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Lernte, die Bombe zu lieben: Der Darsteller und Songinterpret Dr. Strangelove. Seine Band "The Fallouts" stehen irgendwo im Radius.

"Ist es, ist es ...nuklear?" - "Ja, Sir, sehr nuklear!"

Strahlenkunde mit Schlagerstars: Wie die Popkultur vor 60 Jahren auf die Atombombe reagierte, zeigt die CD-Box "Atomic Platters"Wenn es um den Einfluss der Atombombe auf die Popkultur geht, so kommt einem zunächst alle mögliche in den Sinn. Allerdings waren diese Zeichen der Protestkultur erst Reaktionen zweiter Ordnung, denn zu Beginn des Atomzeitalters zeigten sich ganz andere Phänomene. Das renommierte deutsche Plattenlabel "Baer Family Records" hat nun ein Buch mit fünf CDs und einer DVD zum Thema herausgebracht.

Von CHRISTIAN SCHMITT

Wenn es um den Einfluss der Atombombe auf die Popkultur geht, so kommen einem zunächst singende Menschenketten in Grobgestricktem während österlicher Friedensmärsche in den Sinn, Nicoles Grand-Prix-Hit, die lustige rote Sonne auf den "Atomkraft? Nein danke!"-Aufklebern auf Renault-4-Heckklappen und grobmotorisch bedruckte Jutetaschen.

Allerdings waren diese Zeichen der Protestkultur erst Reaktionen zweiter Ordnung, denn zu Beginn des Atomzeitalters zeigten sich ganz andere Phänomene. Das renommierte deutsche Plattenlabel "Baer Family Records", ausgezeichnet mit dem Deutschen Schallplattenpreis 2004 und einer der Schliemänner unter den Audio-Archäologen, hat nun ein Buch mit fünf CDs und einer DVD zum Thema herausgebracht. Dabei behilflich war die amerikanische Organisation Conelrad, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kultur des Kalten Krieges zu erforschen und deren Erzeugnisse zu erhalten.

Atomic Platters - Cold War Music from the Golden Age of Homeland Security führt in die bizarre Welt der atomaren Mutationen amerikanischer Musik in den Jahren 1946 bis 1966. Die außergewöhnliche Kollektion versammelt mehr als 100 Hits, die weder Zündhemmungen noch Halbwertszeit kennen, den Hörer aber daran erinnern, dass Singen im dunklen Wald eine beruhigende Wirkung auf eine paranoide Psyche haben kann.

Exzellente Überlebenschancen

Dabei sind die Herangehensweise an Themen wie Atomtod, Heimatschutz und Kommunismus überraschend vielfältig. Wanda Jacksons Auseinandersetzung mit der Bombe in ihrem Lied "Fujiyama Mama" ist noch von eher plumper Art: "I have been to Nagasaki, and Hiroshima, too. The same I did to them, Baby, I can do to you", kündigt sie 1957 nicht eben feinfühlig, aber mit wahrhaft atomisierender Röhre an. Ebenso körperlich ist der Zugang von Bill Haley & His Comets: Mit lasziven Denkmodellen zum Thema "The Day After" imaginiert sich die Band in eine entvölkerte Stadt, in der dreizehn Frauen und das männliche Lyrische Ich überlebt haben: "13 Women (and only one man in town" ist eine Nummer, deren deutliche Moll-Grundierung trotzdem eine gewisse Zuversicht nicht verhehlen kann. Acht Jahre später, 1962, wird der Song von einer gewissen Ann-Margret in "13 Men" umgedeutet und wieder aufgelegt.

Sheldon Allmann dagegen, ein achtklassiger Crooner, preist 1960 in "Crawl out through the Fallout" seine medizinische Kusstechnik an: "I hold you close and kiss your radiationburns away".

Andere wiederum würden gerne mit Fidel oder "Joe Stalin" gerne persönlich ein Hühnchen rupfen oder verweisen auf die Allmacht Gottes, gegen die keine Bombe ankommt. Lowell Blanchard & The Valley Trio zum Beispiel jaulen sich 1950 mit dem Refrain "Jesus hits like an Atom Bomb" in eine derartige Hillbilly-Verzückung hinein, dass diese CD-Sammlung an dieser Stelle auch kulturanthropologische Vermutungen zulässt: Was ist schon eine nuklear verursachte Mutation gegen die Jahrhunderte lang gepflegte Appalacheninzucht?

Gespickt wird dieses einzigartig verstrahlte Potpourri mit diversen so genannten "Public Service Announcements", wertvollen kleinen Tipps zum korrekten Verhalten der Zivilbevölkerung nach dem Einschlag von Atomwaffen, gesprochen von Stars wie Bob Hope, Johnny Cash oder Groucho Marx: "Wussten Sie eigentlich," fragte er via Radio mit aufrichtigem Ernst, "dass Ihre Überlebenschancen bei einem Atombombenangriff exzellent sind?" Es folgt eine Auflistung der Bedingungen dafür, wie etwa, gute Feuerlöscher im Haus zu haben und ein Erste-Hilfe-Set. Was da genau zu befürchten war, blieb lange Zeit offenbar reichlich unklar, wie auch ein Dialog aus dem Spielfilm The 5000 Fingers Of Dr. T von 1953 zeigt: "Ist es, ist es ... atomar?" fragt Dr. T in aufgeregter Laune. "Ja, Sir, sehr atomar!" antwortet der Schauspieler Tommy Rettig als Bart Collins. Von ähnlich rührender Naivität wie die Songtexte und die Audiobeiträge gekennzeichnet erscheinen die Lehrfilme auf der DVD, die Teil des Sets ist. Hier erklärt zum Beispiel die sympathische Schildkröte Bert anschaulich die einzigartige Technik der Zivilverteidigung "Duck and Cover" im gleichnamigen Film von 1951. Hier wird das Wegducken nach dem Bombenblitz empfohlen, um der Druckwelle zu widerstehen. Es wird lebendig geschildert, wie angenehm fröhliche Runden in öffentlichen Schutzräumen verlaufen können, in denen man zwei Wochen locker herumbringen kann, um dann aus dem Bunker zu kraxeln und Amerika wieder aufzubauen.

Das ist alles einerseits auf höchst unterhaltsame Weise befremdlich, andererseits wirft es natürlich die unangenehme Frage auf, welche Werbespots heutigen Datums in sechzig Jahren, herausgegeben als historische Kuriositätensammlung, Lachen und Kopfschütteln hervorrufen werden.

Seltsam bekannt kommen einem nämlich auch die Strategien der Propaganda der fünfziger Jahre gegen den Kommunismus vor - trotz aller offenkundigen Grobschlächtigkeit der Argumentationsweise: "Was ist Kommunismus?" wird hier erläutert mit einer Auflistung der Kern-Wesenszüge seiner Vertreter: "Gottlos. Dreckig. Verlogen."Und dann noch dieser verräterische Faible für die Farbe Rot. Belegt wird all das mit Bildern, die mutmaßlich aus Arbeitslagern stammen, mit weltanschaulichen Details dagegen wird nicht viel Zeit verschwendet.

Die heutige Kommunikationsstrategie der US-Regierung mag subtiler, aufwendiger und teurer sein, doch Filme wie Warning Red und What is Communism verweisen auf die lange Tradition und tiefen kulturellen Verwurzelung der Ansicht: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Die kollektive Angst vor einem gemeinsamen Feind ist zwar heute wie damals ein wirksames Mittel zur Stabilisierung von Systemen, trotzdem ist das Amerika nach "9/11" nur begrenzt vergleichbar mit Atom-Ära. Denn so vertrauenswürdig-beschwingt lassen sich die entsprechenden Inhalte heute längst nicht mehr in einer bunten popkulturellen Verpackungen aussenden. Der Vorteil damals war außerdem: Zwar wurde die Bevölkerung für dumm verkauft, aber im Gegensatz zu heute immerhin beruhigt.

So hat der Megatod auch seine sentimentale Seite. Die Nostalgie des Kalten Krieges, die "goldene Ära des Heimatschutzes" erscheint rückblickend wie ein gesellschaftliches Paradies, in dem horrende Verteidigungsetats noch für Arbeit und Wohlstand sorgte, der Feind hinter einer Grenze lauerte und nicht an der nächsten Straßenecke. Und das musikalische Niveau war im Durchschnitt auch deutlich weniger schmerzhaft.

Die CD- und DVD-Box "Atomic Platter - Cold War Music From The Golden Age Of Homeland Security" erscheint heute auf Baer Family Records.

Dossier: 60 Jahre Atombombe

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