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Islamismus: „Mit Repression werden wir das Problem nicht lösen“

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Von: Sabine Hamacher

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Bei einer Terrorattacke in Wien am 2. November 2020 tötet der Angreifer vier Menschen, bevor ihn die Polizei erschießt.
Bei einer Terrorattacke in Wien am 2. November 2020 tötet der Angreifer vier Menschen, bevor ihn die Polizei erschießt. © IMAGO IMAGES

Streetworker Fabian Reicher über seine Arbeit mit Jugendlichen aus der dschihadistischen Szene in Wien und die Anziehungskraft extremistischer Ideologien.

Herr Reicher, warum wenden sich Jugendliche dem sogenannten Islamischen Staat zu?

Das ist ganz unterschiedlich. Bei den Jungs, über die ich im Buch schreibe, ging es vor allem ums „Dagegen-Sein“. Der „Islamische Staat“ war für sie das beste Angebot für einen radikalen Bruch mit den Eltern und der Gesellschaft als Ganzes. Wenn ich ein Antiheld sein will, funktioniert der IS noch immer am besten.

Was sind das für Jugendliche, die „Antihelden“ sein wollen und den radikalen Bruch suchen? Gibt es ein Muster?

Ganz normale Jugendliche, die vor allem eines wollen: Anerkennung und Erfolg, sie wollen Helden sein. Mit 13, 14 oder 15 Jahren haben sie gemerkt, dass sie auf dem gesellschaftlich anerkannten Weg keine Chance haben. Die Jungs im Buch wurden in dieser Phase von der Geschichte vom globalen Dschihad abgeholt. Diese Erzählung gab ihrem Unmut und ihrer Wut eine Bedeutung. Auf einmal waren sie keine Kleinkriminellen mehr, sondern Teil einer globalen Protestbewegung und konnten die negativen Zuschreibungen, mit denen sie ihr ganzes Leben konfrontiert waren, damit umdrehen. „Wenn mich alle für einen Terroristen halten, werde ich halt einer“, hat mir Adam, über den ich schreibe, gesagt. Das beschreibt gut, worum es geht: negative Anerkennung. Er genoss die ängstlichen Blicke der Menschen, wenn sie das IS-Logo auf einer Kappe sahen.

Es geht also um Aufmerksamkeit?

Aufmerksamkeit ist sicher ein großes Motiv, genauso wie Rache. Nehmen wir diese neue Art von Terroranschlägen, wie wir sie 2020 in Dresden, Paris oder Wien erlebt haben. Bei diesen terroristischen Amokläufen ging es darum zu töten und getötet zu werden. Doch das ist gar nicht so einfach. Jeder Mensch will eigentlich auf der „guten Seite“ stehen, daher liefert der IS „Rechtfertigungsnarrative“, wie wir das nennen. Er suggeriert den Jugendlichen: Der Westen hasst uns Muslime, und weil der Westen uns angreift, ist es legitim, auch selbst Gewalt anzuwenden, Rache zu nehmen. Die Hauptattraktivität des IS für Menschen, die ihrem Leben durch ihren Tod noch einen Sinn verleihen wollen, besteht aber vor allem in unseren Reaktionen. Drastisch gesagt: Wenn ich jemanden umbringe, gibt das höchstens regional eine Schlagzeile, aber wenn ich dabei „Allahu akbar“ rufe und dem IS die Treue schwöre, lande ich auf allen großen Titelseiten – ganz egal, ob ich überhaupt Kontakt zum IS hatte.

Zur Person

Fabian Reicher, geboren 1987, ist Sozialarbeiter und Streetworker in Österreich. Zurzeit arbeitet er hauptberuflich für die Beratungsstelle Extremismus des Bundesweiten Netzwerks Offene Jugendarbeit in Österreich.

Sein Buch „Die Wütenden. Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen“ (zusammen mit Anja Melzer) ist im Verlag Westend erschienen (18 Euro). sha/foto: markuszahradnik.com

Islamismus, der radikalisierte Islam, benötigt Prävention wie durch Fabian Reicher in Wien:

Nun sagen Sie in Ihrem Buch, dass die meisten Deradikalisierungsprogramme nicht funktionieren. Warum denken Sie das?

Es gibt ein ganz falsches Verständnis von diesem Begriff. Dahinter steckt die Vorstellung, dass man Jugendliche „reparieren“ kann, wenn man ein paar Stunden mit ihnen redet. Aber so geht es nicht. Bei unserem Ansatz geht es darum, eine enge Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen und sie dann durch alle schwierigen Phasen wirklich zu begleiten. Das ist ein jahrelanger Prozess. Dabei geht es natürlich darum, die extremistischen Erzählungen zu dekonstruieren. Dabei schauen wir vor allem: Was waren die Ursachen für die Radikalisierung? Was stand dahinter, welche Fragen spielten dabei eine Rolle? Und dann versuchen wir gemeinsam, alternative Antworten zu denen des IS zu finden. Es gibt viele Möglichkeiten, ein „Held“ zu werden. Man kann auch ohne Waffen für Gerechtigkeit kämpfen. Wir setzen zum Beispiel immer wieder Spendenprojekte mit Jugendlichen um, sammelten etwa Geld für die notleidende syrische Zivilbevölkerung.

Eigentlich ist es also ein Präventionsprogramm.

Genau. Man muss an die Ursachen rangehen und nicht nur darüber reden, sondern auch etwas tun.

