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Israel

Unruhen in Jerusalem: Hunderte Verletzte bei schweren Zusammenstößen

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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In Jerusalem explodiert die palästinensische Wut über den drohenden Verlust alter Wohnrechte. Die Situation am Tempelberg ist außer Kontrolle.

Update vom Montag, 10.05.2021, 09.30 Uhr: Die Unruhen in Ost-Jerusalem halten weiter an. Bei schweren Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften sind am Montag hunderte Menschen verletzt worden. Hunderte Palästinenser bewarfen Polizisten in der Nähe der Al-Aksa-Moschee mit Gegenständen, diese reagierten mit Blendgranaten, Gummigeschossen und Tränengas. Eine Polizeisprecherin erklärte, die Polizei werde es nicht zulassen, dass „Extremisten“ die öffentliche Sicherheit gefährdeten. Nach Angaben des palästinensischen Roten Halbmonds wurden etwa 50 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert.

Die Zusammenstöße ereigneten sich wenige Stunden vor einem für den heutigen Nachmittag geplanten Marsch von Juden zur Erinnerung an die israelische Besetzung von Ost-Jerusalem 1967. In Israel wird dies als Jerusalem-Tag begangen. Aus Sorge vor Gewalt hat die israelische Polizei Juden am Montag verboten, bei Flaggenmärschen durch die Altstadt auch den Tempelberg zu besuchen. Die Palästinenser sehen Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines künftigen eigenen Staates.

Der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee ist für Juden wie Muslime von herausragender Bedeutung. Es ist die drittheiligste Stätte im Islam. Zugleich standen dort früher zwei jüdische Tempel, von denen der letzte im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Die Klagemauer ist ein Überrest jenes zerstörten Tempels und die heiligste Stätte der Juden.

Palästinensische Mediziner evakuieren einen verwundeten Demonstranten bei Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften auf dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem.

Unruhen in Jerusalem: Steine gegen Zwangsräumungen

Erstmeldung vom Sonntag, 09.05.2021: Jerusalem - In der Mittagshitze ist es noch still in Scheich Dscharrah, dem Ost-Jerusalemer Viertel unweit der Altstadt, auf das sich der altbekannte Nahostkonflikt derzeit wie in einem Brennglas fokussiert. Mittendrin leben die al-Kurds zu siebt in einem bescheidenen Flachbau. Eine von vier palästinensischen Familien, die hier seit über sechzig Jahren Wohnrechte besitzen, aber fürchten müssen, in den nächsten Tagen auf die Straße gesetzt zu werden. Schon beim Gedanken daran, sagt Nabil Said al-Kurd, 77, „brennt in mir eine ohnmächtige Wut, die ich kaum ausdrücken kann“.

Die Israelis von gegenüber, Mitglieder einer ultrarechten Siedlergruppe, lauern geradezu darauf, ihre Häuser zu übernehmen. Ihr erklärtes Ziel ist, den arabischen Stadtteil zu „judaisieren“, um „ganz Jerusalem zu erlösen“, wie es Arieh King, Vizebürgermeister und einer ihrer Idole, ausdrückt. Immer wieder kam die Siedlerlobby vor Gericht auch damit durch, Räumungstitel gegen arabische Alteingesessene zu erwirken. Wenn es nach ihr geht, müssen bis August weitere 200 Menschen ihre Wohnungen räumen.

Jerusalem: Situation am Tempelberg eskaliert - Mehr als 300 palästinensische Verletzte

Doch diesmal hat sich ein ungeahnter Widerstand formiert. Scheich Dscharrah ist zu einem Fanal geworden, das am Wochenende Tausende moslemische Gläubige nach den Abendgebeten in und vor der Al-Aksa-Moschee in Rage versetzt. Und sobald Jerusalems heilige Stätten im Spiel sind, schnellt die Spannungskurve exponentiell hoch, erst recht im Ramadan. Steine und andere Wurfgeschosse fliegen. Israels Polizei reagiert mit gummiummantelten Stahlkugeln und ohrenbetäubenden Knallgranaten.

Mehr als 300 palästinensische Verletzte listet die Bilanz (Stand: Sonntagmorgen) der beiden vorausgegangenen Krawallnächte auf. Zu ihrer Erstversorgung hat der Rote Halbmond ein Ambulanzzelt auf dem Moscheegelände aufgeschlagen. Blessuren tragen auch über ein Dutzend israelischer Polizeikräfte bei den Unruhen am Tempelberg davon, der im Islam als Haram al-Scharif verehrt wird.

Die drohende Zwangsräumung in Scheich Dscharrah mobilisiert nicht zuletzt die Radikal-Islamisten. Mohammed Dief, Kommandant des bewaffneten Hamas-Flügels, hat bereits vor Tagen gewarnt, Israel werde im Falle einer Vertreibung der palästinensischen Familien „einen hohen Preis zahlen“. Unverhüllt droht auch der pro-iranische Dschihad in Gaza mit Anschlägen „in jedem Moment“. Entsprechend aufgestachelt setzen dort junge Palästinenser am Grenzzaun zu Israel Reifen und Molotowcocktails in Brand.

Verbrannte Autoreifen: Auch an der Grenze des Gazastreifens zu Israel kommt es zu Zusammenstößen.

Unruhen in Israel: Polizei bekommt die Lage in Jerusalem nicht in den Griff

Deeskalation ist das Gebot der Stunde. Nur, die polizeilichen Maßnahmen, Busse arabisch-israelischer Protestler am Samstag auf dem Highway nach Jerusalem zu stoppen, bringen die Stimmung erst recht zum Überkochen. Viele Demonstrant:innen fuhren in Taxis zur Al-Aksa, derweil vielerorts, in Israel wie auch dem Westjordanland, Menschen zu Solidaritätskundgebungen auf die Straße gehen.

In dieser zugespitzten Lage ist zu alldem an diesem Montag der berüchtigte Flaggenmarsch israelischer Nationalisten angesetzt, die alljährlich in Erinnerung an das im Sechstagekrieg eroberte Ost-Jerusalem grölend durch die Altstadtgassen und Scheich Dscharrah ziehen. Zusammenstöße sind programmiert. Zumindest ein zeitgleich geplanter Termin vor dem Obersten Gericht in Sachen Räumungsklage wurde jetzt auf den 8. Juni vertagt, um Generalstaatsanwalt Avichai Mendelblit eine Stellungnahme in der brisanten Angelegenheit zu ermöglichen. Der höchstrichterliche Vorschlag, den vier palästinensischen Familien bis zum Tod ihres ältesten Angehörigen ein Bleiberecht als Mieter einzuräumen, wenn sie grundsätzlich die Besitzansprüche der siedlernahen Organisation Nahalat Schimon anerkennen würden, war vergangene Woche gescheitert.

Jerusalem: Palästinensische Wut über den drohenden Verlust der Wohnrechte

„Wie kann ich einen solchen Kompromiss akzeptieren, der vielleicht nur einen Tag taugt, wenn ich morgen sterbe“, erregt sich der 77-jährige Nabil Said al-Kurd. Im Schatten eines Obstbaums hockt er erschöpft vor seinem Haus, oder besser gesagt der Hälfte, die ihm geblieben ist. Das Vorderhaus, ein Neubau, den er mit Ersparnissen als Gastarbeiter am Golf finanziert hat, musste er bereits vor Jahren an die Siedlerschaft abtreten. Seit 2009 halten von ihr bezahlte Jungs es in Wechselschicht in Beschlag. Aber dass al-Kurd und die Seinen auch aus dem alten Haus heraus sollen, in dem er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, raubt ihm den Schlaf.

Die Eltern hatten es 1956 bei einer Lotterie erstanden, veranstaltet von einer UN-Hilfsorganisation. Sie hatte hier auf einem freien Stück Land, das sich vor der Teilung Jerusalems in jüdischem Besitz befand, ein Wohnprojekt für 28 palästinensische Flüchtlingsfamilien hochgezogen. Nach Zusage der Jordanier, damals noch Herrscher über Ost-Jerusalem, sollten sie binnen Dreijahresfrist als Eigentümer eingetragen werden – was offenbar versäumt wurde.

Die Siedlerlobby wiederum weiß das israelische Gesetz auf ihrer Seite. Es erlaubt im Namen vormals jüdischer Besitzer, die im Unabhängigkeitskrieg von 1948 nach West-Jerusalem geflohen waren, Grundstücke und Häuser im Ostteil der Stadt zurückzufordern. Umgekehrt gilt das für Palästinenser:innen nicht, die im Westteil Besitz zurücklassen mussten. Ein Gesetz, das diskriminiert und auch nach Meinung liberaler Israelis abgeschafft gehört. (Inge Günther)

Rubriklistenbild: © AHMAD GHARABLI/afp

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