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Kreuzberg ist längst gentrifiziert. Das strahlt in die Nachbarschaft ab.
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Kreuzberg ist längst gentrifiziert. Das strahlt in die Nachbarschaft ab.

Gentrifizierung

"Ist ja alles so teuer geworden"

Wie viel Wachstum verkraften deutsche Städte, ohne die Menschen zu verlieren, die sie lebenswert machen? Ein Besuch in Berlin.

Von Silvia Perdoni

Rita Timm sah durch ihr Schlafzimmerfenster, wie Männer die Berliner Mauer aufbauten. Damals, 1961, schreckte sie morgens aus dem Bett hoch, als sie von der Straße Baulärm hörte. Handwerker waren da, ein Lastwagen mit Steinen und Zaundraht – und plötzlich stiegen Fremde in ihrem Hausflur in den vierten Stock hinauf, um rüber in den Osten zu winken. Sie wohnte nun an der härtesten Grenze der Welt.

Rita Timm sah durch ihr Schlafzimmerfenster auch, wie Männer die Berliner Mauer wieder einrissen. Damals, 1990, kam sie irgendwann von der Arbeit nach Hause, und es fehlte ein Stück Wall. Wieder waren Handwerker da, Kräne und Lastwagen – und plötzlich blickte sie auf einen Grünstreifen, der so friedlich dalag, als wäre nie etwas gewesen. Sie wohnte nun im geografischen Zentrum einer geeinten Stadt.

Seit Montag guckt Rita Timm nicht mehr durch ihr altes Schlafzimmerfenster. Handwerker haben ihr neue Scheiben und Rahmen eingebaut. Ihr Haus in der Stallschreiberstraße wird saniert. Denn Rita Timm wohnt mittlerweile im Herzen eines Booms, genau an der Bezirksgrenze zwischen Mitte und Kreuzberg, wo Schickeria und Schrammeligkeit zu „Kreuzmitte“ verschmelzen.

Rita Timm, 82 Jahre alt, hat sich lange gegen die neuen Fenster gewehrt. Weil sie alle Bilder, Vasen, Puppen und Figuren drum herum mühsam in Kisten verpacken musste. Weil sie wegen der Fenster bald mehr Miete zahlen muss. Und weil diese Fenster ihr zu verstehen geben, dass Alteingesessene wie sie eigentlich nicht mehr in dieses Quartier passen.

Rund um die Otto-Suhr-Siedlung, wo Rita Timm seit 59 Jahren wohnt, wo Berlin laut Sozialstrukturatlas noch heute am ärmsten ist, sind in den vergangenen Jahren neue Wohnkomplexe entstanden, schicke Bauten mit Glasbalkonen, Fußbodenheizung und Tiefgaragen.

Der Verteilungskampf um Aufwertung, Sanierung und Verdrängung, der in vielen deutschen Städten tobt – vielleicht wird er nirgends so greifbar wie im Schlafzimmer von Rita Timm.

Hier in ihrem Haus, einem ehemaligen Sozialbau aus den 50er-Jahren, lässt sich der Vermieter die Modernisierung teuer bezahlen. „In der Nachbarschaft wohnen Alte und Behinderte, für die es schwer wird, die Mieterhöhung zu stemmen“, sagt Rita Timm. „Aber wo sollen sie hin? Ist ja alles so teuer geworden.“

In Deutschland fehlen eine Million Wohnungen, sagt der Deutsche Mieterbund. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte, Wohnraum ist zum Luxusgut geworden. Selbst Normalverdiener haben es schwer, einen Platz für sich und ihre Familien zu finden. In einer Meinungsumfrage geben 61 Prozent der Befragten an, die nächste Regierung müsse sich dringend um bezahlbaren Wohnraum kümmern.

Das findet auch Rita Timm. Sie sitzt auf ihrem Sofa, an der Wand hängen Bilderteppiche, die Adlige zeigen; ihre Mutter hat sie selbst bestickt. Die Schränke in der „Schlafstube“, wie Rita Timm den Raum nennt, hat ihr Mann gebaut, der vor ein paar Jahren gestorben ist.

42 Jahre lang haben die beiden in derselben Firma für Schreibmaschinenteile gearbeitet. Jeden Morgen sind sie zusammen ins Büro nach Tempelhof gefahren. Neben der Couch steht ein Foto von Rita Timms Mann. Das gesamte gemeinsame Leben des Ehepaars hat in dieser Wohnung stattgefunden.

