+
Die Ditib-Moschee in Duisburg hat eine Drohung angezeigt.

Bombendrohungen

Islamfeindliche Gewalt: Moscheegemeinden scheuen Anzeigen

  • schließen

Islamfeindliche Gewalt ist alltäglicher, als es die Statistik verrät. Der Ruf nach Präventionsprogrammen wird lauter.

Auf der Website #brandeilig ist der Terror aufzufinden, der es bundesweit nicht in die Schlagzeilen schafft: Allein in der vergangenen Woche wurden in fünf deutschen Städten Bombendrohungen gegen Moscheen gemeldet. Mindestens drei Moscheen wurden im Februar Ziel von Vandalismus.

Am Neujahrstag setzte ein 55-Jähriger einen Koran in Brand, seit Silvester ermittelt die Polizei zu einem versuchten Brandanschlag auf eine Weseler Moschee. Schmähbriefe in den Briefkästen, Farbanschläge, Hakenkreuzschmierereien - so geht es auch 2019 weiter auf #brandeilig. Seit zwei Jahren ist die Initiative online, sie wird vom Zentralrat der Muslime, dem Islamrat sowie verschiedenen Schura-Gemeinden unterstützt. Ein muslimisches Selbsthilfeprojekt sozusagen, angesichts der dürren öffentlichen Datenlage über antimuslimischen Rassismus in Deutschland.

„Moscheeangriffe als eine Form antimuslimischen Rassismus’ sichtbarer machen“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Aiman Mazyek.

„Wir wollen“, sagt #brandeilig-Mitarbeiter Yusuf Sari, „Moscheeangriffe als eine Form antimuslimischen Rassismus’ sichtbarer machen“. Er und seine Kollegen sammeln regionale Berichte über solche Vorfälle und recherchieren in Moscheegemeinden nach. Saris bedrückende Erfahrung: „Mal ein Hakenkreuz an der Mauer, mal eine kaputte Scheibe: Das ist für viele Gemeinden fast schon normal. Die zeigen das erst an, wenn es ihnen zum zweiten oder dritten Mal passiert.“ Zentralratsvorsitzender Aiman Mazyek sieht „Angst vor Trittbrettfahrern“ als weitere Ursache, dass Übergriffe oft nicht gemeldet werden: Er weiß von mehr als 20 Bombendrohungen 2019 gegen Moscheen bundesweit, aber nur die Hälfte der Gemeinden habe Anzeige erstattet.

Auch die offizielle Statistik gilt als stark verbesserungswürdig. Erst seit 2017 erfasst das Bundeskriminalamt (BKA) „islamfeindliche“ Straftaten separat. 2018 wurden 950 solcher Delikte gezählt, etwas weniger als 2017 (knapp 1100). Viele Experten vermuten, dass es tatsächlich viel mehr sind. Mazyek bemängelt im FR-Gespräch, dass Anschläge auf Asyl- und Flüchtlingsunterkünfte (2018 waren das 173) getrennt davon erfasst würden, „obwohl sie mit Sicherheit auch oft islamfeindlich motiviert sind“. Auch würden antimuslimische Straftaten oft nicht als solche erkannt, denn es fehle an Schulungen für Richter und Polizei: „Da ist seit 2017 fast nichts passiert.“

Die Bundesregierung selbst sah noch Anfang Februar in einer Antwort auf eine Große Anfrage der Linken nur eine „abstrakte Gefährdung“ von Moscheen in Deutschland - nur eine Woche vor der Verhaftung der „Gruppe S“, deren Anschlagspläne gegen Moscheen in Sicherheitskreisen jetzt als „besonders ernstzunehmender Fall“ gelten. Stimmt da was nicht mit der behördlichen Wahrnehmung?

„Täter fühlen sich ermutigt“

Allerdings, meint Ozan Zakariya Keskinkilic vom Netzwerk Neue Deutsche Organisationen (NDO), in dem Migranten- und Religionsgruppen, schwarze Deutsche und andere zusammenarbeiten. Keskinkilic forscht an der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin zu antimuslimischem Rassismus und wundert sich nicht über die Anschlagspläne. Er sieht einen engen Zusammenhang zwischen rechter Gewaltbereitschaft sowie der verbreiteten Alltagsdiskriminierung von Muslimen: „Die Täter knüpfen an die gesellschaftliche Stimmung an.“

Und die ist, wie auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wiederholt festgestellt hat, wenig islamfreundlich. Muslime erleben laut ADS bei der Wohnungs- und Jobsuche regelmäßig Benachteiligungen, vor allem wenn sie Kopftuch tragen. „Wenn die Politik das nicht skandalisiert“, so Keskinkilic, „fühlen sich Täter ermutigt.“ Das Bündnis Claim beklagt inzwischen sogar wachsende rassistische Übergriffe gegen Kinder, die als muslimisch wahrgenommen werden. So sollen im Dezember Jugendliche in Sebnitz einer Elfjährigen das Kopftuch weggerissen und sie getreten haben, in Dresden trat ein Unbekannter einen Vierjährigen.

Überfällig ist es nach Ansicht des Netzwerks NDO und anderer deshalb, jetzt endlich einen Bundesbeauftragten für antimuslimischen Rassismus zu ernennen und entsprechend auszustatten. Keskinkilic fordert darüber hinaus deutlich mehr Förderprogramme zur Prävention von antimuslimischem Rassismus. Derzeit würden einseitig Programme zur Deradikalisierung von Muslimen gefördert - das sei eine „Schieflage staatlicher Förderpolitik, die Muslime vor allem als Problem darstellt“.

In Hanau fallen Schüsse. Elf Menschen sind tot, darunter der mutmaßliche Täter. Es handelt sich wohl um einen rechtsextremen Terror-Anschlag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion