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Ist es Putins Krieg?

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„Putin verkörpert einen Führungsstil, den man toxische Führung nennt.“
„Putin verkörpert einen Führungsstil, den man toxische Führung nennt.“ © picture alliance/dpa/TASS

Die Sozialpsychologen Rolf van Dick (Goethe-Universität Frankfurt) und Ulrich Wagner (Philipps-Universität Marburg) sagen: Ohne das Mittun von Anhängern, Mitläuferinnen und „Untertanen“ kann keine Führung der Welt etwas erreichen.

Es besteht wohl weltweit und über alle politischen Lager hinweg Einigkeit darüber, dass Wladimir Putin den Krieg mit der Ukraine wollte und mit seiner dominanten Position im russischen Regierungsapparat auch die Entscheidung getroffen hat, wann er begann und wie er (bis heute) geführt wird. Aber ist es deshalb Putins Krieg?

Greifen die Erklärungsansätze, die allein Putins Persönlichkeit oder seine geheimdienstliche Vergangenheit oder seine persönlichen Verletzungen durch den Zusammenbruch der Sowjetunion als Hauptursachen für den Krieg heranziehen? Wir glauben, dass dies nur eingeschränkt der Fall ist und die Situation etwas differenzierter gesehen werden muss.

Putin verkörpert einen Führungsstil, den man toxische Führung nennt. Er ist im Innern immens einflussreich, aber er zerstört die Grundwerte der Menschen in Russland und darüber hinaus, er verletzt ihre Grundbedürfnisse und letztlich die Grundlagen für ein friedvolles Leben für sein eigenes Volk und die Welt, indem er es anstiftet, vermeintlich die russischen Interessen zu verfolgen – auch wenn dies Krieg bedeutet.

Drückt Putin auf die Auslöser?

Ist der Überfall auf die Ukraine deshalb allein Putins Krieg? Hat Putin Alexej Nawalny zu neun Jahren Straflager verurteilt? Nein, er war angeklagt von Staatsanwälten und das Urteil gesprochen hat eine Richterin. Verliest Putin die Nachrichten und redigiert persönlich die Inhalte?

Nein, es sind die Medienschaffenden, die dafür verantwortlich sind, dass die russische Bevölkerung über die Situation in der Ukraine aufgeklärt wird – oder auch nicht. Drückt Putin auf die Auslöser der Raketen, die Wohnhäuser in Kiew treffen, oder fliegt er die Flugzeuge, die Bomben über Charkiw abwerfen?

Autoren und Serie

Die Autoren: Rolf van Dick ist Professor für Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Die meisten werden schon einmal von den berühmt-berüchtigten Experimenten gehört haben, die Stanley Milgram oder Phil Zimbardo in den 1960er Jahren durchgeführt haben und die Menschen als grausame Wesen zeigten. Bei Milgram haben völlig normale Versuchsteilnehmer anderen Menschen (die in Wirklichkeit Verbündete des Versuchsleiters waren und die nicht zu Schaden kamen) vermeintlich tödliche Stromschläge verabreicht.

Bei Zimbardo haben männliche Studierende, die vom Versuchsleiter zufällig einer Gruppe von Wärtern zugeteilt wurden, in einem simulierten Gefängnis eine andere Gruppe, die die Rolle der Gefangenen einnehmen musste, gedemütigt und gequält.

Ein Weg aus der gegenwärtigen Situation wäre, dass Putin seine Gefolgschaft verlöre.

Rolf van Dick, Ulrich Wagner

Instruktionen für die Folterknechte

Neue Analysen zeigen aber, dass ein solches menschenverachtendes Verhalten nicht unausweichlich ist, sondern vor allem dadurch zustande kommt, dass die Folterknechte genaue Instruktionen bekommen und glauben, mit ihrem Handeln zur notwendigen Aufrechthaltung des Systems beizutragen. Je weniger die Menschen sich mit der Führungsperson identifizieren, desto weniger sind sie auch bereit, eigentlich unsittlichen und unmenschlichen Anweisungen Folge zu leisten.

Ohne das Mittun von Anhängern, Mitläuferinnen und „Untertanen“ kann keine Führung der Welt etwas erreichen. Ein Weg aus der gegenwärtigen Situation wäre, dass Putin seine Gefolgschaft verlöre, wenn die Menschen in Russland zunehmend bemerken, wie ihr Lebensstandard unter den wirtschaftlichen Repressionen zusammenbricht. Manche werden ihre Apathie aufgeben, und es wird zu zunehmenden Protesten kommen, die weitere Repressionen nach sich ziehen.

Und die Menschen in Russland werden mehr und mehr der Propaganda der russischen Regierung misstrauen. All das, die Verbesserung der Informationslage für die Menschen in Russland, ihre Selbstermächtigung zur aktiven politischen Teilnahme, zusammengefasst: die Stärkung der russischen Zivilgesellschaft, sind erfolgversprechende Komponenten, einer solch toxischen und tödlichen Führung wie der Putins ein Ende zu bereiten.

Zu kritischer Berichterstattung ermutigen

Polizistinnen und Polizisten in Moskau oder St. Petersburg müssen erfahren, dass sie nicht die russischen Interessen vertreten, wenn sie Demonstrierende niederknüppeln. Richterinnen und Staatsanwälte müssen verstehen, dass sie nicht der Justiz, sondern einem illegitimen System dienen. Medienschaffende müssen zu kritischer Berichterstattung ermutigt werden – und wenn sie noch so klein und versteckt daherkommt.

Und wenn schließlich russische Frauen erfahren, was tatsächlich in der Ukraine passiert mit ihren Männern, Söhnen und Brüdern, wenn russische Männer erfahren, was ihre ukrainischen Kollegen, zu denen sie Verbindungen hatten, derzeit in Mariupol erleiden müssen, dann kann vielleicht etwas erreicht werden.

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