„137 Euro soll ich in Zukunft mehr bezahlen“, sagt Rita Timm. Bisher kostet ihre Dreizimmerwohnung 509 Euro warm, nun sollen es 646 Euro werden. Rund zehn Euro pro Quadratmeter zahlt sie dann – immer noch ein Preis, von dem neue Mieter in dem Viertel nur träumen können. Und dennoch zu viel für Arbeitslose, Alleinerziehende oder Aufstocker.

In einigen Nachbarwohnungen sollen die Mieten um bis zu 80 Prozent steigen, das hat Rita Timm von Mitgliedern der Anwohnerinitiative in der Siedlung gehört. Möglich wird das durch das deutsche Recht: Vermieter dürfen elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Mieter umlegen.

Der mit 1 700 Wohnungen größte Vermieter in der Otto-Suhr-Siedlung ist die Deutsche Wohnen. Und die kalkuliert sogar damit, die Quadratmeterpreise im Kiez verdoppeln zu können. Das schreibt das Unternehmen in einer nicht-öffentlichen Präsentation für Investoren.

Eigentlich hatte die Bundesregierung schon in dieser Legislaturperiode versprochen, solche Geschäfte mit Modernisierungen einzuschränken – passiert ist jedoch nichts. Einen kleinen Erfolg gab es für die Bewohner hier aber doch: Der Bezirk will ihre Siedlung unter Milieuschutz stellen und hat weitere Sanierungsschritte vorerst untersagt.

Rums! Vor Rita Timms Fenster kracht Schutt auf einen Haufen. Seit ein paar Monaten wacht sie morgens wieder von Baulärm auf. „Fast wie damals.“ Sie lächelt vorsichtig. Auf dem alten Mauerstreifen haben im Frühjahr die Arbeiten für eine neue Siedlung begonnen. Hier entsteht das Quartier Luisenpark, ein „exklusives Neubauprojekt in der Mitte Berlins“, wie es in der Broschüre heißt.

Ein Plakat am Bauzaun zeigt ein weißes Gebäude in der Dämmerung, aus Panoramafenstern fällt Licht. „Cosmopolitan Houses“ steht darüber. Was „cosmopolitan“ heißt, weiß Rita Timm nicht. Und dennoch ahnt sie, was es für ihren Kiez bedeutet: „Noch mehr Eigentumswohnungen!“ Die alte Frau fühlt sich an der Nase herumgeführt von der Bundesregierung und dem Berliner Senat. „Immer heißt es, die bauen. Aber was bauen sie? Eigentumswohnungen! Das bringt uns nichts.“

In der Tat hat der Bund eines der letzten großen Filetgrundstücke im Zentrum, direkt vor dem Fenster von Rita Timm gelegen, nicht an die Stadt verkauft, damit hier günstige Wohnungen entstehen können. Er verkaufte das zweieinhalb Fußballfelder große Areal im vergangenen Jahr an den Meistbietenden: einen privaten Investor. Für 29,1 Millionen Euro.

Ein Deal zuungunsten der Mieter, der dem Gesetz entspricht. Demnach soll der Bund seine Immobilien zum Höchstpreis verkaufen – was er in der Regel tut. Ein Antrag, die Praxis zu ändern, scheiterte im Jahr 2015 im Bundestag. Immerhin: Im Fall des Grundstücks vor Rita Timms Fenster einigte man sich auf einen Kompromiss. So entstehen nicht nur 409 Eigentumswohnungen, sondern auch 139 günstige Einheiten, die eine Landesgesellschaft vermieten wird.

Rums! Wieder kracht Schutt auf den Berg. Das hört man auch auf der westlichen Seite des Baugrundstücks. Hier, etwa 150 Meter von Rita Timms Wohnung entfernt, befinden sich die „Fellini Residences“. Die Fassade des Gebäudes ist mit beigem Sandstein verkleidet, über ein vornehmes Eingangsportal betreten Besucher eine Piazza mit einem Zierbrunnen – wenn sie denn durch das stets verschlossene schwarze Tor gelangen.

Im dritten Stock des Seitenflügels wohnt Rohan Dutta. Dielen aus Naturholz bedecken den Fußboden, durch eine weiße Kassettentür gelangt man ins Wohnzimmer mit offener Einbauküche. Alles sieht hochwertig aus – und trotzdem fühlt sich Rohan Dutta nicht wohl.

