Die Gleichberechtigung steht seit dem 14. Juni 1981 in der Schweizer Verfassung. Da es bei der Umsetzung haperte, wurde 1991 ein erster Frauenstreik organisiert.  Nun ist es wieder soweit.

Schweiz

Frauen-Streik in der Schweiz: In anderen Ländern geht‘s doch auch

Alle Autoren
    schließen
  • Stefan Brändle
    Stefan Brändle
  • Jan Opielka
  • Thomas Borchert

In der Schweiz gehen hunderttausende Frauen für Gleichberechtigung auf die Straße. Sie blicken unter anderem nach Island, das es annähernd zu Lohngleichheit geschafft hat - mit einem cleveren Gesetz.

Wie die Frauen in Island, Spanien, Polen und Frankreich für ihre Rechte gekämpft haben - und wie erfolgreich sie damit waren: FR-Korrespondenten berichten.

Frauenrechte in Island: Fast Lohngleichheit

Als erster und bisher einziger Staat der Welt verlangt Island von Arbeitgebern einmal im Jahr den detaillierten Nachweis, dass Frauen für dieselbe Arbeit wie Männer auch denselben Lohn bekommen. Seit Anfang 2018 gilt diese Regelung in allen Betrieben mit mindestens 25 Beschäftigten. Sie stellt ungleiche Bezahlung wegen des Geschlechts faktisch unter Strafe, denn neben Bußgeldern droht auch die Verweigerung des staatlichen Zertifikats für Lohngleichheit. „Es wird zum Jahreswechsel die ersten Bußgelder geben,“ sagte Hugrún Hjaltadóttir von der Aufsichtsbehörde. Man sei doch überrascht, „welch breiter Konsens in der Gesellschaft ist, dass es so laufen muss“. Nicht nur in Island: Die Begeisterung in aller Welt für diese Neuerung von der wilden Vulkaninsel im Atlantik war groß bei allen, denen gleiche Rechte für Frauen am Herzen liegen.

Lesen Sie auch: Hunderttausende Schweizerinnen im Streik

Als einschneidendes und stolzes Datum für Islands Vorreiterrolle lernt hier jedes Schulkind, wann und wie der Startschuss gefallen ist: Am 24. Oktober 1975 riefen die Frauenverbände einen eintägigen landesweiten Streik aus Protest gegen Lohnungleichheit aus. Die überwältigende Mehrheit der Isländerinnen mit Lohnarbeit machte mit. In der Hauptstadt demonstrierten 25.000 Frauen, zehn Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung. Damals betrug die „Lohnlücke“ 40 Prozent. Bis 2018 ist sie auf 14 Prozent gegenüber 21 in Deutschland gesunken. Immer am 24. Oktober verlassen Tausende Frauen ein bisschen eher den Arbeitsplatz – jeweils zu dem Zeitpunkt, ab dem sie in Folge der „Lohnlücke“ gratis arbeiten.

Konsequente Elternzeit

Die früh erstarkte Frauenbewegung in Island hat auch bei den Regeln zur Elternzeit viel weitergehende Regelungen für die Gleichstellung als anderswo durchgesetzt. Seit 2000 sind von neun Monaten drei für die Mutter reserviert, drei für den Vater und drei, die geteilt werden können. Demnächst sollen es insgesamt zwölf werden. Die Konsequenzen sind mittags auf den Straßen der Hauptstadt Reykjavik mit unendlich vielen jungen Vätern hinter einem Kinderwagen zu studieren. In Zahlen: Von 30 Prozent jungen Vätern, die ihre Elternzeit vor 20 Jahren voll nutzten, ist der Anteil jetzt auf knapp unter 90 Prozent gestiegen.

Ingólfur Gíslason von der Uni Reykjavik hebt neben den immens positiven Folgen für junge Frauen auf dem Arbeitsmarkt auch die für die männliche Psyche hervor. „Junge Männer, die noch nicht Väter sind, haben uns in Interviews als natürlichen Teil von Maskulinität Elternzeit und Kinderbetreuung genannt.“

Frauenrechte in Polen: Mehr politische Ämter

Es ist schwierig, in Polen einen Bereich auszumachen, der aus der Perspektive von Frauen vorbildlich ist – zumal das Land seit 2015 von der nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS) regiert wird, die eine emanzipatorische Frauenpolitik torpediert. Und dennoch: Laut der aktuellsten Erhebung des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (Eige) hat sich die Position polnischer Frauen in den Jahren 2005 bis 2015 in einer wichtigen Frage deutlich verbessert. Zwar rangierte das Land im Jahr insgesamt im EU-Vergleich auf dem 18. Platz und zugleich unter dem EU-Schnitt – doch beim Zugang zu politischen Ämtern auf allen Ebenen hat es in dem Zeitraum einen deutlichen Sprung gegeben.

