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Neue Freunde? Ein Haus in Tel Aviv erstrahlt in den Farben der Vereinigten Arabischen Emirate.

Naher Osten

Israel und die Emirate: Vereint in Feindschaft

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Das Abkommen, das US-Präsident Donald Trump zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten vermittelt hat, könnte die Machtverhältnisse im Nahen Osten verschieben.

  • US-Präsident Donald Trump hat zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel vermittelt.
  • Das Abkommen, an dem die USA beteiligt sind, könnte Allianzen verstärken.
  • Doch die Türkei und der Iran üben Kritik daran.

Als erster Staat der Golfregion wollen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) diplomatische Beziehungen mit Israel aufnehmen. Bahrain, Oman oder Saudi-Arabien könnten folgen. Nach den Friedensverträgen mit Ägypten 1979 und Jordanien 1994 ist das „Abraham-Abkommen“ das dritte Bündnis Israels mit einer arabischen Nation. Dafür sagte Tel Aviv zu, die angekündigte Annexion von Teilen des Westjordanlands aufzugeben – zumindest vorerst. US-Präsident Donald Trump, dessen Regierung zwischen den Parteien vermittelt hat, will die Vereinbarung mit einer großen Zeremonie im Weißen Haus besiegeln. Wir erklären, was das Abkommen für die Region bedeutet.

Wie ist die geopolitische Situation im Nahen Osten?

Spätestens seit dem sogenannten Arabischen Frühling 2011 haben sich in der Region zwei tiefe Gräben gebildet: einerseits zwischen Sunniten, angeführt von Saudi-Arabien, und einem schiitischen Block um den Iran, zum anderen zwischen Staaten, die die Ideologie der Muslimbrüder fördern, und Staaten, die diese Form des politischen Islam mit aller Macht unterdrücken.

Welche Folgen hat das Abkommen?

Es stärkt die Allianz der sunnitischen Anti-Muslimbruder-Staaten, zu der auch Ägypten, Saudi-Arabien und Bahrain gehören. Sie sehen sich in einer doppelten Konfrontation – gegen die schiitische Vormacht Iran und gegen die sunnitische Muslimbruder-Schutzmacht Türkei.

Wie sind die Reaktionen?

Die Verbündeten der Emirate lobten das Abkommen in moderaten Tönen. Die Türkei dagegen sprach von „Verrat an der palästinensischen Sache“, der Iran von einer „strategischen Dummheit“. Aber auch in der Bevölkerung der Emirate und Saudi-Arabiens rührt sich Kritik. Tausende verurteilten den Schritt unter dem Hashtag „Normalisierung ist Verrat“.

Was sagt Donald Trump?

Der US-Präsident, der sich bereits im Wahlkampfmodus befindet, sprach von einem „wirklich historischen Moment“. Sein Sicherheitsberater suggerierte gar, Trump habe den Friedensnobelpreis verdient. Allerdings gab es zwischen Israel und den Emiraten in den vergangenen Jahren schon zahlreiche Kooperationen hinter den Kulissen. Sie sollen nun offiziell ausgebaut werden in Feldern wie Medizin, Umwelt, Cybersicherheit, Tourismus und Energie.

Was sind die Motive der Israelis?

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu gewinnt in den Emiraten einen agilen Verbündeten gegen den Iran und die Türkei. Gleichzeitig kann er den beträchtlichen außenpolitischen Flurschaden abwenden, der durch die Annexion weiterer palästinensischer Gebiete entstanden wäre, und ihn ummünzen in weltweiten Applaus. Auch die Forderungen radikaler Siedler lassen sich jetzt mit gutem Grund auf die lange Bank schieben.

Was versprechen sich die Emirate?

Abu Dhabi will sich in Washington als zentraler strategischer Partner in der Region positionieren. Denn wegen seiner aggressiven Kriegspolitik im Jemen und in Libyen steht das Land beim US-Kongress zunehmend in der Kritik. Im Falle Libyens ignorieren die Emirate ebenso wie die Türkei alle internationalen Versuche, ausländische Waffenlieferungen zu unterbinden, um den Bürgerkrieg auszutrocknen. Trotzdem signalisierte das Weiße Haus Kronprinz Mohamed bin Zayed in den Israel-Gesprächen, er könne künftig in den USA besseres, bisher für Israel reserviertes Kriegsgerät kaufen, unter anderem die neueste Generation von Drohnen.

Was bedeutet die Entwicklung für die Palästinenser?

Die Führung der Palästinenser wurde durch die Entwicklung völlig überrascht. Präsident Mahmoud Abbas sprach von „Verrat“ und zog seinen Botschafter aus Abu Dhabi ab. Der Zwei-Staaten-Lösung kommen die Palästinenser durch dieses Abkommen nicht näher, der Status quo bleibt zementiert. Trotzdem tat VAE-Außenminister Anwar Gargash ihre Proteste ab als „das übliche Geschrei“. Man habe sich damit herumgeschlagen, sagte er, aber dann doch entschieden, „wir ziehen das durch“.

Wie gut funktionieren die beiden Friedensverträge mit Jordanien und Ägypten?

Auch Jahrzehnte später sind in beiden Völkern die Vorbehalte gegen Israel unverändert hoch. Für normale Ägypter ist es praktisch unmöglich, nach Israel zu reisen, obwohl es eine direkte Flugverbindung zwischen Kairo und Tel Aviv gibt. Einzige Ausnahme sind koptische Pilger, die aber hinterher von der ägyptischen Staatssicherheit verhört werden. Der israelische Tourismus nach Jordanien ist nach anfänglicher Euphorie stark zurückgegangen. Die Führungen der beiden arabischen Staaten unterhalten jedoch eine enge Sicherheitspartnerschaft mit Israel im Kampf gegen radikale Dschihadisten. Vor allem auf dem Nordsinai hat sich der „Islamische Staat“ inzwischen so fest etabliert, dass die ägyptische Armee mehrfach israelische Kampfjets zu Hilfe holen musste. (Von Martin Gehlen)

Löst das Abkommen die Spannungen? Unsere Autorin setzt sich im Leitartikel mit der Frage auseinander, ob Donald Trump und Benjamin Netanjahu den Nahost-Konflikt tatsächlich lösen können.

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