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Überzeugungsarbeit: Außenminister Joschka Fischer (links) und Israels Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, in Berlin.

Israel in Schwarz und Weiß

Wächst der Antisemitismus in Europa? Eine Tagung in Berlin gibt viele Antworten

Von ROLF PAASCH

Berlin · 29. Januar · Konsens bestand darin, dass es in Europa Antisemitismus gibt. Doch schon darüber, ob das Phänomen neu oder im Wachstum begriffen sei, wurde auf der dreitägigen Antisemitismus-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung heftig gestritten. Wo der französische Philosophie-Professor Alain Finkielkraut bei der Eröffnung am Mittwochabend einen neuen "Islamo-Progressivismus" erkannte und diese "anti-rassistische Form des Antisemitismus" auch im Lager der Globalisierungsgegner ausmachte, sah Antony Lerman vom Londoner Institute for Policy Research wenig empirische Daten für eine Renaissance oder Zunahme des Antisemitismus.

Auf der einen Seite betonte der ehemalige Botschafter in Deutschland, Avi Primor, dass der Vorwurf des Antisemitismus der israelischen Rechten häufig als Vorwand diene, sich mit Kritik an der Regierung Scharon nicht auseinander setzen zu müssen. Auf der anderen Seite warnte der Soziologie-Professor Natan Sznaider vor einer "zunehmenden Delegitimierung des israelischen Souveränitätsprojektes in einem post-nationalen Europa". Das intellektuelle Spektrum reichte so von einer Dramatisierung bis zur Trivialisierung des europäischen Antisemitismus - und dies über alle gezogenen Vergleiche in den verschiedenen Ländern hinweg.

Natürlich gebe es in Westeuropa Antisemitismus, sagte Primor am Donnerstag im überfüllten Saal der schleswig-holsteinischen Landesvertretung. "Es gibt Ressentiments, Nazis und Neonazis, historische Vorurteile, allerlei Antisemitismus." Aber was sei mit Osteuropa, worüber in Israel niemand rede? Und mit den USA, wo die Zahl der Übergriffe auf Juden pro Kopf der Bevölkerung höher als in Frankreich sei?

Wer sich Meinungsumfragen und das Leben der Juden in Europa genauer ansehe, gelange eher zu dem Schluss, dass der Antisemitismus in Westeuropa zurückgehe. In Israel, so Primor, "ist es dagegen heute politisch korrekt zu sagen, dass Europa wieder antisemitisch ist". "Wenn sie uns Juden so hassen", so hält Primor allerdings den Verfechtern dieser These entgegen: "Warum war Israel von 1993 bis1996 und bis zur Intifada das Lieblingskind Europas?" Für Sznaider vom Academic College in Tel Aviv hat die Gefahr des europäischen Antisemitismus dagegen "mit der Brutalität der israelischen Besatzung nichts zu tun". Es gehe auch nicht um die Frage, ob die Kritik an der Regierung in Jerusalem legitim sei. Bedrohlich für Israel sei "ein neuer politischer Antisemitismus jenseits der Politik Scharons". Wenn das Existenzrecht Israels in einem post-nationalen Europa immer stärker angezweifelt werde, dann sei das Problem auch von einer "guten Regierung" nicht zu lösen.

Schon auf einer Podiumsdiskussion mit Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) hatte die israelische Journalistin Avirama Golan auf diesen Kontext der europäisch-israelischen Verständigungsprobleme hingewiesen. "Ich weiß", sagte die ehemalige Haaretz-Korrespondentin, "dass Israel aus einer postmodernen Welt betrachtet, wie ein Bild in Schwarz und Weiß aussieht." Durch das Verhalten Israels würden die Europäer an ihre unrühmliche koloniale Vergangenheit erinnert. Vom "Problem Israel" bis zum "jüdischen Problem" sei es dann oft nur ein kleiner Schritt. Auch Fischer hatte gefordert, Europa müsse sein Verhältnis zu Israel ändern. Wer die Verbindung vom Holocaust zu der Angst Israels um sein Existenzrecht nicht berücksichtige, "der kann den Nahost-Konflikt nicht verstehen".

Dossier: Antisemitismus

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