Neben einem deutlichen Anstieg in der Besetzung einflussreicher staatlicher Stellen kann man vor allem auch ein verstärktes politisches Engagement im öffentlichen Raum wahrnehmen. Frauen-Organisationen wie der 2009 gegründete „Frauen-Kongress“ oder der 2016 gegründete „Frauenstreik“, die sich für Frauenrechte einsetzen, sind landesweit aktiv und finden im öffentlichen Raum zunehmend Gehör. So haben Aktivistinnen des „Frauenstreiks“ sowie weitere Frauengruppen mit ihren gut organisierten Protesten im Jahr 2016 die von der PiS-Regierung avisierte Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsrechts verhindert.

Den zunehmend politisch engagierten Frauen bläst unter der PiS-Regierung ein scharfer Wind ins Gesicht, ihr Einsatz für Gleichstellung gleicht mitunter einem Kampf gegen Windmühlen – denn große Teile der Gesellschaft, konservative Medien oder die katholische Kirche diffamieren dies alles als „gefährliche Gender-Ideologie“, mitunter werden Frauen bei Protesten physisch attackiert. Doch ein Motto der Aktivistinnen des „Frauenstreiks“ lautet: „Frauen – stolz und frei von Angst.“ 

Frauenrechte in Spanien: Gesetz gegen „Gendergewalt“

Spanien ist Vorreiter in Sachen Feminismus, meint Vize-Premier Carmen Calvo. „Wir haben eine sehr machtvolle Frauenbewegung in Spanien gegründet. Davon haben wir geträumt, und jetzt ist sie da. Nichts mehr wird ohne uns oder gegen uns gemacht“, sagte die Sozialistin auf einer Veranstaltung am Donnerstag. Und wahrscheinlich hat sie recht: In keinem anderen Land dürfte der öffentliche Diskurs derart von feministischen Thesen durchdrungen sein wie in Spanien.

Auch Frauenstreiktage wie jetzt in der Schweiz kennen die Spanier schon länger. Am 8. März vergangenen Jahres gingen erstmals Hunderttausende Frauen für ihre Rechte auf die Straße – und nicht an ihren Arbeitsplatz. Selbst der damalige konservative Regierungschef Mariano Rajoy steckte sich zur Feier des Tages eine lila Schleife ans Revers. Und dieses Jahr waren die Demonstrationen noch einmal größer.

Im Zentrum der Debatte steht in der Regel die Gewalt gegen Frauen, die hier „Gendergewalt“ genannt wird. Seit Ende 2004 gibt es ein Gesetz gegen „Gendergewalt“, das es betroffenen Frauen leichter macht, Taten anzuzeigen und Schutz vor gewalttätigen Partnern zu finden. Es gibt Schwerpunktstaatsanwaltschaften und auf „Gendergewalt“ spezialisierte Gerichte. Die Zahl der Anzeigen steigt von Jahr zu Jahr, was aus Sicht der Befürworter des Gesetzes ein gutes Zeichen ist: Die Scham, Opfer eines gewalttätigen Partners zu sein, nehme ab. In letzter Zeit mehren sich aber auch die Stimmen von Juristen, die das Gesetz für eine Einladung zu unbegründeten Anzeigen halten.

Frauenrechte in Frankreich: Bei der Kinder-Betreuung vorbildlich

Frankreich tut alles, damit seine Bürgerinnen Arbeit und Familie kombinieren können. Das Ziel war zwar ursprünglich nicht unbedingt die Besserstellung der Frau: Nach dem hohen Blutzoll der beiden Weltkriege ging es in erster Linie darum, die Gebärfreudigkeit der Mütter aus gesamtwirtschaftlichen Gründen zu fördern. Später kamen im Land der „liberté“, der Freiheit, aber auch die Ansprüche von Frauenrechtlerinnen wie Simone de Beauvoir dazu.

Heute überlagern sich die beiden Motive der Frauen- und Kinderförderung. Der französische Staat lässt sich die direkten und indirekten Familienhilfen jedes Jahr Milliarden kosten. Am wichtigsten sind Steuerfreibeträge: Für jedes neue Kind wird das steuerbare Einkommen durch einen höheren Faktor geteilt. Auch die Direkthilfen steigen mit jedem Kind. Weitere Anreize, ein drittes Kind zu haben, sind zum Beispiel Rabattkarten für die Staatseisenbahn und sogar für Hotels, Restaurants und gewisse Geschäfte. Steuerfreibeträge gibt es auch für Hausbetreuung.

Frankreich sorgt aber auch sehr konkret dafür, dass die Mütter zugleich arbeiten können. Wohl nirgends gibt es so viele Arten von städtischen, staatlichen oder neuerdings auch betrieblichen Kinderkrippen und Vorschulen wie in Frankreich. Fast alle Dreijährigen verbringen dort den Tag, und 35 Prozent der Zweijährigen. Der Mentalitätswandel ist komplett: Kaum jemand stört sich mehr daran, wenn eine unverheiratete und berufstätige Französin Kinder bekommt und sie schon bald nach der Geburt in die Kinderkrippe gibt. Sofern sie einen Platz findet. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion