Glück, ein Schiff der italienischen Marine war in der Nähe.
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Diese Migranten hatten Glück, ein Schiff der italienischen Marine war in der Nähe.

Flüchtlinge

Italien zählt die Leichen

  • Regina Kerner
    vonRegina Kerner
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In den vergangenen sieben Tagen sind laut UN-Flüchtlingshilfswerk vermutlich mindestens 700 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Die Schätzung beruht auf Aussagen von Überlebenden.

Die Bilanz ist dramatisch: Bei drei Bootsunglücken in der Straße von Sizilien starben vergangene Woche vermutlich mindestens 700 Flüchtlinge. Davon berichteten am Sonntag die UN- Flüchtlingshilforganisationen UNHCR und Save the Children in Italien unter Berufung auf Aussagen Überlebender. Mehr als 13.000 Bootsflüchtlinge wurden laut Küstenwache innerhalb von sechs Tagen gerettet und nach Süditalien gebracht. Sie waren auf 70 Schlauchbooten und einem Dutzend überfüllter Fischerboote unterwegs, die in Libyen abgelegt hatten.

Weil das Wetter gut und die See ruhig war, schickten die Schlepper alle paar Stunden ein neues Boot aufs Meer. Doch viele dieser Kähne sind in einem so schlechten Zustand, dass sie es kaum bis in die internationalen Gewässer schaffen, wo die Militärschiffe des EU-Einsatzes „Sophia“ patrouillieren und viele Handelsschiffe unterwegs sind, die zur Rettung eilen können.

Zwei Flüchtlingsunglücke wurden von der italienischen Küstenwache bestätigt. Am Mittwoch war ein mit mehr als 500 Menschen besetztes Fischerboot gekentert, als sich ein Rettungsschiff näherte. Am Freitag dann sank ein Schlauchboot. 65 Tote wurden geborgen, doch mehr als 100 Menschen sind wohl ertrunken. Das dritte Unglück ereignete sich offenbar am Donnerstag und traf einen ganzen Konvoi. Mitarbeiter von Save the Children erfuhren davon durch Gespräche mit Geretteten im sizilianischen Hafen Pozzallo. Demnach hatte ein mit 100 Menschen besetztes Fischerboot im libyschen Sabratha abgelegt, mit einem zweiten, motorlosen und ebenfalls mit mehr als 600 Flüchtlingen überfüllten Kahn sowie einem Schlauchboot im Schlepptau. Das Boot ohne Motor schlug nach wenigen Stunden leck und sank, die meisten Insassen sollen ertrunken sein. Einige hätten sich verzweifelt an die Zugleine geklammert, um das erste Boot zu erreichen. Dessen Kapitän, ein sudanesischer Schlepper, habe daraufhin angeordnet, die Leine zu kappen. Der Mann wurde in Pozzallo festgenommen.

„Wenn wir die düsteren Zahlen zusammenführen, so schätzen wir, dass es mindestens 700 Opfer gibt“, sagte die UNHCR-Sprecherin in Italien, Carlotta Sami. Etwa 100 Tote könnten im Innern des gesunkenen Bootes eingeschlossen sein. Unter den Opfern sind Unicef Italien zufolge offenbar auch drei Neugeborene. 2015 seien rund 700 Kinder ertrunken, in diesem Jahr zeichne sich eine ähnlich hohe Opferzahl ab. „Es sind wehrlose Unschuldige, die die Flucht vor Armut, Hunger und den Schrecken des Krieges mit ihrem Leben bezahlen“, sagte der Sprecher von Unicef Italien, Andrea Iacomini.

Erwartet wird, dass der starke Zustrom von Flüchtlingen über das Mittelmeer in den kommenden Sommermonaten anhält. Italiens Innenminister Angelino Alfano drängte, da es jetzt in Libyen eine Regierung gebe, müsse die EU rasch ein Abkommen schließen, um die Überfahrten einzudämmen. Zudem forderte er Rücknahmeabkommen mit afrikanischen Herkunftsländern, um abgelehnte Asylbewerber abschieben zu können.

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