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Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte kontrollieren nach dem Anschlag in Wien Anfang November in der Innenstadt eine Person.
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Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte kontrollieren nach dem Anschlag in Wien Anfang November in der Innenstadt eine Person.

Terrorprävention

„Radikale Ideologien werden nicht nur von langbärtigen Salafisten verbreitet“

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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Der Deradikalisierungs-Experte Moussa Al-Hassan Diaw über den Attentäter von Wien, krasse Defizite in der demokratischen Bildung, und die Frage, wie junge Menschen gegen extremistische Indoktrinierung immunisiert werden.

Herr Diaw, nach den jüngsten islamistischen Anschlägen in Dresden, bei Paris, in Nizza und in Wien haben Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Österreichs Kanzler Sebastian Kurz harte sicherheitspolitische Schritte gegen die Täter beziehungsweise gegen sogenannte Gefährder angekündigt – vom Entzug der Staatsbürgerschaft bis hin zu vorbeugender Ingewahrsamnahme, elektronischer Fußfessel und Sicherheitsverwahrung. Hilft das gegen den Terror?

Die Politik muss natürlich auf das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung reagieren. Und wenn man von einer Person weiß, dass sie potenziell gefährlich ist, kann es hilfreich sein, ihren Bewegungsradius mithilfe einer elektronischen Fußfessel einzuschränken, um einen möglichen Anschlag zu verhindern. Wichtig sind für die Prävention aber vor allem zwei Bereiche: Zum einen muss man Menschen gegen islamistische Ideologien immunisieren und zum anderen die Faktoren dämpfen, die zur Radikalisierung führen können.

Was sind das für Faktoren?

Das können die Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen sein, Benachteiligung auf verschiedenen Ebenen, psychische Konflikte – und natürlich auch eine extremistische Weltanschauung.

Dass mangelhafte Integration, gepaart mit Diskriminierungserfahrungen, Nährboden für extremistische Ideologien sein können, ist bekannt. Werden ausreichend Konsequenzen gezogen?

In Deutschland gibt es in vielen Bundesländern schon Initiativen, die auch mit Bundes- und Landesmitteln gefördert werden – da arbeiten Regierungsorganisationen mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, aus meiner österreichischen Sicht ist das bewundernswert. Was islamistische Ideologien betrifft, ist man da aber womöglich auf einem Auge blind: Radikale Ideologien werden nicht nur von langbärtigen Salafisten verbreitet. Zum Teil werden Organisationen mit öffentlichen Mitteln aus der Islamismusprävention gefördert, obwohl sie eine Ideologie vertreten, die man als legalistischen Islamismus bezeichnet. Sie rufen nicht zur Gewalt auf, agieren aber haarscharf an der Grenze zum Verbotenen. So nutzen sie das System der Demokratie und den Staat, vermitteln aber gleichzeitig im Kern eine islamistische Ideologie.

Von wem genau sprechen Sie?

Ich nenne bewusst keine Namen, weil die Betreffenden sehr aggressiv werden können.

Wie funktioniert die Immunisierung gegen islamistische Ideologie?

Ein Weg ist, die politische Bildung zu forcieren und ganz gezielt etwa die Menschenrechte oder auch die Bedeutung von Demokratie. Es gibt bei manchen jungen Menschen überhaupt kein Bewusstsein dafür, was daran so wertvoll sein soll. Deshalb ist es wichtig, eine Alternativerzählung zu islamistischen Ideologien in die Köpfe zu bringen. Sonst hat die Propaganda, die im Internet wirklich heftig ist, leichtes Spiel, wenn sie den Jugendlichen Wege zu einem angeblich besseren Leben präsentiert.

Die Täter von Wien und Dresden hatten Programme zur Deradikalisierung durchlaufen. Wie kann man sich die vorstellen?

Was den Attentäter von Wien betrifft, der ja von unserer Organisation betreut wurde, ist wichtig zu verstehen, dass er die ganze Zeit über nicht als deradikalisiert galt.

Moussa Al-Hassan Diaw ist Vorsitzender des im Dezember 2015 gegründeten Vereins Derad.

Ja, darüber wurde berichtet.

Es geht bei unserer Arbeit darum, den Prozess der Radikalisierung umzukehren, den diese Personen durchgemacht haben. Sie haben sich eine bestimmte Weltanschauung angelesen, im Internet erworben oder von Freunden übernommen, die wird täglich verstärkt, weil sie sich in den entsprechenden Kreisen bewegen. Dieser Prozess der Indoktrinierung mit der islamistischen Ideologie muss durch Gegenerzählungen sozusagen zurückgewickelt werden. Die Gespräche, die man mit ihnen führt, docken am tagespolitischen Geschehen oder an religiösen Inhalten an. So versucht man, ihr Überzeugungsfundament, ihre extremistische Weltanschauung, die dann zu Strafhandlungen führen kann, in Zweifel zu ziehen.

Habe Sie eine Idee, warum das bei den Attentätern von Dresden und Wien nicht funktioniert hat?

Die Deradikalisierung ist ein laufender Prozess. Bei manchen dauert er ganz einfach länger. Außerdem gibt es Rückfälle, wie bei allen strafbaren Handlungen; zum Glück sind sie beim Terrorismus nicht so häufig. Wir sind mit dem Umfeld des Wiener Attentäters in Kontakt, aber da die Ermittlungen laufen, dürfen wir dazu nichts sagen. Er war ganz klar ideologisiert. Es ist die Frage, was am Ende tatsächlich der Auslöser für die Tat war.

Was gibt es für Ansätze, der Radikalisierung in der Haft vorzubeugen?

In Österreich gibt es zum Beispiel unseren Verein, der ganz konkret pädagogische Arbeit macht mit Leuten, die schon auf dem Weg zur Radikalisierung oder tatsächlich verurteilte Straftäter sind. Was Deutschland angeht, halte ich das Netzwerk Deradikalisierung im Strafvollzug in Hessen für ein vorbildliches System mit eigener Stelle im Justizministerium. Da sind Spezialisten angestellt, Islamwissenschaftler zum Beispiel, und auch Leute, die konkret mit den Menschen arbeiten. In anderen Bundesländern läuft es nicht so gut, da gibt es oft Kompetenzgerangel zwischen Justiz und Verfassungsschutz oder von außen kommenden Stellen wie NGOs.

Die Attentäter waren in diesen jüngsten Fällen stets sehr junge Männer.

Es sind hauptsächlich Männer unter 25. Die jüngsten Klienten bei uns sind 13 oder 14 Jahre alt, sie haben auch schon in Untersuchungshaft gesessen. In den Gesprächen mit ihnen merkt man, dass sie hochgradig ideologisiert sind. Ihnen ist überhaupt nicht bewusst, in welche Gefahr sie sich begeben, sie sehen das alles als Abenteuer oder Beweis für Männlichkeit. Natürlich spielt auch die kollektive Identität eine große Rolle, in diesem Alter ist man auf Identitätssuche. Gemeinschaften verschiedener salafistischer Kreise machen identitätsstiftende Angebote – so wie es auch Neonazis tun, Skinheads oder Skateboardfahrer. Gleiche Kleidung, gleich Sprache, gleiche Weltanschauung.

Sie haben die politische Bildung angesprochen. Da müsste man auch die Schulen wohl viel stärker einbinden, als es bislang geschieht. Welche Ideen gibt es?

Man sollte es Externen regelmäßig ermöglichen, in den Schulen über Themen wie Menschenrechte, Demokratie oder Gleichberechtigung zu sprechen. Bei vielen jungen Muslimen herrscht das Gefühl vor, der Westen sei gegen sie gerichtet. Um dieses Schwarz-Weiß-Denken, dieses Wir-gegen-sie, das dem Fundamentalismus zugrunde liegt, aufzubrechen, wäre es gut, andere Blickwinkel zu vermitteln. Etwa die Frage, warum in einer Demokratie auch Minderheiten geschützt werden. Die Propagandisten setzen gern da an, wo etwas als ungerecht empfunden wird.

Interview: Sabine Hamacher

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