1. Startseite
  2. Politik

Westbank: Menschen fürchten um ihre Heimat

Erstellt:

Von: Maria Sterkl

Kommentare

Das karge Land soll für Siedler freigeräumt werden. Also erklärt man es zum Schiestand. In drei Sprachen.
Das karge Land soll für Siedler freigeräumt werden. Also erklärt man es zum Schießstand. In drei Sprachen. © AFP

Israel versucht, alteingesessene Kommunen mit absurd übertriebenen Aktionen von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Eine Reportage.

Westjordanland – Rund 45 Kilometer entfernt vom Baustellenlärm der rasant wachsenden Großstadt Jerusalem herrscht in den Hügeln südlich von Hebron absolute Stille. Blökt hier ein Schaf, hört man es zwei Kilometer weiter. Rollt ein Bulldozer an, dann merken es die Bäuer:innen, die hier leben, oft schon lange davor. Dann haben sie Angst: Um ihre Tiere, ihr Häuser, ihren ganzen, kargen Besitz.

„Seit 150 Jahren ist meine Familie hier“, sagt Mahmoud Al-Najajra, ein 66-jähriger Schafhirte aus der Siedlung Al-Mirkez. Während er spricht, blickt er auf einen Haufen aus Schutt und verbogenem Blech. Es sind die Überreste seines Heims.

Vor einigen Wochen kamen israelische Bulldozer und rissen Sanitäranlagen, einen Wohnraum und einen Viehstall nieder. Mehr als 1200 Menschen, darunter 500 Kinder, stehen vor der zwangsweisen Umsiedlung aus dem Gebiet, das sie Masafer Yatta nennen. Der Oberste Gerichtshof von Israel hat entschieden, dass sie dort widerrechtlich leben. Al-Najajra ist einer von ihnen.

Leben im Westjordanland: Israel plant Zwangsumsiedlungen aus dem Gebiet Masafar Yatta

Auf dem dürrem, kargen Hochland trotzen die Kleinbäuer:innen den Bedingungen. Sie führen Schaf- und Ziegenherden durch die Wüste, lassen sie an kargen Kräutern nagen und geben ihnen Wasser aus tief gebohrten Brunnen. Die wenigen Getreidefelder und Olivenhaine bestellen sie mittels Eselwagen, alten Traktoren und Handwerkszeugen. Manche von ihnen leben in ausgekleideten Höhlen im Felsen, wo sie geschützt sind von Sommerhitze und Winterwind.

Wenn wahr wird, was manchen der Leuten vor wenigen Tagen mitgeteilt wurde, dann sollten sie sich am Montag besser in den Höhlen verstecken. Drei Tage lang will die israelische Armee in dem bewohntem Gebiet eine militärische Übung durchführen, scharfe Munition inklusive. Ob die Übung tatsächlich stattfinden wird, ist unklar. Eine Anfrage der FR bei der israelischen Armee blieb bislang unbeantwortet.

Vertreibung von Kleinbäuer:innen aus dem Westjordanland: Leben in Israels Militärzone

Masafer Yatta liegt außerhalb von Israel, im besetzten Westjordanland. Vor 40 Jahren beschloss die israelische Regierung, das Hügelland zur Militärzone zu erklären. Was mit den dort lebenden Kleinbauern geschehen sollte, blieb bis dato ungeklärt. Vor mehr als 20 Jahren begannen sich die Ansässigen, unterstützt durch israelische Menschenrechtsorganisationen, juristisch zu wehren. Dieser lange Kampf durch die Instanzen endete vor sechs Wochen vorm Obersten Gerichtshof mit einer endgültigen Niederlage. Was den Menschen nun droht, ist laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem „die größte Zwangsumsiedlung seit dem Sechs-Tage-Krieg“ von 1967, als Israel die Westbank, zu der auch Masafer Yatta gehört, eroberte.

Dass die Bulldozer anrollen und Häuser niederreißen, ist für die Leute in Masafer Yatta nichts Neues. Schon vor dem Gerichtsurteil verwandelte die israelische Armee Behausungen in Schutt, zerstörte Wasserleitungen, konfiszierte Traktoren.

Zwangsumsiedlungen in Israel: Gezeitenspiel aus Destruktion und Wiederaufbau

Es ist ein Gezeitenspiel aus Destruktion und Wiederaufbau, dem die Bewohner hier ausgesetzt sind. Oft trifft es auch öffentliche Infrastruktur, die aus EU-Mitteln finanziert wurde, wie etwa Brunnen oder sogar Schulgebäude. Immer wieder wird das lautstark von den diplomatischen Vertretungen der EU kritisiert. Daraufhin passiert nichts, die Brunnen werden mit europäischem Geld neu errichtet – und dann wieder zerstört.

Laut Völkerrecht darf eine Besatzungsmacht weder die von ihr beherrschte Zivilbevölkerung vertreiben, noch eigene Staatsangehörige in großem Stil auf besetztem Gebiet siedeln lassen. Eine Massen-Absiedlung, wie sie hier geplant ist, wird demnach als Kriegsverbrechen definiert. Der UN-Menschenrechtsrat prangert das Vorgehen als „ernsten Bruch internationalen Rechts“ an.

Konflikte in Israel: Gerichte sind keine Hilfe für die Menschen, die vertrieben werden sollen

Das höchste israelische Gericht sieht das anders. Den Dokumenten, die belegen sollten, dass die Palästinenser bereits seit Langem hier lebten, schenkte das Gericht keinen Glauben. Es geht davon aus, dass sich die Bauersfamilien illegal angesiedelt haben, als schon klar war, dass es Militärgebiet ist. Zudem erklärte das Gericht, dass militärische Interessen unter bestimmten Bedingungen höher zu bewerten seien als das Völkerrecht. Israelische Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung jedoch vor, dass sie diese militärischen Interessen nur vorschiebt. Die Armee verfüge über genügend Areal zu Trainingszwecken, sie brauche Masafer Yatta nicht, sagen sie. „Es ist der Armee in 20 Jahren nicht gelungen, vor Gericht zu beweisen, dass sie ernsthaften Bedarf für diese Feuerzone hat“, meint Shira Livne von Acri, der Vereinigung für Bürgerrechte in Israel.

Dass es eher geopolitische denn militärische Gründe sind, die das Vorgehen Israels in Masafer Yatta bewogen, legt auch ein 41 Jahre altes Sitzungsprotokoll nahe: In einer Kabinettssitzung 1981 schlug der damalige Landwirtschaftsminister und spätere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon vor, man könnte das Gebiet südlich von Hebron zur Feuerzone erklären, „um die Gebiete in unseren Händen zu behalten“ und die palästinensische Bevölkerung weitläufig zu zerstreuen. Die Bewohner von Masafer Yatta wollen aber nicht weg. Zumindest die meisten von ihnen.

Militärzone in Israel: Angst vor Zwangsumsiedlungen und zunehmend häufigen Übergriffen

„Die Familien bleiben hier, sie haben oft keine andere Wahl. Aber junge Alleinstehende ziehen immer öfter in die Städte und suchen dort Jobs, weil sie es nicht mehr aushalten“, sagt Basil El-Adra, ein junger Aktivist und Journalist aus der Region, der für linksgerichtete israelische Medien immer wieder von der Lage vor Ort berichtet. Den Bewohner:innen setze nicht nur die Angst vor der Zwangsumsiedlung zu.

Als mindestens ebenso belastend empfinden sie die sich immer mehr häufenden Übergriffe aggressiver Banden von jungen jüdischen Siedler:innen, die seit Jahren in illegalen „Vorposten“ aus Wohnmobilen leben – mitten in der Militärzone. Diese wilden Siedlungen sind selbst nach israelischem Recht illegal, trotzdem werden die „Outposts“ im Gegensatz zu den palästinensischen Dörfern nicht abgerissen. Die Siedler fühlen sich dadurch noch mehr im Recht, und mit Steinen und Knüppeln zeigen sie den Bauersleuten, wer in dem Gebiet das Sagen hat. Viele dieser Angriffe sind per Video dokumentiert, und oft sieht man Soldat:innen etwas abseits stehen. Niemand von ihnen geht dazwischen.

Leben in Masafer Yatta in Israel: Nur Druck von EU und USA kann noch helfen

Von der Gewalt der radikalen Siedler bleiben auch israelische Menschenrechtsgruppen, die sich mit den Menschen von Masafer Yatta solidarisiert haben, nicht verschont. Am vergangenen Freitag wurden mehrere Israelis von Siedler:innen angegriffen und verletzt. Festnahmen gibt es nach diesen Übergrifen so gut wie nie.

Nach dem Spruch des höchsten Gerichts sei „das einzige, was uns noch helfen kann, Druck aus Europa und den USA“, glaubt Nidal Abu Younis, Vorsitzender des Regionalrats von Masafer Yatta. Viel Hoffnung hat er aber nicht: „Europa blickt ja jetzt nur in Richtung Ukraine.“ Mit der israelischen Diplomatie Vertraute glauben, dass die Armee bis zur Nahostreise von US-Präsident Joe Biden eher zurückhaltend sein wird, was Hausabrisse in Masafer Yatta betrifft. Es gibt aber andere Wege, um Macht vor Ort zu demonstrieren. Eine Militärübung wäre ein solches Mittel. (Maria Sterkl)

Auch interessant

Kommentare