ANALYSE

Israels Stärke ist auch seine Schwäche

Auch wenn das politische Ende Ariel Scharons vorübergehend Unruhe in die israelische Politik bringt, so ist akute Gefahr für Israel nicht in Verzug: Der

Von MICHAEL LÜDERS

Auch wenn das politische Ende Ariel Scharons vorübergehend Unruhe in die israelische Politik bringt, so ist akute Gefahr für Israel nicht in Verzug: Der jüdische Staat bleibt die stärkste Militärmacht im Nahen und Mittleren Osten. Diese Stärke ist gleichzeitig aber auch eine Schwäche. Denn die israelische Politik speist sich aus Bedrohungsszenarien, wie sie letztmals im Oktober-Krieg 1973 eingetreten sind: Ein Angriff der arabischen Nachbarn.

Dieses Szenario ist heute obsolet. Kein arabischer Staat ist mehr willens oder in der Lage, Israel anzugreifen. Ägypten und Jordanien haben längst Frieden mit Israel geschlossen; mit Syrien gäbe es heute höchstwahrscheinlich einen Friedensvertrag, wäre nicht Premier Rabin 1995 ermordet worden. Seinen Nachfolgern fehlte die Bereitschaft, die 1967 besetzten und 1980 annektierten Golan-Höhen Syrien zurückzugeben. Selbst die antisemitischen Ausfälle von Irans Präsident Ahmadinedschad sind in erster Linie Rhetorik und interessieren in der eigenen Bevölkerung bestenfalls Parteisoldaten.

Aus arabischer Sicht ist Israel zwar ein Fremdkörper. Ein westlich orientierter Staat, der vorbehaltlos US-amerikanische Interessen in der Region vertritt. Doch ausnahmslos alle arabischen Staaten haben sich mit Israel arrangiert. Israelische Geschäftsleute, Politiker und Touristen reisen heute problemlos nach Marokko oder Tunesien, nach Bahrein, Qatar oder in die Vereinigten Arabischen Emirate, obwohl diese Länder Israel nicht anerkennen.

Auf der Gipfelkonferenz der Arabischen Liga in Beirut, im März 2002, bot die saudische Regierung Israel namens der Liga einen umfassenden Friedensvertrag an - unter der Voraussetzung, dass sich Israel aus allen 1967 besetzten Gebieten zurückzieht. Ariel Scharon wies das Angebot empört zurück. Für die meisten Israelis ist es undenkbar, das Westjordanland, das biblische Judäa und Samaria, zu Gunsten eines palästinensischen Staates vollständig zu räumen, ganz zu schweigen von Ost-Jerusalem. Die palästinensische Realität wird verdrängt oder dämonisiert, unter Verweis auf den Terror der Hamas. Dass dieser Terror mit der Besatzung ursächlich zusammenhängt, diese Einsicht kommt einem Tabu gleich.

Der Schlüssel zum Frieden

Gerade weil Israel stark ist, ignoriert ein Großteil seiner Bevölkerung die Haltung der arabischen Nachbarn. Viel wichtiger erscheint die uneingeschränkte Unterstützung durch die USA und die EU. Allerdings werden die Araber, weder die Regierungen noch die jeweilige Bevölkerung, wohl kaum einen jüdischen Staat in ihrer Mitte wirklich annehmen, solange Israel seine Siedlungspolitik im Westjordanland fortsetzt und die Palästinenser jeden Tag demütigt. Die arabischen Regime mögen unfähig sein und die Palästinafrage nur als Ventil benutzen, um von eigenen Versäumnissen abzulenken - emotional wie politisch ändert das nichts daran, dass Israel in erster Linie als brutale Besatzungsmacht gesehen wird.

Gewiss gibt es Araber, die Israel und die Juden hassen. Es gibt auch Israelis, die Araber und Muslime hassen. Doch gerade weil Israel die stärkste Militärmacht in der Region ist, liegt der Schlüssel zum Frieden einzig in der Einsicht, dass das Recht des Stärkeren nicht das Völkerrecht ersetzt.

Schon aus Gründen der Demografie. Zwischen Mittelmeer und Jordan haben die Palästinenser den jüdischen Bevölkerungsanteil zahlenmäßig mittlerweile überholt. In zehn Jahren wird es mindestens eine Million Palästinenser mehr geben als jüdische Israelis. 85 Prozent der Palästinenser sind jünger als 32 Jahre, und sie alle wollen ein Ende der Besatzung. Beide Seiten brauchen dringend pragmatische Führer. Der größte Albtraum für die Region wäre daher ein Likud-Sieg unter Benjamin Netanyahu bei den anstehenden Wahlen in Israel und ein Hamas-Sieg auf palästinensischer Seite.

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