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Shirin Abu Akleh: Israel will wegen getöteter Al-Dschasira-Reporterin nicht ermitteln

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Von: Maria Sterkl

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Die berühmte palästinensische Reporterin, verewigt in Dschenin.
Die berühmte palästinensische Reporterin, verewigt in Dschenin. © RONALDO SCHEMIDT/AFP

Der Tod von Shirin Abu Akleh zeigt die Misere palästinensischer Reporter:innen in Israel. Sie fürchten künftig weitere Einschnitte der Pressefreiheit.

Dschenin – Vor zehn Tagen starb die 51-jährige Journalistin Shirin Abu Akleh während eines Arbeitseinsatzes in Dschenin im Westjordanland. Die prominente Al-Dschasira-Reporterin sollte dort über einen Antiterroreinsatz der israelischen Armee berichten und wurde von der Kugel eines Scharfschützen tödlich verletzt. Ihr Tod lässt viele Fragen offen.

Abu Akleh trug eine kugelsichere Weste und einen Stahlhelm – doch der tödliche Schuss traf sie ins Gesicht. Anwesende Journalist:innen geben an, dass es israelische Soldat:innen gewesen sein mussten, die Abu Akleh töteten. Israel sagt, man könne zwar nicht ausschließen, dass die Armee die Verantwortung trägt, ein Strafverfahren werde man dennoch nicht einleiten. Man sehe keinen Verdacht einer strafbaren Handlung. Anders gesagt: Der Tod der Journalistin, deren Begräbnisfeiern in ihren Dimensionen an die Trauerzeremonie für Jassir Arafat heranreichten, wird als simpler Kollateralschaden betrachtet.

Israel: Umgang mit Tod von Shirin Abu Akleh symptomatisch

Dieser Umgang ist symptomatisch. In den Augen vieler Journalist:innen aus Palästina zeigt er einmal mehr, dass es in Israel zwei Klassen von Journalist:innen gibt: jene mit palästinensischen Wurzeln – und alle anderen. Palästinensische Medienschaffende sind ungleich öfter Opfer von Polizeigewalt als ihre israelischen und internationalen Kolleg:innen. Obwohl sie deutlich als Pressevertreter:innen markiert sind, werden sie verprügelt und mit Gummipatronen beschossen, als wären sie Terrorist:innen.

Das höhere Risiko, dem palästinensische Journalist:innen ausgesetzt sind, ist zwar auch darin begründet, dass es meistens sie sind, die von den Hotspots der Gewalt berichten, und seltener israelische und internationale Kolleg:innen. Es hat aber auch andere Gründe. Den Sicherheitskräften ist wohl bewusst, dass eine Platzwunde am Schädel eines deutschen, französischen oder israelischen Journalisten für mehr mediales Aufsehen in Israel sorgen würde und auch für mehr politischen Druck. Palästinenser:innen in Ostjerusalem sind überwiegend keine israelischen Staatsbürger:innen. Sie sind der Polizei zwar unterworfen, der Polizeiminister ist ihnen im demokratischen Sinne aber nicht verpflichtet.

Israelisch-Arabische Journalistin: „Sie machen keinen Unterschied zwischen Journalisten und Aktivisten“

Von Diskriminierung berichten aber auch israelische Araber:innen. Janal Dschabarin aus der israelisch-arabischen Stadt Umm El-Fahm im Norden des Landes schreibt für die angesehene Tageszeitung „Haaretz“. Er sagt, dass israelische Araber:innen und Palästinenser:innen auf Reportageeinsätzen nicht nur von der Polizei schlechter behandelt, sondern auch strukturell von den Behörden benachteiligt werden. „Es ist für uns viel schwieriger, einen offiziellen Presseausweis zu erhalten“, sagt Dschabarin. Er selbst hat nur den Mitgliedsausweis der Journalistenvereinigung, der nicht als offizielles Dokument gilt. Wenn er von einer Demonstration berichtet und sich gegenüber der Polizei als Journalist ausweisen will, ist ihm das nicht möglich.

Vor genau einem Jahr wurde Dschabarin im Zuge eines Berichts über eine Demonstration von einer Blendgranate am Bein getroffen, abgefeuert von der israelischen Polizei. „Sie machen bei uns keinen Unterschied zwischen Journalisten und Aktivisten, für sie bin ich zuerst einmal Palästinenser“, meint Dschabarin.

Israel stellt palästinensiche Reporter:innen unter Generalverdacht

Unter den schwersten Einschränkungen leiden palästinensische Journalist:innen im Gazastreifen. Sie müssen jedes Mal, wenn sie für eine Recherche nach Jerusalem oder auch nur ins ein paar Kilometer entfernte Grenzgebiet im Süden Israels fahren wollen, um eine Erlaubnis ersuchen, die oft nicht erteilt wird, erzählt Rushdi Abualouf, der Chef des BBC-Büros im Gazastreifen. Er wartet seit einem Monat auf eine Einreiseerlaubnis für sich und sein sechsköpfiges Team. Obwohl er seit mehr als 20 Jahren für die britische BBC berichtet, stehe er für die Israelis unter dem Generalverdacht, antiisraelische Propaganda zu verbreiten.

Das sei paradox, findet Abualouf: „Wenn ihr wollt, dass ich ausgewogen berichte, warum lasst ihr mich dann nicht die andere Seite sehen?“ Unzählige Male habe er seinen Chefs in London angeboten, über die Grenze in die israelische Stadt Ashkelon zu fahren, um darüber zu berichten, welchen Terror die Raketen der Hamas dort verbreiten. „Aber Israel lässt mich nicht.“

Berichte über Israels Einsätze in Palästina: Öffentlichkeit wird zum Spielball der Propagandafronten

Nach dem Tod von Shirin Abu Akleh stellt sich die Frage, wer es am Ende noch wagen wird, von Einsätzen der israelischen Armee in den besetzten Palästinensergebieten zu berichten, wenn nicht einmal die beste Schutzausrüstung mehr hilft. Es werden dann die Handyvideos der palästinensischen Militanten sein, die auf Social Media geteilt werden – und im Kontrast dazu die offiziellen Aufnahmen der israelischen Armee. Die Öffentlichkeit wird zum Spielball der Propagandafronten.

Die schockierenden Bilder vom Begräbnis Shirin Abu Aklehs, bei dem israelische Polizei auf Sargträger einschlug, lösten weltweit Entsetzen aus. Es ist palästinensischen Kameraleuten zu verdanken, dass diese Szenen dokumentiert wurden. Ihre Arbeit verdient Schutz und Anerkennung. Ein Anfang wäre, die Umstände des Todes von Abu Akleh unabhängig zu untersuchen. (Maria Sterkl)

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