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Ist eine gemeinsame ukrainisch-russische Zukunft denkbar?

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Protest gegen das Verbot von Memorial Ende 2021 in Moskau: Laut Schattenberg bleibt die Organisation auch im Exil wichtig. Foto: Alexander NEMENOV / AFP.
Protest gegen das Verbot von Memorial Ende 2021 in Moskau: Laut Schattenberg bleibt die Organisation auch im Exil wichtig. Foto: Alexander NEMENOV / AFP. © AFP

Wenige Wochen vor dem Angriff auf die Ukraine verbot Russland die Menschenrechtsorganiation Memorial. Osteuropa-Expertin Susanne Schattenberg schildert, wie die Mitglieder im Exil weiterarbeiten.

Je weiter sich der russische Angriff in einen Stellungskrieg verwandelt, desto mehr schwinden die Aussichten auf Friedensverhandlungen, da keine Seite ihren Zielen – die Ukraine der Befreiung, Russland der Unterwerfung der Ukraine – näherkommt. Möglicherweise wird der russische Präsident Wladimir Putin vor Beginn des Winters eine Verhandlungspause anbieten, die er vermutlich in erster Linie nutzen wird, um neue Waffen und Truppen zu organisieren. Bestenfalls wäre ein Waffenstillstand bis zum Frühjahr zu erwarten, bevor die russische Aggression weiterginge.

Eine Chance auf Frieden scheint es nur dann zu geben, wenn Putin abträte oder aufgrund bisher nicht erkennbaren gesellschaftlichen Drucks einlenkte, wenn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj aufgäbe, in der Hoffnung, den Krieg so zu stoppen, oder wenn einer der beiden Seiten die Waffen ausgingen.

Auf der russischen Seite steht die Schuld und die Scham

Abgesehen von der offenen Frage, wie ein solcher Friedensschluss und das Gebiet der Ukraine danach aussähen, stellt sich die Frage, wie die zwei Länder nach dem Angriffskrieg wieder zusammenfinden können.

Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Foto: Universität Bremen/Matej Meža.
Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Foto: Universität Bremen/Matej Meža. © Matej Meza / Universität Bremen

Auf der russischen Seite steht die Schuld und die Scham, sich „mit Hitler gleichgemacht“ zu haben, wie es viele Russ*innen formulierten, die nicht Putins Propaganda von der „Spezialoperation“ zur „Befreiung der Ukraine“ gefolgt und ausgereist sind. Auf der ukrainischen Seite steht das Trauma des Überfalls, der Zerstörung und des Genozids.

Heute sind die Memorial-Mitarbeiter*innen in aller Herren Länder verstreut

Die deutsche Erfahrung mit der eigenen Tätergeschichte zeigt, dass Jugendkontakt und Austauschprogramme helfen, die Kluft zum einstigen „Erzfeind“ zu überwinden. Der Zivilgesellschaft wird also eine große Bedeutung beim Brückenbau zukommen.

Zur Serie

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen.

Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen.

Umso wichtiger ist es, die inzwischen hauptsächlich in der Diaspora lebende russische Zivilgesellschaft zu stärken. Das betrifft vor allem die Nichtregierungsorganisation Memorial, die wegen ihrer unbestechlichen Aufarbeitung des Stalinismus im Dezember 2021 verboten wurde. Hatten sich die Memorial-Mitglieder damals über den Zeitpunkt gewundert, gab ihnen Putin am 24. Februar indirekt eine Antwort: Memorial wäre die wichtigste Stimme gegen diesen Krieg gewesen.

Das Ziel: eine Grundlage für Projekte mit Ukrainer*innen nach dem „Tag X“

Heute sind die Memorial-Mitarbeiter*innen aus Moskau, Petersburg und Perm in aller Herren Länder verstreut, viele in Deutschland. Vor der Abreise haben sie Tausende von Archiven von Stalinismusopfern versteckt.

Es geht Memorial nicht nur darum, die eigene Geschichte zu retten und gegen Putins Verdrehungen zu schützen. Die Arbeit an der gemeinsamen sowjetischen Geschichte soll auch Grundlage für Projekte mit Ukrainer*innen nach dem „Tag X“ sein. Sich direkt nach dem Friedensschluss mit der jüngsten Gewalt auseinanderzusetzen wird unmöglich, glauben die Memorial-Mitglieder.

Memorial-Mitglied: „Darf keine ‚Cancel Culture‘ geben“

Mitarbeiter*innen, die in Russland geblieben sind und deren Namen zu ihrem Schutz nicht genannt werden dürfen, sagen, man müsse jetzt Plattformen vorbereiten, um nach dem Krieg sofort mit ukrainisch-russischen Kooperationen beginnen zu können. Nur über die Beschäftigung mit der geteilten Geschichte werde es irgendwann möglich sein, auch über den jüngsten Angriffskrieg zu sprechen. Damit bis dahin die in Russland verbliebenen Dokumente gerettet werden, bedürfe es Stipendien für Mitarbeiter*innen, die vor Ort digitalisieren.

Nikita Lomakin, der mit einer kleinen Gruppe von Memorial Moskau an die Forschungsstelle Osteuropa in Bremen geflüchtet ist, wünscht sich aber auch eine Unterstützung der Putin-Flüchtlinge in Deutschland: „Die vielen geflohenen Akademiker*innen brauchen eine Perspektive auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Auf keinen Fall darf es eine ‚Cancel Culture‘ gegenüber Russ*innen und ihren Themen geben.“ Im Gegenteil müsse die russische Zivilgesellschaft in der deutschen Diaspora gestärkt werden, damit es nach dem „Tag X“ noch jemanden gibt, mit dem die Ukrainer*innen gemeinsam in die Zukunft blicken können.

Susanne Schattenberg ist Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen und leitet die Forschungsstelle Osteuropa.

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