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Ein wütender Mob stürmt die Botschaft und legt Feuer. Bei anschließenden Zusammenstößen mit der Polizei sterben vier Menschen.

Angriff auf Botschaft

Israels Rückzug aus Ägypten

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Nach der Erstürmung ihrer Botschaft in Kairo bemüht sich die Regierung in Jerusalem um Entspannung. Das Drama hat dabei längst eine internationale Dimension entwickelt.

Nach der Erstürmung ihrer Botschaft in Kairo bemüht sich die Regierung in Jerusalem um Entspannung. Das Drama hat dabei längst eine internationale Dimension entwickelt.

Es waren dramatische Stunden, die sechs Sicherheitsleute hinter einer verriegelten Metalltür in der israelischen Botschaft in Kairo verbrachten. Die Angst, am Ende von dem draußen wütenden Straßenmob gelyncht zu werden, saß ihnen im Nacken.

„Falls mir etwas zustößt“, soll einer von ihnen – 28 Jahre alt und Jonathan genannt – am Telefon Israels Premier gebeten haben, möge der seine Mutter persönlich, von Angesicht zu Angesicht, informieren.

„Haltet durch“, erwiderte Benjamin Netanyahu, der das Geschehen in der Nacht zum Samstag im Lagezentrum des Jerusalemer Außenministeriums verfolgte. Israel werde alles in seiner Macht Stehende tun, die sechs Männer heil nach Hause zu bringen.

Am Ende, kurz vor Morgengrauen, waren es ägyptische Rettungseinheiten, die die belagerten Israelis aus dem 21. Stock des Botschaftsgebäudes herausholten, sie in arabische Gewänder hüllten und sie derart getarnt zum Flughafen schleusten. Von dort war bereits eine Boeing der israelischen Luftwaffe mit nahezu dem gesamten diplomatischen Personal Richtung Tel Aviv gestartet – an Bord auch der Botschafter Yitzhak Levanon sowie Angehörige, alles in allem 80 Leute. Aber bis auch die letzten Sechs ausgeflogen waren, hatte das Drama längst eine internationale Dimension entwickelt.

Selbst US-Präsident Barack Obama griff zum Hörer, um der ägyptischen Militärregierung die Dringlichkeit des Eingreifens klar zu machen. Die Lage vor der Botschaft war im Laufe des Freitagabends immer mehr außer Kontrolle geraten. Einige tausend anti-israelischer Demonstranten hatten mit Stangen eine Sicherheitsmauer durchbrochen und das Hochhaus gestürmt. Ägyptische Polizei sah offenbar noch zu, als die entfesselte Vorhut Dokumente aus der israelischen Konsularabteilung im 16. Stock auf die Straße schleuderte.

Szenen, die nicht nur Israelis schockierten. Peinlich waren sie überdies für die militärische Übergangsregierung in Kairo, die sich den Vorwurf gefallen lassen musste, wider internationales Recht Angriffe auf Botschaften zu dulden. Zumal Mohammed Hussein Tantawi, Chef des Obersten Militärrates in Ägypten, für die Israelis stundenlang nicht zu sprechen war. Erst als sich die Amerikaner auf Bitten von Netanyahu und Verteidigungsminister Ehud Barak einschalteten und Tantawi mit ernsten Konsequenzen drohten, wendete sich das Blatt.

Am Sonntag schlug man zwar wieder versöhnliche Töne an. So versicherten sich Kairo und Jerusalem, weiterhin am Friedensvertrag festzuhalten. Auch soll der israelische Botschafter möglichst bald wieder nach Ägypten entsendet werden. Wann die Lage dies erlaubt, ist jedoch längst noch nicht klar.

Der Beifall der Straße

Immerhin, der ägyptische Informationsminister Osama Haikal hat den Sturm auf die Botschaft einen „kriminellen Sabotageakt“ genannt. Registriert wird in Israel ebenso, dass weder die ägyptische Protestbewegung 6. April noch die Moslembrüder – die Träger der Revolution auf dem Tahrir-Platz – bei der Botschaftsbesetzung mitgemacht haben wollen.

Womöglich waren es ja tatsächlich Provokateure im fremden Dienste oder im Auftrag des gestürzten Hosni Mubarak. Nur, den Beifall der Straße erhielten sie, weil dort die Empörung über Israels selbstgerechte Politik im Umgang mit den Nachbarn wächst.

Der Tod von fünf ägyptischen Soldaten, die Israels Armee kürzlich im Grenzgebiet bei der Verfolgung von Terroristen irrtümlich erschoss, hat dazu genauso beigetragen wie die von Netanyahu verweigerte Entschuldigung für neun getötete türkische Aktivisten bei der Kaperaktion der Gaza-Flottille. Ganz zu schweigen von der israelischen Besatzungs- und Besiedlungspolitik in der Westbank. Israel müsse endlich „seiner zunehmenden politischen Isolation“ ins Auge sehen, sprach sich Verteidigungschef Barak für eine Sondersitzung des Kabinetts aus.

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