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Das Schweigen der Islamverbände zum Genozid an den Ezid:innen

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Von: Erkan Pehlivan

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Bis auf wenige Ausnahmen schweigen die muslimischen Verbände in Deutschland auch zum achten Jahrestag zum Völkermord an den Ezid:innen.

Frankfurt - Heute jährt sich der Völkermord an den Ezid:innen zum achten Mal. 2014 hatte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) das historische Siedlungsgebiet der Ezid:innen Shingal im Nordirak überfallen. Es folgte ein Exzess brutalster Gewalt an den Mitgliedern der religiösen Minderheit. Über 7000 Ezid:innen wurden ermordet, ihre Dörfer und heilige Stätten zerstört sowie mehr als 6000 Frauen und Kinder verschleppt. Frauen und Mädchen wurden später von ihren Peinigern vergewaltigt, als Sexsklavinnen gehalten und verkauft. Der IS hatte ihre Verbrechen im Namen des Islams begangen.

Ditib, Milli-Görüş und Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands schweigen

Wir haben deswegen bei den Islamverbänden angefragt, ob sie in ihren Veranstaltungen das Thema Genozid an den Ezid:innen thematisiert haben. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus. Von den Islamverbänden „Ditib“, „IGMG (Milli Görüs) “ und der islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschland (IGS) haben wir keine Antwort erhalten. Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) teilte lediglich mit, nicht antworten zu können, da ihr Pressesprecher „bis nächste Woche noch im Urlaub“ sei.

Eine Antwort auf unsere Fragen bekamen wir lediglich vom Zentralrat der Muslime (ZDM). „Leider ist der IS oft Ausgangspunkt von Freitagspredigten, weil Daesh (so der arabische richtige Titel dieser Mörderbande) hier Völkermord und andere Grausamkeiten und kriminelle Dinge veranstaltet, insbesondere an den Ezid:innen, aber auch zum Beispiel in Syrien an der Bevölkerung“, teilte eine Sprecherin des ZDM gegenüber fr.de von IPPEN.MEDIA mit. Der Vorsitzende der ZDM, Aiman Mazyek, nahm an der heutigen Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche teil.

Jesiden nehmen an einer Veranstaltung im Lalish-Tempel anlässlich des achten Jahrestags des von der Organisation Islamischer Staat verübten Völkermords an den Jesiden im Sindschar-Gebiet teil.
8. Jahrestag Völkermord an den Jesiden durch den IS © Ismael Adnan/dpa

Ezid:innen wünschen sich mit Moslems mehr Dialog

Der Zentralrat der Ezid:innen wünscht sich mehr Dialog mit den muslimischen Verbänden. „Beim Kennenlernen werden Vorurteile abgebaut. Dialog muss stattfinden. Ich wünsche mir ein Aufeinander zukommen“, erzählt uns die Vorsitzende des Zentralrats der Eziden in Deutschland (ZED), Zemfira Dlovani. Es herrsche zudem viel Unwissenheit darüber, was die ezidische Religion ist, so Dlovani.

GfbV nennt Schweigen von Islamverbänden „Skandal“

Deutlichere Worte für das Schweigen der islamischen Verbände in Deutschland zum Genozid an den Ezid:innen findet dagegen Kamal Sido, Nahostreferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). „Es ist ein Skandal, wenn große islamische Verbände wie Ditib und IGMG zu diesem Verbrechen schweigen, obwohl der IS ihre Schandtaten im Namen des Islams begangen hat“, sage Sido auf Anfrage unserer Redaktion. In Deutschland lebten zudem rund 200.000 Ezid:innen. Auch deswegen sei es wichtig, das Ganze zu thematisieren.

Toprak wundert Schweigen von Islamverbänden nicht

Auch der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGD), Ali Ertan Toprak, fordert eine Auseinandersetzung der islamischen Verbände mit dem Thema. Das Schweigen vieler islamischen Verbände in Deutschland verwundere ihn jedoch nicht. „Das Wegducken vor den vom Islamischen Staat begangenen Verbrechen beleidigt den Islam und die Muslime“, mahnt Toprak im Gespräch mit fr.de und ergänzt: „Was ist daran auszusetzen, wenn viele Nichtmuslime heute erwarten, dass sich ihre muslimischen Nachbarn von den Barbaren des Islamischen Staates distanzieren?“

„Systematische Unterdrückung von Ezid:innen jahrhundertelange Praxis“

Kritik an den muslimischen Verbänden kommt auch von Martin Lesenthin, Menschenrechtsexperte und Vorstandssprecher der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM): „Dieser Gedenktag ist eine Gelegenheit für islamische Verbände, den Genozid an den Ezid:innen zu thematisieren“, so Lesenthin unserer Redaktion gegenüber. Der Menschenrechtsexperte erinnert dabei, dass der Genozid an den Ezid:innen 2014 nicht der erste war. „Massenmord und systematische Unterdrückung von Eziden sind jahrhundertelange Praxis der Türkei und arabischen Nachbarn. Die Verbände hätten ihr Schweigen schon lange beenden müssen“, kritisiert Lesenthin. (Erkan Pehlivan)

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