Islamismus-vorbeugende Maßnahmen in Wien: „Mit Repression werden wir das Problem nicht lösen“

Haben Sie genug Unterstützung – sprich finanzielle Mittel?

Nein. Seit den großen Anschlägen von 2015 und 2016 wird in Europa intensiv in Sicherheitsbehörden investiert. Dem Präventionsbereich steht dagegen sehr wenig Geld zur Verfügung. Das ist ein großes Problem. Die Idee dahinter funktioniert einfach nicht. Mit Repression werden wir das Problem nicht lösen.

Fabian Reicher.
Fabian Reicher. © markuszahradnik.com

Welche Erfolge haben Sie mit Ihrem Weg erzielt?

Das ist sehr schwer messbar. Die meisten Jugendlichen, mit denen ich die letzten zehn Jahre gearbeitet habe, sind aus der dschihadistischen Szene ausgestiegen. Unsere Arbeit hat dabei sicher eine Rolle gespielt, noch wichtiger waren aber ihre Familien, Communitys und die Moscheegemeinden hier. Sie machen eine tolle Arbeit, die kaum gesehen wird, aber auch Anerkennung braucht.

Wien: Nicht nur der Islam kennt Radikalisierung, Rechtsextremismus ist politisch weit gefährlicher

Ist Ihre Methode auch auf Jugendliche anwendbar, die sich in andere extremistische Richtungen entwickeln – etwa nach rechts?

Die Beratungsstelle, bei der ich arbeite, ist Österreichs bundesweite Anlaufstelle für alle Arten von Extremismus, wir arbeiten also auch mit Rechtsextremen. Es gibt viele Parallelen, aber auch wesentliche Unterschiede. Islamist:innen werden in Europa kaum reale Macht erlangen – anders als Rechtsextremist:innen, die sitzen in Deutschland und Österreich im Parlament, und das macht es so gefährlich. Es ist wichtig, das bei der Arbeit zu berücksichtigen.

Deradikalisierung

Zu ähnlichen Erkenntnissen wie der Streetworker Fabian Reicher kommt die kürzlich veröffentlichte Verbundstudie „Praxisorientierte Analyse von Deradikalisierungsverläufen“ (Pradera): Demnach braucht die Deradikalisierungsarbeit einen langen Atem, muss individuell sein und auf einem persönlichen Vertrauensverhältnis basieren. Die Studie beruht auf Interviews mit 16 Szenemitgliedern, die sich von salafistischen Bewegungen abwenden oder schon abgewandt haben. Sie berichteten, dass sie über Themen der Ideologie meist erst mit den Beratenden gesprochen hätten, nachdem in einem längeren Prozess Vertrauen aufgebaut worden sei.

Unterstützungsangebote müssten immer an den Grad der Ideologisierung der betroffenen Person angepasst werden, so der Rat der an Pradera beteiligten Forschenden. Für das Projekt arbeitete das Forschungszentrum des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge mit dem Kompetenzzentrum für Deradikalisierung und Risikoanalyse des Bayerischen Landeskriminalamts und dem Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin zusammen. (sha)

Glauben Sie, dass die Zeit des islamistisch motivierten Terrors in Europa vorbei ist?

Nein, das glaube ich nicht. Unsere Welt ist irrsinnig ungerecht und grausam, vor allem zu Menschen wie den Jungs aus dem Buch. Grundsicherung oder Arbeitslosengeld zu beantragen zum Beispiel ist eine reine Erniedrigung, und das ist auch so gedacht. Ich kriege ja mit, wie die Kids behandelt werden, auch von Sozialarbeiter:innen oder auf dem Amt. In den Biografien von Amokläufern spielen Erniedrigungserfahrungen eine große Rolle. Dazu kommt die politische Ebene: Seit die großen Fluchtbewegungen 2015 zur Bedrohung erklärt wurden, ist antimuslimischer Rassismus ein wesentlicher Teil europäischer Politik. Der IS bietet den an den Rand Gedrückten einen Gegenentwurf. Deshalb wundert es mich eher, dass nicht mehr passiert.

Den Ursachen widmen: Islamischer Staat (IS) war in Wien nicht beteiligt

Dass es hier gerade ruhig ist, liegt ja vielleicht auch daran, dass der IS geschwächt ist?

Bei den Anschlägen von 2020 hat der IS keine besonders aktive Rolle gespielt. Die Attentäter von Wien und Dresden hatten offenbar keine Kontakte zu einer IS-Kommandostruktur. Und der Mörder von Samuel Paty bei Paris hat sich nicht zum IS bekannt, sondern von diesem inspiriert auf eigene Faust gehandelt. Viel gefährlicher als der IS ist die dschihadistische Erzählung.

Also kein Grund zur Entwarnung?

Nicht, wenn wir uns nicht den Ursachen widmen. Die Entstehung des Dschihadismus hängt eng mit europäischem Kolonialismus und dem sogenannten Krieg gegen den Terror zusammen, und der funktioniert ganz eindeutig nicht. Wenn wir nicht radikal umdenken, wird es ewig so weitergehen. Das will ich nicht. Ich will keine Anschläge mehr.

(Das Interview führte Sabine Hamacher.)

Behörden sehen größte Gefahr für die Demokratie jedoch weiterhin im rechten Spektrum. „Ich trage es wie ein Mantra vor mir her“, sagte Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang, „die größte Bedrohung für Sicherheit und Demokratie in Deutschland geht weiterhin vom Rechtsextremismus aus.“

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