+
Protest aus der Ferne: Venezolaner, die ihr Land verlassen haben, demonstrieren in Madrid.

Venezuela

Isolation als Programm

  • schließen

Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro richtet sich in der internationalen Ablehnung ein.

Wer sich ein Bild der Isolation Venezuelas und seines Machthabers Nicolás Maduro machen will, der googele mal die Namen Anatoli Bibilow und Raul Chadschimba. Der eine ist der Machthaber von Südossetien und der andere der von Abchasien. Sie nennen sich Präsidenten, andere nennen sie die Anführer der von Georgien abtrünnigen Republiken im Kaukasus. Jedenfalls waren die Herren Bibilow und Chadschimba am Donnerstag in Caracas und haben Maduros Eid auf die zweite Amtszeit beigewohnt. Schließlich sind Venezuela und Nicaragua neben Syrien, dem pazifischen Inselstaat Nauru und selbstredend dem Schutzpatron Russland die einzigen Staaten auf der Welt, die Südossetien und Abchasien anerkannt haben.

Während die Europäische Union, weite Teile Lateinamerikas und die USA sowieso die neuerliche Präsidentschaft des Autokraten mit dem Schnauzbart als illegitim bezeichnen, scheint sich dieser regelrecht an seiner Isolation zu erfreuen. „Venezuela befindet sich mitten in einem von nordamerikanischen Imperialisten und ihren Verbündeten angezettelten Weltkrieg“, sagte Maduro bei seiner Vereidigung. „Sie versuchen, einen einfachen Amtsantritt in einen Weltkrieg zu verwandeln.“ Schon lange stilisiert er die Opferrolle seines Landes so wie die eigene. Einen Wirtschaftskrieg führe das Imperium gegen das wackere linksnationalistische Land. Und Maduro selbst würden viele nach dem Leben trachten. Mal die USA, mal der Nachbar Kolumbien. So schließt man nach innen die Reihen, indem man den Feind von außen beschwört. Wäre es nicht so tragisch, man müsste darüber lachen.

Während Brüssel und Washington Sanktionen verhängen, arbeitet der Machthaber in Caracas an neuen Allianzen. Abchasien und Südossetien sind dabei nur Staffage und stehen stellvertretend für eine Hinwendung zu Herrschern, die ähnlich ticken wie Maduro: autoritär und anti-westlich. Die neuen Partner sollen vor allem Geld haben. Denn nichts brauchen der Machthaber und sein bankrotter Ölstaat mehr als Kredite und Solidarität. Und hier bieten sich China, Russland und neuerdings die Türkei als interessante Partner an.

Die venezolanisch-türkische Freundschaft ist dabei noch recht jung. Im September weilte Maduro in Istanbul. Beim Gegenbesuch in Caracas im Dezember versicherte Präsident Recep Tayyip Erdogan, sein Land werde „viele Bedürfnisse Venezuelas“ befriedigen können. Die Türkei will mit rund fünf Milliarden Dollar in den Bereichen Energie, Bergbau, Landwirtschaft und Gesundheit aushelfen, also den Sektoren, die strategisch wichtig sind für das Überleben der chavistischen Regierung.

Zum größten Alliierten Venezuelas aber hat sich inzwischen Russland entwickelt, das dabei ist, China den Platz als wichtigstem Handelspartner streitig zu machen. Aus Moskau kehrte Maduro jüngst mit einer Zusage über frische Investitionen in Höhe von sechs Milliarden Dollar zurück. Das Geld soll vor allem in den Erdölsektor fließen und die stetig fallende Förderung des Rohstoffs stoppen.

Venezuela ist zwar das Land mit den weltweit höchsten nachgewiesenen Ölreserven, aber der Staatskonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA) ist nicht in der Lage, diese zu fördern oder neue Felder zu erschließen. In den vergangenen Jahren fiel die Produktion von 3,5 Millionen Barrel pro Tag auf zuletzt etwa eine Million Barrel. Dabei ist der Ölexport faktisch die einzige Devisenquelle des Landes. Fällt die ganz aus, fällt auch irgendwann das Regime.

Aber solange die neuen Alliierten ihre Verbindungen nach Caracas ausbauen, wird Maduros Sturz zumindest nicht wahrscheinlicher. Dazu müsste die Opposition geeinter sein und in der Bevölkerung Vertrauen genießen. Aber weder das eine noch das andere ist der Fall.

Ohnehin kann der Wandel nur von innen kommen. Die Gegner Maduros aber sind ohne Ideen, ohne Führung, ohne Plan und nach dem Ende des Bündnisses MUD auch ohne gemeinsame Plattform. Viele Führer sind im Gefängnis oder im Exil. Und die Menschen haben nach den wochenlangen Protesten aus dem Sommer 2017 mit mehr als 100 Toten nun jede Hoffnung verloren, den ungeliebten Staatschef stürzen zu können. Fast könnte man so etwas wie Verständnis dafür haben, dass das entmachtete Parlament in seiner Verzweiflung das Militär um Hilfe bittet. Am Sonntag wurde Juan Guaidó, Präsident des Parlaments, kurzfristig von der politischen Polizei festgenommen. Er hatte sich als legitimen Präsidenten Venezuelas bezeichnet.

Dabei sind sechs weitere Jahre Maduro ein Horrorszenario für Land und Menschen. Seine ersten sechs Jahre beendete der Nachfolger und politische Ziehsohn von Hugo Chávez mit einer Bankrotterklärung: Die Wirtschaftskraft des einst reichen Landes halbiert, keine Medikamente, keine Nahrungsmittel, das Geld ist nichts mehr wert, die Gewalt ist nirgends in Lateinamerika so schlimm wie in Venezuela.

Wer kann, der flieht. Drei Millionen Venezolaner haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen. Das Drama Venezuelas ist längst Angelegenheit ganz Lateinamerikas. Aber Abhilfe ist bis auf weiteres leider nicht in Sicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion