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Eine Impfung von vielen: In Israel können sich seit dieser Woche Menschen über 55 Jahre impfen gegen das Coronavirus lassen.
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Eine Impfung von vielen: In Israel können sich seit dieser Woche Menschen über 55 Jahre impfen gegen das Coronavirus lassen.

Covid-Massenimpfungen

Frage nach einer gerechten Verteilung des Impfstoffs sorgt in Israel für böses Blut

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Der israelische Premier Netanjahu hofft auf Herdenimmunität bis zu den Parlamentswahlen im März. Die palästinensischen Gebiete gehen beim Impfstoff vorerst leer aus.

  • In Israel wird so viel geimpft wie in einem keinem anderen Land.
  • Für Premier Netanjahu sind die Impfungen eine Trumpfkarte im Wahlkampf.
  • Gerald Rockenschaub: Ungleiche Verfügbarkeit des Impfstoffs „nirgends augenscheinlicher als im israelisch-palästinensischen Konflikt“.

Israel ist als weltweiter Spitzenreiter bei der Impfkampagne allen anderen Ländern weit voraus. Nachdem das Pflegepersonal sowie zwei Drittel der über Sechzigjährigen bereits die erste Dosis mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin bekommen haben, können sich seit dieser Woche auch Menschen über 55 Jahren impfen lassen. Danach soll die Altersgrenze wöchentlich weiter gesenkt werden. Bis Ende März wird eine Herdenimmunität angepeilt. Darauf setzt jedenfalls Benjamin Netanjahu – seine Trumpfkarte im laufenden Wahlkampf.

Israel zahlte für Corona-Impfstoffe deutlich mehr als die USA oder die EU

Dass es dem israelischen Premier gelungen ist, für sein kleines Land mehr und schneller Vakzine als größere Staaten einzukaufen, ist nicht allein seinen guten Kontakten zu verdanken – wie etwa zu Albert Bourla, Vorstandsvorsitzender des US-Pharmakonzerns Pfizer, an dessen „jüdisches Herz“ er appelliert habe. Auch die Biotechfirma Moderna hat Lieferungen in beachtlicher Menge zugesagt. Wie im Deal mit Pfizer war Netanjahu bereit, einen weit höheren Preis als die USA oder die EU zu zahlen, umgerechnet 38 Euro für die nötige Doppeldosis pro Geimpfte. Zudem soll in einer Vertragsklausel vereinbart worden sein, sämtliche Impfdaten mit Pfizer zu teilen.

Für die Pharmariesen ist Israel schon als eine Art landesweites Forschungslabor interessant. Erstens hat es als Einwandererland eine höchst diverse Bevölkerung. Zu seinen knapp neun Millionen Staatsbürger:innen zählt neben Juden und Jüdinnen aus allen Teilen der Welt auch die arabische Minderheit, die über zwanzig Prozent ausmacht. Wie sich die Impfstoffe auf die verschiedenen Gruppen auswirken, könnte Erkenntnisse liefern, die sich bei den Testreihen von Pfizer und Co noch nicht ermitteln ließen.

Zweitens ist das israelische Gesundheitssystem mit vier gesetzlichen Krankenkassen, die volldigitalisierte Mitgliederkarteien führen und eigene ambulante Kliniken unterhalten, optimal organisiert. Schon heute sind 20 Prozent der Einwohner:innen in Israel, eingerechnet die palästinensischen Resident:innen in Ostjerusalem, im ersten Durchlauf geimpft und haben einen festen Termin zur Auffrischung nach 21 Tagen. Die Infektionszahlen sind dennoch sehr hoch. Erst zwei Wochen nach der ersten Biontech-Injektion reduziere sich die Ansteckungsgefahr beträchtlich, ergaben vorläufige Ergebnisse israelischer Vergleichsstudien. Eine Erfahrung, von der auch die Welt profitiert.

Das Virus in Israel.

Frage nach einer gerechten Verteilung des Impfstoffs sorgt für besonders böses Blut

Israel kann stolz auf sein Erfolgsmodell sein. Allerdings sind fünf Millionen Palästinenser:innen im Westjordanland und in Gaza davon ausgeschlossen. Die Frage nach einer gerechten Verteilung des so begehrten wie knappen Impfmaterials stellt sich zwar global, sorgt hier jedoch für besonders böses Blut – umso mehr, als jüdische Westbank-Siedler:innen selbstverständlich geimpft werden. Dass sie das Vakzin bekommen, ihre palästinensischen Nachbarn aber nicht, nennt Mustafa Barghouti „medizinische Apartheid“.

Der Arzt und Aktivist aus Ramallah, der ein Netzwerk palästinensischer Ambulanzen gegründet hat, wirft Netanjahu vor, „nur an sich und seine politische Zukunft zu denken“. Die israelische Regierung wiederum beruft sich auf Artikel 17 der Osloer Friedensabkommen, wonach die palästinensischen Autonomiebehörden für die Gesundheitsversorgung inklusive Impfung zuständig sind.

Rechtlich gesehen stimmt das. Dennoch trage Israel eine moralische und humanitäre Verantwortung, der unter seiner Kontrolle lebenden palästinensischen Bevölkerung Zugang zu den Vakzinen zu verschaffen, hält die israelische NGO Physicians for Human Rights dagegen. Auch Gerald Rockenschaub, Leiter des WHO-Büros in Jerusalem, sieht das Problem: Die ungleiche Verfügbarkeit des Impfstoffs sei „nirgends augenscheinlicher als im israelisch-palästinensischen Konflikt“.

Rockenschaub hofft, dass Israels Gesundheitsbehörden wenigstens den palästinensischen Prioritätsgruppen Impfdosen abtreten. Covax, die Initiative der Weltgesundheitsorganisation WHO, um 92 einkommensschwache Länder mit einem Mindestmaß an Vakzinen zu versorgen, werde frühestens Ende Februar, eher März, liefern können.

Autonomieführung erhielt bisher nur 100 Impfdosen

Erst dann erwartet auch die Autonomieregierung, eine erste Charge der bei AstraZeneca bestellten Impfstoffe zu erhalten. Das von ihr jetzt im Eilverfahren genehmigte russische Sputnik-Vakzin wird infolge Lieferengpässen nicht eher eintreffen. Tatsächlich eignen sich Wirkstoffe wie Biontech/Pfizer, die einer extremen Kühlung bei minus 60 Grad bedürfen, auch schlecht für den alltäglich von Stromausfällen geplagten Gazastreifen.

Die palästinensischen Autonomiegebiete im Westjordanland sind in dieser Hinsicht besser dran. Rund 140.000 Arbeitskräfte von dort besitzen zudem eine Erlaubnis, auf Baustellen und in Fabriken in Israel zu malochen. Sie zu impfen, liegt eigentlich im israelischen Eigeninteresse. Den Überschuss den Autonomiegebieten zu überlassen, kann sich Juli Edelstein, Gesundheitsminister im Kabinett Netanjahus, zumindest vorstellen. „Aber unsere Bürger gehen vor.“ Hundert Impfdosen hat Israel inzwischen der Autonomieführung in Ramallah geschickt, eine weitere Sendung sei bis Ende Januar geplant. (Inge Günther)

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