„Ich mag es nicht, wenn alles so glänzt“, sagt er auf Englisch. Vor zwei Jahren kam der 30-Jährige aus Indien nach Berlin, um als IT-Berater zu arbeiten. Er ist ein bescheidener Mann, einer, der den Chefposten herunterspielt und höflich Getränke anbietet.

Die Straßen um seine Wohnung nennt er „Zombieland“. Hier, südlich vom Spittelmarkt, gibt es zwei Supermärkte, aber keine Spätis, keine Metzger, keine Gemüsehändler. Ein paar Restaurants bieten Mittagstisch für die Leute aus den umliegenden Büros an. Abends machen sie zu. Menschen sind dann kaum zu sehen auf den Straßen. Und viele Fenster bleiben dunkel. Hinter ihnen liegen Eigentumswohnungen, für deren Besitzer es unerheblich ist, ob sie vermietet sind oder nicht. Sie sind Kapitalanlagen.

Die Gegend, die bis Anfang der 2000er-Jahre vor sich hin vegetierte, schickt heute eine Warnung hinüber nach Kreuzberg: So sieht die Stadt aus, wenn nur am Profit interessierte Privatinvestoren sie bauen.

Obwohl Rohan Dutta das Viertel nicht mag, ist er im Februar bereitwillig aus einer Wohngemeinschaft in Prenzlauer Berg in den Fellini-Bau gezogen. Er brauchte mehr Platz, weil auch Ria, seine Frau, nach Berlin zog. Er erzählt, wie schwer es war, ohne Deutschkenntnisse eine Bleibe zu finden – trotz seines gut bezahlten Jobs. Als ein Kollege Anfang des Jahres kündigte, um ein Angebot in Dubai anzunehmen, stellte sich Dutta als Nachmieter in dessen Wohnung vor. Etwa 20 Euro Warmmiete pro Quadratmeter zahlt er hier, insgesamt rund 1300 Euro pro Monat.

Anders als ihr Mann fühlt sich Ria Dutta, 25, im „Zombieland“ wohl. „Es ist ruhiger als in Indien, nicht so viele Menschen.“ In Kolkata wohnte sie mit ihren Eltern, Tanten, Onkel und Cousins in einem Haus, zwölf Personen waren sie. Ria Dutta, die mit ihren langen schwarzen Haaren noch recht kindlich wirkt, mag die Anonymität und die Stille. Dass nicht jeder mitkriegt, wann sie aufsteht, wen sie trifft und mit wem sie telefoniert.

Indien, die Heimat, ist die Bezugsgröße für das junge Paar. Erzählt man ihnen, dass Berliner Angst vor einer Aufwertung ihres Viertels haben, vor steigenden Mieten und Verdrängung, wundern sie sich. „Ich habe in Bangalore gelebt“, erzählt Rohan Dutta, „in Indiens IT-Boomtown. Dort wohnt kein Mensch mehr in der Innenstadt, das ist unbezahlbar.“ Und in Deutschland? „Hier passiert das nicht. Die Regierung ist super organisiert, die haben da ein Auge drauf.“

Das wird auch nötig sein in den kommenden Jahren. Denn die Wohnungspolitik steht vor Herausforderungen. Da gibt es die Mietpreisbremse, die nicht funktioniert. Da gibt es Quartiere im sozialen Wohnungsbau, die ihre Preisbindung und damit die auf Jahre festgelegte günstige Miete verlieren. Und nicht zuletzt gibt es die große Frage: Wie viel Wachstum verkraften deutsche Städte, ohne die Menschen zu verlieren, die sie lebenswert machen?

Rohan und Ria Dutta zucken auf ihrem Sofa zusammen, als wieder ein Brocken auf den Schuttberg fällt. Ewig wollen sie hier nicht bleiben, sagen sie. Vielleicht in einen anderen Bezirk ziehen, vielleicht zurück nach Indien, vielleicht kommt ein Angebot – irgendwoher. So weit planen sie nicht.

Rita Timm drüben in der Otto-Suhr-Siedlung will bleiben, sparsamer leben, um die Miete zu stemmen. Und wenn der Vermieter irgendwann noch mehr Geld will? So weit plane sie nicht, sagt auch sie.

Bald wird das Haus zwischen den Duttas und Rita Timm fertig sein. Schuttberge, Fundament, Stahlträger, Mauern – jeden Tag passiert etwas auf der Baustelle. Alle drei sehen durch ihre Fenster zu, wie hier ein neues Stück Stadt entsteht. Viel Hoffnung, dass das Leben im Kiez dadurch besser wird, haben sie nicht.

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