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Israelische Generalkonsulin über die Documenta: „Es war blanker Antisemitismus“

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Von: Andreas Schwarzkopf, Thomas Kaspar

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Israels Generalkonsulin Carmela Shamir spricht im Interview über die Documenta, ein deutsch-israelisches Jugendwerk und ihr Wirken in Deutschland.

Frau Shamir, als Diplomatin sind Sie bereits in London, Tokio, Usbekistan und Brüssel gewesen. Ist Ihre Station in Deutschland für Sie etwas Besonderes?

Für mich ist jeder Ort wichtig, an dem ich diplomatisch arbeite. Ich möchte auch nicht nur dort leben, sondern ein Teil der Gesellschaften werden. Ich habe diese Tätigkeit gewählt, weil es mehr für mich ist als nur Arbeit. Und jeder Ort, an dem ich bisher wirkte, hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Deutschland hat allerdings einen besonderen Charakter für mich. Viele Menschen sind sehr positiv gegenüber Israel eingestellt. Überall gibt es offene Türen. Es entstehen fruchtbare Kooperationen. Das hat nicht nur mit der historischen Verantwortung Deutschlands zu tun, sondern vielmehr mit dem Interesse an Israel.

Gibt es ein Ereignis oder eine Situation, die das verdeutlicht?

Mein erstes Jahr in Deutschland war sehr emotional. Wir haben lange das Gedenken an das mörderische Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972 vorbereitet. Dabei haben uns sehr viele Menschen – alte und junge – unterstützt. Sie haben auch viel mit mir darüber gesprochen und Anteil genommen. Dabei ging es nicht nur darum zu erinnern, sondern auch zu verhindern, dass derlei wieder passiert. Viele haben auch versichert, dass sie sich für die Sicherheit Israels einsetzen und weiter gegen Antisemitismus kämpfen. All das hat mich sehr bewegt.

Die israelische Generalkonsulin Carmela Shamir beschreibt ihr erstes Jahr in Deutschland als sehr emotional.
Die israelische Generalkonsulin Carmela Shamir beschreibt ihr erstes Jahr in Deutschland als sehr emotional. © Michael Schick

Israels Generalkonsulin: Documenta war „blanker Antisemitismus“

Was hat Sie bei der Gedenkveranstaltung besonders berührt?

Beeindruckend war vor allem das Treffen in Fürstenfeldbruck, an dem beide Präsidenten teilnahmen. Tief bewegt hat mich Ankie Spitzer. Sie las eine Art Liebesbrief an ihren Mann und Fechttrainer Andrei Spitzer vor, der damals beim Massaker auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck starb. Sie erzählte davon, wie sie gemeinsam das Leben planten, von ihrem zwei Monate alten Baby, davon, wie sehr die Abwesenheit ihres Mannes ihr Leben mitbestimmte. Dadurch konnte ich den großen Verlust der Hinterbliebenen besser verstehen.

Die Documenta und antisemitische Bilder haben eine heftige Debatte in Deutschland ausgelöst. Wie haben Sie die Diskussionen verfolgt?

Wir wussten vor der Documenta bereits vieles über die ausgestellten Werke, waren dann aber doch von dem Ausmaß des Antisemitismus geschockt. Das hatte nichts mit der Freiheit der Kunst zu tun oder mit legitimer Kritik an Israel. Es war blanker Antisemitismus. Und nicht nur Israelis, sondern auch sehr viele Menschen in Deutschland waren ebenfalls geschockt.

Israels Generalkonsulin will Sichtweise auf Israel erweitern

Jüngst haben Israel und Deutschland beschlossen, ein gemeinsames Jugendwerk zu gründen? Warum ist das wichtig?

Die Jugend ist die Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen. Die Bundesregierung und die deutsche Gesellschaft sind Israel und der Sicherheit unseres Landes zugetan. Damit dies so bleibt, müssen wir Jugendliche, die nächste Generation, aus beiden Ländern zusammenbringen. Mit dem Besuch des jeweils fremden Landes entsteht eine Bindung, die ein Leben lang hält. Davon berichten jedenfalls Menschen, die beispielsweise in den 1970er Jahren mit Israelis eine Weile in einem Kibbuz gearbeitet haben. Jugendliche können aber auch gerne israelische High-Tech-Firmen oder das Leben in Tel Aviv kennen lernen.

Wie erleben Sie die jüngere Generation hierzulande, die nach den Ergebnissen einer Bertelsmann-Stiftung eher kritisch auf Israel blickt? Zudem hatten demnach zwei Drittel der Befragten noch nie Kontakt mit Israelis?

Deutsche Jugendliche und junge Erwachsene, mit denen ich gesprochen habe, sind sehr interessiert und neugierig. Ich sehe meine Aufgabe hier darin, ihr Wissen über und ihre Sichtweise auf Israel zu erweitern. So erzähle ich ihnen vom lebendigen Lebensstil junger Menschen in Israel, von Innovationen in Israel und unserem Engagement, zur Lösung globaler Herausforderungen wie dem Kampf gegen den Klimawandel beizutragen, vom Essen, von der Musik und von unserer Kultur

Israels Generalkonsulin hat in Deutschland nur „offene und respektvolle Gespräche geführt“

Hat Sie niemand verbal angegriffen oder beleidigt?

Nein. Bisher habe ich nur offene und respektvolle Gespräche geführt. Manchmal werden mir Fragen zur politischen Lage in Israel und im Nahen Osten gestellt, und ich schildere die großen sicherheitspolitischen Herausforderungen, mit denen Israel konfrontiert ist, sowie die sehr positiven Entwicklungen, die wir in unserer Region erlebt haben, insbesondere im Hinblick auf das Abraham-Abkommen. Und ich betone auch die Bedeutung der deutsch-israelischen Beziehungen und die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

Interview: Thomas Kaspar und Andreas Schwarzkopf

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