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Razika Adnani.
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Razika Adnani.

Frankreich

Islamologin: „Islam muss Politik und Religion trennen“

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Die Wissenschaftlerin Razika Adnani spricht im Interview über einen modernen Anspruch an den Islam und die anhaltende Diskriminierung von Frauen.

Die französische Nationalversammlung verabschiedet an diesem Dienstag voraussichtlich ein Gesetz gegen den „islamistischen Separatismus“, also etwa gegen die Loslösung ganzer Vorstadt-Wohnviertel aus der französischen Gesellschaft. Ist ein solches Vorgehen ein wirksames Mittel gegen den radikalen Islamismus?

Zahlreiche Maßnahmen wie etwa das Beschulungsverbot außerhalb von Schulen können mithelfen, Banlieue-Bewohnerinnen und -bewohner besser zu integrieren. Ihre Viertel stehen unter dem mächtigen Einfluss von Salafisten, die ihre eigenen, islamistischen Gesetze verbreiten. Das Gesetz gegen den Separatismus kann diesen Druck vielleicht etwas zurückzubinden.

Außerdem sollten die verschiedenen Islam-Gemeinschaften Frankreichs eine „Charta“ zur Einhaltung republikanischer Werte unterzeichnen.

Das ist ein interessanter Ansatz, aber er ändert nicht viel, wenn der Islam nicht selbst an sich arbeitet.

Wie meinen Sie das?

Die Musliminnen und Muslime müssen erkennen, dass das Problem im Islam selbst liegt, auch im Verhältnis zu den modernen Gesellschaften. Seine Werte, die aus dem 7. Jahrhundert stammen, werden heute von Konservativen zementiert, obwohl sie nicht mehr kompatibel sind mit einer sich verändernden Welt. Der Islam muss zuerst einmal Politik und Religion trennen und sich auf letztere beschränken.

Eine sehr grundsätzliche Forderung …

Ja, aber die Reform des Islam ist die Voraussetzung für alle wirklichen Veränderungen, und das bis in die Banlieue-Viertel. Auch kann sich diese Reform nicht auf den „Islam de France“, den französischen Islam, von dem in Paris so viel die Rede ist, beschränken. Man kann nicht in Frankreich einen modernen, republikanischen Islam schaffen, wenn er in Ländern wie Marokko oder Tunesien in seinen archaischen Versionen weiterlebt.

Das Christentum brauchte für die Trennung von Kirche und Staat Jahrhunderte. Verlangt man von den Musliminnen und Muslimen nicht zu viel?

Nein, es ist gar nicht so unmöglich, wie es scheint. Die Musliminnen und Muslime sind wie alle Menschen in der Lage, sich an die neuen Zeiten und die modernen Werte anzupassen. Sie haben die neuen Technologien wie Internet und Handys übernommen. Warum soll das nicht bei humanistischen Werten möglich sein? Atatürk hat Religion und Staat schon 1924 getrennt und die Türkei säkularisiert und modernisiert. Das Problem sind die Konservativen, die einen starken psychologischen Einfluss ausüben. Sie beherrschen den Islam seit dem 9. und 10. Jahrhundert.

Das Gesetz gegen den islamistischen Separatismus versucht zumindest die Finanzierung der Moscheen durch ausländische Mächte wie gerade auch die Türkei zu unterbinden.

Das ist eine gute Idee, aber sie wird die zugrunde liegenden Probleme nicht lösen. Die französischen Musliminnen und Muslime müssen sich Werte wie die Gleichheit von Mann und Frau oder die Gewissensfreiheit selber aneignen.

Die Imame sollen besser kontrolliert werden, indem sie ab 2024 in Frankreich ausgebildet werden müssen.

zur Person

Razika Adnani ist Philosophin und Islamologin in Paris. Die frühere Hochschullehrerin in Algerien gehört seit 2017 der säkularen Islamstiftung „Fondation de Islam“ in Paris als beratendes Mitglied an.

Es ist wichtig, Imame zu verhindern, die weder die Kultur noch die Sprache Frankreichs kennen. Bloß hilft das nicht viel, wenn auch die neuen Imame weiter die Herrschaft des Mannes über die Frau predigen. Es genügt nicht zu sagen, man müsse „die Regeln der Republik respektieren“ – wenn die Imame in den Moscheen weiter predigen, dass der Mann der Frau überlegen sei. Abgesehen davon agieren die Salafisten nicht nur in den Moscheen, sondern auch in den sozialen Medien. Also dort, wo die Jugendlichen hinhören. Sie gehen nicht mehr in die Moscheen, sondern ins Internet.

Die von Emmanuel Macron initiierte Charta verlangt von den französischen Muslimen die Einhaltung der Geschlechtergleichheit. Ein frommer Wunsch?

Diskriminierung der Frauen, das Verhältnis zu anderen, Gewaltdiskurs – all das müssen die Musliminnen und Muslime mit sich selbst regeln und beseitigen. Per Gesetz kann man höchstens unmenschliche Praktiken wie die Genitalverstümmelung kleiner Mädchen verbieten. Und die sind oft nicht an den Islam geknüpft; der Maghreb kennt zum Beispiel keine Verstümmelungspraktiken.

Aber können ein Gesetz und eine Charta nicht wertvolle Impulse vermitteln?

Das neue Gesetz geht zum Beispiel nicht gegen den Schleier vor, obwohl er die Vorherrschaft des Mannes symbolisiert. Der Koran verlangt von der Frau nirgends das Bedecken der Haare. Und selbst wenn der Koran diese Vorschrift aufstellen würde, heißt das noch nicht, dass sie angewendet werden müsste. Viele Koran-Regeln werden nicht befolgt.

Wie etwa?

Die Sklaverei wird in 25 Koranversen erwähnt, doch die islamischen Länder haben die Sklaverei alle zwischen 1848 und 1880 abgeschafft. Dagegen behaupten viele Muslime, es sei unmöglich, das Kopftuch oder die Polygamie abzuschaffen. Diese Praktiken sind aber nur deshalb so tief verankert, weil sie auf der Unterdrückung der Frau basieren.

Um eine neue Kopftuchdebatte zu vermeiden, hat die Regierung in Paris darauf verzichtet, ein Schleierverbot für kleine Mädchen ins Gesetz aufzunehmen, wie es eine Macron-Abgeordnete forderte. Verstehen Sie das?

Ein Kopftuch für Fünfjährige ist schlicht ein Verbrechen. Es heißt, die Frauen wählten den Schleier freiwillig. Das stimmt sicher nicht für kleine Mädchen. Ihnen wird der Schleier so lange anerzogen, bis sie sich selbst nackt fühlen, wenn sie ohne ihn auf die Straße gehen. Man lehrt die Kinder, dass ihr Körper ein Störfaktor ist, dass sie ihn verbergen sollen. So gewöhnen sie sich an den Schleier und tragen ihn ihr Leben lang.

In dem Fall sind Sie auch für das sogenannte Burkaverbot, nicht?

Zuerst einmal: Burka und Niqab werden im Koran gar nicht erwähnt. Der Koran enthält keine Vorschrift, Haare oder Gesicht zu verhüllen. Weiter: Der Ganzkörperschleier ist eine Erniedrigung und ein Verbrechen an der Frau. Er wurde erfunden, um die Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, denn er verlängert die häusliche Einschließung der Frau, indem sie nun einfach in ihr Tuch eingeschlossen wird. Das ist überaus diskriminierend, schließt es doch die Frau vom sozialen Leben, der Kultur und der Politik aus. Wer kein Gesicht hat, kann nicht sprechen, kann keine Politik machen.

Feministinnen wenden ein, man könne die Freiheit nicht mit einem Verbot – einem Bekleidungsverbot – erzwingen. Leuchtet Ihnen das ein?

Die Musliminnen haben sich nie gekleidet, wie sie wollten – es waren die Männer, die den Frauen einen Schleier auferlegt haben, und zwar lange vor der Entstehung des Islam. Die Musliminnen tragen ihn weiter, weil sie unter einem sozialen und kulturellen Druck stehen, ihn anzulegen.

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