Italien

Das Schweigen der Bischöfe

Die Katholische Kirche in Italien setzt dem Treiben von Innenminister Salvini nichts entgegen.

Von Misstrauensvotum ist die Rede, von Neuwahlen, von anderen parlamentarischen Koalitionen. Italien steckt mitten in einer Regierungskrise, maßgeblich vorangetrieben von Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini. Nun soll Ministerpräsident Giuseppe Conte erst einmal dem Parlament die aktuelle Lage erläutern. Unklar ist, ob er sich anschließend einem Misstrauensvotum stellen muss, ob das Parlament gestutzt wird und ob es im Oktober Neuwahlen geben wird.

In all dem Chaos nicht zu vernehmen ist die katholische Kirche des Landes. Die einst einflussreiche Bischofskonferenz und ihr Vorsitzender, Kardinal Gualtiero Bassetti, scheinen abgetaucht. „Ein ungewöhnliches und ohrenbetäubendes Schweigen bei den Spitzen der italienischen Kirche“, monierte der Kirchenexperte der Zeitung „Il Fatto Quotidiano“, Francesco Antonio Grana. Das sei mit Ausnahmen schon bei den Europawahlen so gewesen, ähnlich bei der Verschärfung des Sicherheitsgesetzes.

Sollte es bald zu Neuwahlen kommen, fürchtet Grana erneutes Schweigen der gut 230 Mitglieder der Bischofskonferenz. Der frühere langjährige Konferenz-Vorsitzende Kardinal Camillo Ruini wäre längst auf die Barrikaden gegangen und hätte Politikern wie Bürgern erklärt, wo es aus Sicht der Kirche langgeht. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bei den Europawahlen stimmte die Mehrheit der praktizierenden Katholiken für Salvinis Lega.

Früher hätte einer wie Ruini den Ausgang von Wahlen beeinflusst. Doch sein Nach-Nachfolger Bassetti ist kein „Don Camillo“. In seiner Predigt zum Tag des Heiligen Laurentius am Samstag fand der zurückhaltend und mitunter unsicher auftretende Bassetti nur allgemeine Worte über Vertrauen und Zusammenarbeit. Es hat den Anschein, als ob die Bischöfe in Italien sich entweder nicht trauen, Sympathie für Salvinis Positionen zu äußern, oder sie fürchten, mit zu deutlicher Kritik an ihm noch mehr Menschen aus der Kirche zu vertreiben.

So war es Papst Franziskus, der vergangene Woche im Interview mit „La Stampa“ Akzente setzte: Er sei besorgt, „weil man Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: ‚Zuerst wir. Wir ..., wir ...‘ – das ist ein Denken, das Angst macht.“ Namen brauchte er nicht zu nennen. Salvinis ständiges Credo: „Die Italiener zuerst“, wurde von jedem mitgehört. Die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ berichtet zwar über die Entwicklungen in Italien, kommentiert sie aber nicht. In „Avvenire“, der Zeitung der Italienischen Bischofskonferenz, erklärte Gastkommentator Mauro Leonardi die derzeitige Krise mit dem Wahlkampfmodus, aus dem die Politik seit gut einem Jahr noch nicht herausgefunden habe. Als Beispiel zitiert er unrealistische Steuerversprechen Salvinis – ohne dessen Namen zu nennen.

Der Name des Lega-Chefs wurde in der Kirche Italiens zum Unaussprechlichen. Umgekehrt gibt der durch Umfragen und Sympathiekundgebungen gestärkte Salvini sich ungeniert religiös. Am Ende seiner Kundgebungen küsst er demonstrativ den Rosenkranz. Und den Abstimmungssieg zum Sicherheitsdekret II sieht er als „schönes Geschenk zum Geburtstag der Madonna“.

Am Donnerstag erreichten die italienischen Ferientage „Ferragosto“ ihren Höhepunkt. Doch auch am damit verbundenen religiösen Festtag Mariä Himmelfahrt war aus der Kirche nichts zur politischen Lage zu hören. (kna)

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