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Dieses Gebäude in Beit Lahia zerstörte ein israelischer Luftangriff am Donnerstagmorgen. M- Talatene/dpa
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Dieses Gebäude in Beit Lahia zerstörte ein israelischer Luftangriff am Donnerstagmorgen.

Eskalation in Israel und Gaza

„Es hat gewackelt wie bei einem Erdbeben“

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Matthias Schmale, Chef der UN-Flüchtlingsorganisation in Gaza, über die Rolle der Hamas und die Gefahr einer weiteren Radikalisierung der palästinensischen Jugend.

Herr Schmale, zu den Todesopfern der militärischen Eskalation in Gaza sollen auch Minderjährige gehören, darunter vier palästinensische Flüchtlingskinder unter zwölf Jahren, die UN-Schulen besuchen. Was wissen Sie über die näheren Umstände?

Tatsächlich ist noch unklar, ob das in diesem Fall eine israelische Rakete war oder eine von hier, also eine palästinensische. Deshalb haben wir auch in unseren öffentlichen Stellungnahmen nicht direkt gesagt, wen wir für den Tod der Kinder verantwortlich halten.

Wann und wie ist es denn passiert?

Das war direkt am ersten Abend, als es hier losging, also am Montag. Die beiden Cousinen saßen draußen vor einem Privathaus mit den zwei Söhnen der Familie, und ein Geschoss ist unglücklicherweise direkt dort gelandet. Sie waren offensichtlich nicht die Zielscheibe, das Geschoss ist wohl an einem Lampenmast abgeprallt und auf die Kinder runtergegangen.

Wie sicher sind noch die UN-Institutionen in Gaza?

Ebenfalls in der ersten Nacht hat eine UN-Schule etwas abbekommen. Auch sie war nicht die Zielscheibe, aber viele Fenster sind kaputt und die Mauer ist schwer beschädigt. Heute morgen, als ich in mein Büro kam, fanden wir einen tiefen Graben genau auf der Straße vor unserem Büro vor und ein Riesenloch in der Wand zu unserem Gelände. Überall lagen Trümmerteile. Die Bombardierung ist so intensiv, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass nur eine Schule und unser Gelände betroffen sind.

Die Israelis sagen ja, dass sie die Bevölkerung soweit wie möglich schonen. Vor dem eigentlichen Bombardement wird oft mit Kleinraketen zur Warnung auf die Dächer „geklopft“. Kann man sich darauf verlassen? Wie sicher fühlen Sie sich?

Gestern Abend habe ich von meinem Apartment aus gesehen, wie das sogenannte Talaha-Gebäude in Strandnähe dem Boden gleich gemacht wurde. Vorher ging durch die sozialen Medien eine Warnung an die Bewohner, das Gebäude zu verlassen, weil es demnächst bombardiert werde. Das war schon skurril, wie vor meinem Apartment dann ein Kamerateam darauf wartete, den Einsturz zu filmen. Ich bin seit dreieinhalb Jahren in Gaza. Wir hatten in der Zeit fünf Eskalationen, die kurz vor dem Krieg standen. Aber diesmal ist es so, dass wir vor Raketenbeschüssen in der Nähe unserer Gebäude keine Warnung kriegen. Heute war es den ganzen Tag so, dass unser Gebäude gewackelt hat wie bei einem Erdbeben.

Wie ist die humanitäre Lage der Zivilbevölkerung? Ist zumindest die Versorgung sichergestellt?

Im Moment noch ja. Das hängt auch mit unserer Arbeit zusammen. Wir leisten Nahrungsmittelhilfe für über eine Million Menschen. Aber die Grenzen sind zu. Und wenn die Eskalation anhält, werden sich Konsequenzen bemerkbar machen. Der Sprit etwa wird noch bis Samstag reichen. Die größte Sorge ist derzeit, dass die Elektrizitätsversorgung dann zurückgestuft wird, mit Auswirkungen auf Krankenhäuser und so weiter.

AKTUELLE ENTWICKLUNG

Zum ersten Mal heulten am Donnerstag in Israels Küstenmetropole Tel Aviv am Tag die Warnsirenen. Es war der fünfte Raketenangriff militanter Palästinensergruppierungen im Gazastreifen auf die 70 Kilometer entfernte Stadt.

In Israel wurden bisher laut Armee insgesamt sieben Menschen durch Beschuss getötet. Seit Montagabend starteten demnach mehr als 1600 Raketen in Richtung Israel. Der militärische Flügel der im Gazastreifen herrschenden Hamas zeigte sich bereit, den Konflikt fortzusetzen. Ein Sprecher der Al-Kassam-Brigaden sagte: „Die Entscheidung, Tel Aviv, Jerusalem, Aschkelon, Aschdod und Beerscheva zu beschießen, fällt uns leichter, als einen Schluck Wasser zu trinken.“

Israels Militär setzte am Donnerstag seine Angriffe im Gazastreifen fort. Fast 1000 Ziele beschoss die Armee bisher, darunter drei Hochhäuser. Im Gazastreifen starben seit der Eskalation nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums mehr als 80 Menschen. Die israelischen Streitkräfte zählten 400 palästinensische Raketen, die in Gaza selbst niedergingen. 230 000 Menschen seien nun ohne Strom, auch Wasserleitungen wurden beschädigt.

Hinter den Kulissen gibt es offenbar intensive Bemühungen von Ägypten, Katar und den UN um eine Waffenruhe. Fachleute gehen aber davon aus, dass die Gewalt noch mehrere Tage andauern könnte. Israels Sicherheitskabinett beschloss in der Nacht zu Donnerstag, den Militäreinsatz auszuweiten.

Präsident Reuven Rivlin verurteilte die Gewalt innerhalb Israels als „eine echte Bedrohung für die israelische Souveränität“. Die gemäßigte Mehrheit müsse sich für Rechtsstaatlichkeit und gemeinsame Existenz einsetzen. Premier Netanjahu sagte: „Nichts rechtfertigt das Lynchen von Juden durch Araber, und nichts rechtfertigt das Lynchen von Arabern durch Juden.“ (afp/dpa)

Ist zu befürchten, dass die Krankenhäuser, die neben den Corona-Patienten jetzt zahlreiche Verletzte behandeln müssen, der Lage nicht mehr gewachsen sind?

Mit Sicherheit. Kurz bevor das hier los gekracht ist, gingen die Infektionszahlen allmählich zurück und unsere größte Diskussion war, wie wir eine Impfung hinkriegen, die viele aus Angst vor Nebenfolgen hier nicht wollen. Wenn wir tatsächlich Massenquartiere in unseren Schulen aufmachen müssen und es zu einer neuen Corona-Welle kommt, sieht es wirklich finster aus. Dann ist das Risiko groß, dass das Gesundheitswesen in Gaza zusammenbricht.

Im Gazakrieg 2014 waren Tausende Ausgebombte in UN-Schulen einquartiert. Ist damit jetzt wieder zur rechnen?

Wir hatten heute einen Vorfall im Gebäude genau gegenüber. Dort sind zwei Apartments beschossen worden, offensichtlich, um gezielt Personen zu erwischen. Da sind dann 100 Leute rausgerannt und in den UN-Compound rein, um Zuflucht zu suchen. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass weder die Israelis noch die Hamas direkt auf UN-Gebäude zielen werden. Je schwieriger die Lage wird, desto mehr werden aber wahrscheinlich Leute versuchen, sich in unseren Schulen aufzuhalten. Und dann wird es gleich losgehen, sie zu versorgen, die nächste große Herausforderung.

Es gab ja öfters Vorwürfe, dass palästinensische Militante Raketen im Schutz von Wohngebieten oder nahe UN-Institutionen Raketen lancieren. Sehen Sie diese Gefahr? Wie gehen Sie damit um?

Mit Sicherheit wurden in den letzten Tagen Raketen aus Wohngebäuden abgefeuert. Da muss sich die Hamas schon den Vorwurf gefallen lassen, sich hinter der Zivilbevölkerung zu verstecken. Dass unsere Gebäude Kollateralschäden abbekommen, hängt natürlich damit zusammen, dass die Israelis zurückfeuern. Das ist ein Punkt. Ein zweiter ist: Ich kann natürlich nicht garantieren, dass jetzt, da unsere Schulen, 278 an der Zahl, zu sind und die Wächter aus Sicherheitsgründen nicht immer vor Ort, dort keine Waffen versteckt werden. 2014 gab es, soweit mir bekannt ist, keinen Vorfall, dass aus unseren Schulen heraus geschossen wurde. Aber Militante hatten Waffen dort versteckt. Wir haben das damals entdeckt und sofort bereinigen lassen.

Matthias Schmale ist Chef der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen in Gaza.

Wie muss man sich derzeit die Situation in Gaza vorstellen? Schutzräume wie in Israel gibt es ja nicht. Sitzen die Leute zu Hause und warten auf ihr Schicksal?

Auf der Fahrt heute Morgen ins Büro waren die Straßen so leer wie noch nie, wie eine Geisterstadt. Wir klären eine solche Fahrt vorher mit den Israelis ab, weil es alle 10 bis 20 Minuten kracht. Die Leute haben Angst, sie fühlen sich terrorisiert durch diese ständige Bombardierung. In Rafah und in der Mitte ist es relativ ruhig, da gehen die Leute auch raus zum Einkaufen. Aber im Rest von Gaza scheint es so zu sein, dass sie einfach zu Hause ausharren und warten, was als nächstes dran ist.

Eine fatalistische Stimmung?

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass es noch vor gut zwei Wochen eine gewisse Aufbruchsstimmung gab, gerade im Hinblick auf die Wahlen. Über 90 Prozent, sehr viele Jung- und Erstwähler, hatten sich registrieren lassen. Den Leuten bedeutete es in ihrer Perspektivlosigkeit etwas, wählen zu können. Aber mit der Absage der Wahlen ist auch das den Bach runtergegangen. Was sehr tiefen Eindruck hier hinterlässt, sind die Vorkommnisse in Jerusalem in der Al Aksa-Moschee. Auch unter jüngeren Leuten im Team, die ich sonst als moderat erlebt habe. Eine Frau sagte mir gestern: „Ich hasse die Hamas, ich würde ihr gewaltvolles Vorgehen nie unterstützen. Aber ich muss sagen, sie tun was, während andere reden.“ So ist hier die Stimmung, eine Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Angst, Verärgerung und dem Gefühl, die Weltgemeinschaft guckt zu und macht nichts. Ich verstehe die Sicherheitsbedenken der Israelis. Aber diesen Punkt verstehe ich nicht. Man verliert hier möglicherweise eine ganze Generation, die sich radikalisiert. (Interview: Inge Günther)

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