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Das Schweigen über die Nakba

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Von: Inge Günther

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Frauen und Kinder fliehen aus dem Dorf Tantura.
Frauen und Kinder fliehen aus dem Dorf Tantura. © UNRWA

Die UN erinnern dieses Jahr offiziell an die Vertreibung der muslimischen Bevölkerung Israels nach 1948 – der Nürnberger Kirchentag unterlässt das aber. Eine Analyse.

Al-Nakba ist zwar 75 Jahre her – aber erstmals ist für den kommenden 15. Mai im Versammlungssaal der Vereinten Nationen in New York eine offizielle Gedenkveranstaltung geplant, um an die palästinensische Katastrophe von Flucht und Vertreibung zu erinnern. So hat es die Generalversammlung mit 90 zu 30 Gegenstimmen (darunter Deutschland) beschlossen.

Die Nakba war zwar ein Prozess, aber macht sich fest am 14./15. Mai 1948, der Geburtsstunde Israels. Es ist vielleicht das schmerzhafteste Kapitel im Nahostkonflikt, ohne Abschluss bis heute. Palästinenser:innen verbinden damit das Elend der Flüchtlingslager und den Verlust ihrer Heimat, selbst wenn sie die nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern kennen. Israelis wiederum haben die unschönen Seiten ihres Unabhängigkeitskrieges recht erfolgreich verdrängt beziehungsweise sind sich keiner Schuld bewusst, da es damals doch – nach dem Holocaust – um die Sicherung einer jüdischen Heimstatt ging. Und in Deutschland scheint man es auch nicht genauer wissen zu wollen. Das Thema ist vielen zu heikel und der Begriff Nakba so gut wie unbekannt außerhalb von Fachkreisen.

Jedenfalls hat das Präsidium des Evangelischen Kirchentages entschieden, diesmal keine Nakba-Ausstellung zu erlauben. Es handelt sich dabei um 13 Ausstellungstafeln, die der Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“ erstellt und seit 2009 schon auf diversen Kirchentagen gezeigt hat. Aber beim Nürnberger Kirchentag im Juni bleibt das untersagt. Die Ausstellung sei „in ihrer Einseitigkeit seit Jahren überarbeitungsbedürftig“, heißt es in der Begründung, was allerdings nicht näher belegt wird. Ein Vorwurf, der umso weniger überzeugt, als die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg sowie der Evangelische Entwicklungsdienst seinerzeit die Entstehung der vielfach auch in England, Frankreich und USA gezeigten Wanderausstellung gefördert haben.

Tatsächlich gibt es beim Faktencheck der auf der Vereins-Website abrufbaren Info-Tafeln zur Nakba kaum etwas zu monieren. Dass es Gräueltaten gab und am Ende des 1948/49er-Krieges an die 750 000 palästinensische Vertriebene, dass damit 80 Prozent der arabischen Einheimischen ihren Besitz und ihr Land verloren, deckt sich mit den Zahlen israelischer Geschichtsforschung. Die detaillierte Schilderung ist aus palästinensischer Perspektive verfasst, aber erkennbar bemüht, Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden.

Das Verbot des Kirchentagspräsidiums unter Vorsitz von Thomas de Maizière hat denn auch erhebliches Unverständnis ausgelöst – bis hin zu Absagen langjähriger Kirchentagsbeteiligter, die dem Ex-Minister eine „dialogfeindliche Haltung“ vorwerfen. Dabei wäre es 75 Jahre danach an der Zeit, ehrlich über Al-Nakba zu sprechen, ohne Israel zu dämonisieren. Wer das Thema tabuisiert, tut Israel keinen Gefallen. Zwar riskieren israelische Bildungsinstitute oder auch NGOs den Entzug staatlicher Fördermittel, wenn sie an die Nakba erinnern. Trotzdem verzeichnen Initiativen wie die „Combatants for Peace“ wachsendes Interesse an gemeinsamem israelisch-palästinensischen Gedenken.

Wie wohl einige Rechtsextremisten in der Regierung Netanjahu schon mal mit einer „zweiten Nakba“ drohen.

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