+
In der Hauptstadt Rom verteilen Nonnen kostenlose Lebensmittel an Bedürftige.

Coronakrise

Italien macht weiter dicht

  • schließen

Angesichts massiv steigender Infektionszahlen ordnet die Regierung nun an, „nicht lebenswichtige“ Unternehmen zu schließen.

Ganz Italien hatte gehofft, dass sich am Wochenende dank der bisher ergriffenen Maßnahmen die ersten Zeichen der Entspannung bemerkbar machen würden – doch dann folgte einmal mehr die Ernüchterung: In nur 24 Stunden ist die Zahl der Corona-Toten landesweit um 793 angestiegen – der größte Anstieg seit Ausbruch der Epidemie vor einem Monat. Die Zahl der Toten beläuft sich nun auf 4825 (Stand Samstagabend). Insgesamt haben sich in Italien bis Samstag 53 578 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt – die Zahl der Infizierten stieg gegenüber dem Vortag um 6557, das sind 14 Prozent.

Die Regierung von Giuseppe Conte reagierte mit einer weiteren Verschärfung der Vorschriften: „Die Regierung hat die Entscheidung getroffen, im ganzen Land alle Betriebe zu schließen, die nicht absolut notwendig, entscheidend und unverzichtbar sind, um die Grundversorgung zu sichern“, sagte der Premier in einer Videobotschaft. Dies sei unumgänglich: „Wir befinden uns in der schlimmsten Krise der Nachkriegszeit. Aber gemeinsam werden wir sie meistern“, versprach Conte. Er forderte die Italienerinnen und Italiener auf, „Ruhe zu bewahren“.

Die meisten Fabriken des Landes werden nun vorerst bis zum 3. April stillstehen. Der Regierungschef versicherte, dass die Grundbedürfnisse der Bevölkerung weiterhin abgedeckt blieben: Die Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des Grundbedarfs sowie mit Medikamenten sei sichergestellt. Die Lebensmittelläden und Supermärkte blieben geöffnet, auch am Sonntag; Bank-, Post- und Versicherungsdienstleistungen seien ebenfalls garantiert. „Die italienische Wirtschaft wird gebremst, nicht stillgelegt“, betonte Conte. Gleichzeitig werden die bestehenden Ausgangsbeschränkungen zusätzlich verschärft: Sport im Freien wird verboten; der Aktionsradius der Bürger wird „auf das absolut Unerlässliche“ reduziert.

Conte zeigte sich erschüttert über die hohe Zahl der Toten: „Der Tod von so vielen Mitbürgern ist ein Schmerz, der jeden Tag wiederauflebt. Wegen der Werte, mit denen wir groß geworden sind, wegen der Werte, die wir auch heute noch teilen, sind diese Toten nicht einfach Nummern“, sagte der Premier.

Dass die Zahl der Toten weiterhin steigt, erstaunt die Experten nicht: „Inzwischen weiß man, dass vom Zeitpunkt der Ansteckung bis zum Auftreten der ersten Symptome durchschnittlich etwa sechs Tage vergehen. Weitere fünf Tage dauert es, bis ein Patient auf das Virus getestet wird – und noch einmal durchschnittlich fünf Tage vergehen, bis die Infektion zum Tod führt“, sagte Carlo Signorelli, Dozent für Hygiene und öffentliche Gesundheit in Mailand. „Die knapp 800 Toten vom Samstag sind also das Resultat der Situation, wie sie vor 16 Tagen herrschte.“ Die Maßnahme der Regierung, zuerst die Lombardei und 14 Provinzen und danach das ganze Land unter Quarantäne zu stellen, sei aber erst vor zwei Wochen erfolgt. Signorelli ist deshalb zuversichtlich, dass die neuen Regeln in wenigen Tagen Wirkung zeigen und dass der Höhepunkt der Epidemie „in Kürze“ erreicht sein werde.

Auch für die – gemessen an der Zahl der Infizierten – hohe Sterberate hat der Experte Erklärungen. In Italien überleben neun Prozent der Covid-19-Patienten die Infektion nicht, in der Lombardei sind es sogar zwölf Prozent, während die Sterberate in Wuhan laut der Weltgesundheitsorganisation bei 5,8 Prozent und im übrigen China bei 0,7 Prozent lag. Der Hauptgrund liegt laut Signorelli in der Messmethode: In Italien werden nur noch Patienten mit schweren Symptomen auf das Virus getestet – also Personen, deren Sterbewahrscheinlichkeit um ein Vielfaches höher liegt als bei einem jungen gesunden Menschen, der von seiner Infektion nichts ahnt. Ein weiterer Grund liegt im hohen Durchschnittsalter der italienischen Bevölkerung.

Und es gibt noch einen weiteren, gesellschaftlichen Grund: Er liegt im Respekt und der Zuneigung, die die Italiener ihren „nonni“, ihren Großeltern, entgegenbringen. Die älteren Menschen sind hier deutlich besser in die Familien integriert, und sie treffen sich auch untereinander viel häufiger. In jedem Dorf und in jedem Quartier gibt es ein „centro anziani“, also einen „Betagten-Treffpunkt“, wo die Senioren zum Plaudern oder Kartenspielen hingehen. Zwei voneinander unabhängige Studien der Universitäten von Oxford und Bonn zeigen, dass die „sozialen Interaktionen“ zwischen Jung und Alt und unter den Senioren in Italien intensiver sind als etwa in Deutschland oder in der Schweiz. Die bessere familiäre und gesellschaftliche Integration der „anziani“ und die damit verbundene höhere Gefahr einer Ansteckung spielt laut den Studien bei der hohen Sterberate in Italien „eine Schlüsselrolle“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion