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Ein junger Palästinenser hat eine Israelin mit einem Messer attackiert - es ist der alltägliche Terror derzeit in Jerusalem.

Israel

Israelis in Angst

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Die täglichen Messerattacken - häufig von palästinensischen Teenagern verübt - lösen in Israel Angst und Schrecken aus. Dort, wo ein Anschlag passiert, stehen die Menschen unter Schock.

Küchenmesser können eine gefährliche Waffe sein, auch Scheren und Schraubenzieher. Irgendwo beim Einkaufen auf dem Markt, beim Spaziergang, beim Warten an der Haltestelle unversehens angestochen zu werden, empfinden die Israelis inzwischen kaum weniger bedrohlich als die palästinensischen Selbstmordattentate früher. Weil man jederzeit und überall am falschen Ort sein kann.

An Gefahrenlagen ist man in Israel gewöhnt. Manche sagen, im Vergleich zur zweiten Intifada seien die Messerattacken, oftmals verübt von palästinensischen Teenagern, noch harmlos. Aber damals, in den Jahren der zweiten Intifada zwischen 2001 und 2004, als Israel eine Hochsaison an Bombenterror erlebte, waren die Risiken kalkulierbarer. Man vermied, soweit möglich, in Stoßzeiten öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Auch auf den Besuch in Kinos oder Restaurants, die keinen Wachmann zur Taschenkontrolle am Eingang postiert hatten, verzichteten viele lieber. Diese persönliche Sicherheitsstrategie half, sich nicht ständig ausgeliefert zu fühlen, eine gewisse Kontrolle über das eigene Leben zu bewahren.

Vor palästinensischen Raketenangriffen im Gazakrieg warnten zumindest Sirenen, um sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Doch vor Messerstechern oder Amokfahrern, die willkürlich in die nächstbeste Menschenansammlung rasen, gibt es keinen wirklichen Schutz, außer zu Hause zu bleiben. Das tun die Wenigsten. Aber man reduziert seine Gänge, geht nur mit Rucksack auf dem Rücken raus oder setzt sich im Bus bevorzugt in die letzte Reihe, um nicht von hinten angegriffen werden zu können. „Das verschafft ein gewisses Gefühl der Sicherheit, auch wenn es illusionär ist“, sagt der Jerusalemer Psychologieprofessor Jonathan Huppert.

Eine ähnliche Funktion haben Betonquader, die in Jerusalem seit einigen Wochen alle größeren Haltestellen abschirmen, sowie zusätzlich positionierte bewaffnete Wachleute. Was allerdings auch das allgemeine Bewusstsein dafür schärft, in einer Art Frontstaat zu leben. Erst recht beunruhigt der Anblick von selbsternannten Sheriffs, meist aus rechten Siedlerkreisen, die mit der Pistole im Gürtel und umgehängtem Gewehr mitunter in den Straßen patrouillieren.

Alltag im Ausnahmezustand. Dort, wo etwas passiert, herrscht der Schock vor, auch bei jenen, die in der Nähe waren, aber direkt den Anschlag nicht miterlebt haben. „Je näher man dran ist“, so Huppert, „desto größer der empfundene Stress.“ Schon am nächsten Morgen erinnert nichts mehr an den blutigen Tatort, abgesehen von ein paar zum Gedenken abgelegte Blumen. Schnellstmögliche Rückkehr zur Normalität ist im Sinne der Regierung. Die Israelis geben viel darum, sich nicht unterkriegen zu lassen. Was bleibt, sind die mulmigen Gedanken irgendwo tief im Hinterkopf.

Dass sie sich noch langfristig auf die Gesundheit niederschlagen können, ergab eine Studie der Hebräischen Universität. Die Neurologin Hermona Soreq untersuchte 17 000 Israelis und fand heraus: Terrorängste gehen ans Herz. Wer über längere Zeit einer terroristischen Bedrohung ausgesetzt ist, leidet häufig unter erhöhter Herzfrequenz auch im Ruhezustand, was das Infarktrisiko merklich steigert.

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