Islamisten streben nach Macht

Fundamentalisten sind pragmatisch bis zur Selbstverleugnung

Von MICHAEL LÜDERS

Der islamische Fundamentalismus, auch Islamismus genannt, bezeichnet eine späte Sonderentwicklung der islamischen Religion. Ihr geht es um die Erringung von Macht und ihre Ausübung auf der Grundlage der Scharia, des islamischen Gesetzes. Religiöse Glaubensinhalte werden dabei politisch instrumentalisiert und massenwirksam eingesetzt.

Fundamentalismus ist kein Phänomen der islamischen Welt allein, er ist in allen Religionen anzutreffen, beispielsweise im Umfeld der evangelistischen Freikirchen in den USA.

Der Grundschullehrer Hassan al-Banna (1906 - 1949) gilt als der erste namhafte Ideologe des islamischen Fundamentalismus. 1928 gründete er in Ägypten die Muslimbruderschaft, die bis heute in zahlreichen arabischen Ländern aktiv ist.

Ideologisch und organisatorisch ist der Werdegang der Muslimbrüder charakteristisch für die meisten islamistischen Bewegungen der Gegenwart: Ursprünglich aus Protest entstanden, als radikale und gleichzeitig karitativ tätige Massenbewegung schnell erfolgreich und somit eine Gefahr für die Machthaber. Dann verboten und schließlich erneut zugelassen. Heute ist sie eine gemäßigte Opposition, der islamische Staat nur noch eine ferne Utopie.

Hassan al-Banna ist der Begründer des politischen Islam, und seine Lehre, so dürftig sie ist, prägt bis heute das Weltbild der meisten Islamisten - auch wenn sie sich in der Regel nicht auf ihn berufen, sondern auf nachfolgende Vordenker oder schlichtweg den Koran.Islamische Fundamentalisten lehnen jedwede Exegese ab, denn sie bedeutet, heilige Texte zu interpretieren. Ein islamistischer Führer aber, angefangen mit al-Banna, wird argumentieren, dass diese Text wortwörtlich zu verstehen sind.

Sollten dennoch Fragen offen bleiben, werden sie vom jeweiligen Führer geklärt. Auf diese Weise festigt er seine Macht und Autorität.

Das politische Hauptanliegen ist die Befreiung der arabisch-islamischen Welt vom Westen und seinem Einfluss. Damals in Ägypten ging es um den Kampf gegen die britischen Kolonialherren, heute sind die USA der Islam-Feind Nummer eins, die USA und sein nahöstlicher Verbündeter Israel. Das bedeutet, nach außen konsequent den Befreiungskampf fortzuführen und nach innen die Gesellschaft zu "islamisieren", angefangen mit der entsprechenden Kleiderordnung, Vollbart für die Männer, Kopftuch oder Schleier für die Frauen. Parallel dazu gilt es, die als korrupt geltenden eigenen Regime zu bekämpfen, vor allem dann, wenn sie offen mit westlichen Regierungen kooperieren.

Soweit die Theorie, die wie alle Ismen totalitäre Züge trägt. In der Praxis sind die meisten islamistischen Bewegungen pragmatisch bis zur Selbstverleugnung und passen sich ihrem gesellschaftlichen Umfeld an, sofern sie nicht in den Untergrund gehen. Die Anziehungskraft solcher rückwärts gewandten Utopien, die sich auf die vermeintliche Lebensführung des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert berufen, ist dort am größten, wo die Modernisierung am wenigsten fortgeschritten ist - wie etwa im Jemen - oder von religiösem Rigorismus überlagert wird wie in Saudi-Arabien. Auch kulturelle Identitätskrisen, soziale Gegensätze und der von Washington initiierte "Krieg gegen den Terror" beflügeln den Islamismus, der sich nicht zwangsläufig in Gewalt entlädt. Gemäßigte Islamisten sind in vielen Ländern an der Macht beteiligt.

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