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Golan, auf dem Weg zum Hospital: Israelische Sanitäter versorgen verwundete Syrer.
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Golan, auf dem Weg zum Hospital: Israelische Sanitäter versorgen verwundete Syrer.

Israel und Syrien

Israel hilft Verwundeten aus Syrien

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Für Israel könnten sich die Millionen an Spenden und Steuergeld, die in die Versorgung syrischer Verwundeter investiert wurden, in Zukunft auszahlen.

In einer Notaufnahme werden Leben gerettet; da werden keine unnötigen Fragen gestellt. Fragen nach dem wer, warum und woher. Dass jene sieben Schwerverletzten in der israelischen Militärambulanz keinen gewöhnlichen Autounfall erlitten hatten, verstand sich ja auch so. Sie kamen direkt von der Grenze auf dem Golan. „Jedem von uns war klar“, bemerkt David Fuchs in seiner bärbeißigen Art, „das muss ein Zusammenstoß zwischen einer Rakete und einem Fahrzeug gewesen sein.“ 

Fuchs ist Chef der Trauma-Abteilung des Ziv-Hospitals, dem größten medizinischen Zentrum in Safed im Norden Israels, und er erinnert sich noch genau an jenen Tag im Februar 2013, als erstmals syrische Kriegsverwundete eingeliefert wurden. Damals begann etwas, das eine Menge lange eingeübter Feindbilder über den Haufen werfen sollte. 

„Die Syrer hielten uns doch für Teufel“, sagt Fuchs. „Die waren anfangs richtig im Schock, Israelis zu begegnen.“ Selbst, wenn die statt Waffen weiße Kittel trugen. Viele der Patienten hatten höllische Angst, dass ihnen im Krankenhaus etwas angetan werden könnte. Fuchs erzählt von einer Frau, die losschrie, als er ihre blutverklebte Bluse löste. „Sie fürchtete, ich wolle sie vergewaltigen.“ 

Die Panik hat sich mit der Zeit gelegt. Allein das Ziv hat bis heute mehr als Tausend Opfer des Bürgerkriegs behandelt, 170 davon noch Kinder. Vor allem in den syrischen Dörfern unterhalb der Golanhöhen scheint man nun viel von der Kunst der israelischen Ärzte zu halten. Alexander Lerner, Chefchirurg der Orthopädie, wird geradezu Wundertätigkeit nachgesagt. Statt von Granaten zerfetzte Gliedmaßen zu amputieren, setzt er, soweit irgend möglich, auf komplizierten Wiederaufbau. Auch wenn dazu mehrere aufwendige Operationen nötig sind. „Unsere syrischen Patienten sind Bauern“, erklärt Fuchs. Als Versehrte hätten sie dann schlechte Überlebenschancen. „Unser Ziel ist, dass sie auf beiden Beinen das Krankenhaus verlassen.“ 

Diese Hoffnung teilen auch die drei Syrer, die sich auf der orthopädischen Station ein Zimmer teilen. Wer sie sind, woher sie kommen? „Keine Namen, keine Fotos von den Gesichtern“, schärft Fares Issa, der sich um die Männer kümmert, ein. Schon um die Angehörigen zu schützen, darf das Assad-Regime auf keinen Fall erfahren, wer beim israelischen Feind ärztliche Hilfe sucht. 

Issa, ein arabisch-christlicher Israeli, ist Sozialarbeiter im Ziv-Hospital, er spricht die Sprache der Patienten und erklärt ihnen alles, er besorgt Gehhilfen und Kleider, auch Spielzeug und Musikkassetten. Geredet wird über das unmittelbar Nötige, nicht über Religion und Politik. Aber ein 30 Jahre alter Lehrer aus dem syrischen Deraa – nennen wir ihn Mahmud – spricht offen aus, dass sich seine Meinung über die Israelis in den vier Wochen im Krankenhaus völlig geändert hat: „Assad hat uns immer eingetrichtert, Israel sei der größte Feind des Islam. Während der Behandlung hier haben wir das Gegenteil erfahren.“

Mahmuds Bein ist noch mit Schienen fixiert. Das Metallgestänge wird auch nach seiner Heimkehr nach Deraa vorerst dran bleiben müssen. Aber er wird wieder auf seinen eigenen Füßen stehen und gehen – beflügelt von dem Vorsatz, sich für Frieden in Nahost einzusetzen. Israel inklusive,.  Der Bürgerkrieg lässt zwar nach. Doch Patienten kommen weiter herüber nach Israel, nicht nur wegen Kriegsverletzungen, oft wegen schweren, unbehandelten Erkrankungen, und nicht wenige auch zum zweiten Mal.

So wie der an fortgeschrittener Diabetes leidende 55-Jährige, der neben Mahmud liegt und vor anderthalb Jahren schon mal im Ziv war. Geschätzt wird, dass rund 70 Prozent des medizinischen Personals in Syrien fliehen musste, als Versorgungseinrichtungen bombardiert wurden. 2016 initiierte die israelische Armee deshalb die Operation „Gute Nachbarschaft“, über die Medikamente und Sauerstoff, aber auch Wasserrohre, Öl und Sprit in syrische Dörfer im Grenzgebiet geschafft werden. 

Inzwischen, berichtet Sanitätsoffizier Tomer Koler, „holen wir auch einmal wöchentlich 25 syrische Kinder zur ambulanten Behandlung nach Israel“. Viele sind amputiert und brauchen dringend Prothesen. Koordiniert wird die Hilfsaktion mit drei Ärzten auf syrischer Seite, die mit der Zeit zu Vertrauten für die Israelis geworden sind. 

„Fast jede Nacht“, erzählt Koler, „nehmen wir Patienten am Grenzzaun in Empfang“, bislang so 3000 Menschen, für die Israel mangels jeder Alternative die einzige Rettung blieb. Aber Routine ist der Grenzgang trotzdem nicht. „Jede Übergabe ist eine militärische Operation, die Observationstruppen erfordert, um uns soweit wie möglich abzusichern“, erklärt Koler. Dass Terroristen einen Notfall fingieren könnten und für einen Angriff nutzen, liegt auf der Hand. 

Koler steht auf einem Hügel in der Nähe des Kibbuz Merom Golan, wo man einen weiten Blick in die syrische Senke hat. Er zeigt nach Südosten, wo noch IS-Kämpfer unterwegs sein sollen. Im Nordosten sitze die pro-iranische Hisbollah und in der Mitte die Gefolgschaft von Al-Kaida.„Keiner von denen ist uns freundlich gesonnen“, sagt Koler und grinst. 

Davon auszugehen ist, dass auch viele syrische Verletzte, die in Israel bislang versorgt wurden, Kämpfer sind, meist aus lokalen Rebellengruppen. Mittlerweile reagieren sie längst nicht mehr so angstvoll, wenn sie israelische Soldaten sehen. „Sie haben begriffen“, sagt Koler, „dass wir es gut mit ihnen meinen.“ 

Für Israel könnten sich die Millionen an Spenden und Steuergeld, die in die Versorgung syrischer Verwundeter investiert wurden, in Zukunft auszahlen. In den Dörfern östlich des Golan hat man jede Menge Sympathien gewonnen – und damit potenziell Verbündete im Konfliktfall. „Ich hoffe wirklich, dass die Rückkehrer Positives über uns berichten“, bekennt der Sanitätsoffizier. „Aber zuallererst geht es darum, Leben zu retten.“ 

Und dann erzählt er von einem Fall jüngst erst, als eine junge Soldatin einen in Syrien verunglückten Zweijährigen mit kaum noch wahrnehmbarem Puls in eine Notaufnahme brachte. Dieser Tage erhielt sie ein unbezahlbares Geschenk: ein Foto des vergnügt im Bett lächelnden Kindes.

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