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Islam-Portal „Qantara.de“ droht das Aus

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Von: Ursula Rüssmann

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Das Außenministerium will der renommierten Plattform die Fördermittel streichen. Stiftungen, Wissenschaft und Medienschaffende reagieren entsetzt.

Das Auswärtige Amt will offenbar die Förderung für das angesehene Onlineportal Qantara.de ab 2023 komplett einstellen. Das würde das Aus für die Plattform bedeuten, die sich seit fast 20 Jahren dem Dialog mit der arabisch-islamischen Welt verschrieben hat, kritisch die Lage von Menschenrechten und Demokratie in der Region kommentiert und Autor:innen zu Wort kommen lässt, die in ihrer Heimat nicht frei schreiben können. Wissenschaftler:innen, Medienschaffende und Vertreter:innen politischer Stiftungen reagierten entsetzt auf die Streichungspläne.

Es geht, angesichts eines Ministeriums-Etats von in diesem Jahr 7,1 Milliarden Euro, nicht um sehr viel Geld: Rund 360 000 Euro steckt das Ministerium derzeit noch in Qantara.de, das von der Deutschen Welle betrieben wird. Die Förderung müsse „aus Spargründen“ wegfallen, wurde dem Beirat mitgeteilt, wie die FR erfuhr. Eine Anfrage dazu ließ das Ministerium zunächst unbeantwortet. Im Beirat sitzen das Goethe-Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa).

Qantara.de kann Meinungen beeinflussen

Ein kleines Projekt, aber ein großer Verlust. Das meint etwa die Wissenschaftlerin Isabelle Werenfels von der Stiftung Wissenschaft und Politik und nennt den Maghreb als Beispiel: „In Algerien und Marokko gibt es kaum noch Plattformen für freie, nicht ideologisch gefärbte Berichterstattung. Da ist eine Plattform wie Qantara.de immens wichtig, weil sie Inhalte und Perspektiven bereitstellt, die sonst fehlen würden“, sagt sie der FR. Das Magazin werde von Multiplikator:innen stark wahrgenommen und könne vor Ort Meinungen beeinflussen, auch weil die Texte in den Ländern weiter gestreut würden.

Schwuler Iman kommt zu Wort

Möglich wird das, weil die Fachartikel, deren Zahl in die Tausende geht, ins Arabische und Englische übersetzt werden – das kann ein Interview mit einem schwulen Imam sein, die Sicht eines islamischen Reformdenkers wie Fehmi Jadaane oder eine Analyse über das Versagen arabischer Eliten. Themen, die in den Medien vor Ort wenig bis keine Chancen haben. 300 Autor:innen aus 50 Ländern schreiben für die Plattform, entsprechend groß ist die Themenbreite.

Fassungslos reagieren denn auch Stiftungsvertreter:innen auf die schlechten Nachrichten. „Sehr kurzsichtig“, schreibt Richard Probst von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kairo auf Twitter: „In unserer alltäglichen Arbeit in der Region erleben wir, dass mehr Dialog und Kenntnisse übereinander notwendiger denn je sind.“ Nahostkorrespondent Karim El-Gawhary lobt Qantara.de in einem Offenen Brief an Außenministerin Annalena Baerbock als hochangesehenes Debattenforum und das „beste Schaufenster Deutschlands in der arabischen Nachbarschaft“.

Strategische Neuausrichtung der Außenpolitik?

Doch das Islam-Portal steht nicht allein mit seiner Existenzangst. Der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) muss wohl Tausende Stipendien streichen, weil das AA den Rotstift ansetzt, das Goethe-Institut soll 2023 zehn Prozent weniger bekommen als noch 2021. Befürchtungen gehen um, dass neben Spargründen eine strategische Neuausrichtung der Außenpolitik angesichts des Russlandkonflikts dahinter stecken könnte. Laut Expertin Werenfels wäre das fatal: „Mit der Einstellung von Qantara.de verliert die deutsche Kulturdiplomatie erhebliche Einflussmöglichkeiten, gerade angesichts wachsender russischer Einflussnahme in der Region.“ Gerade die Gesellschaften in den Ländern „brauchen das Signal, dass sie nicht vergessen sind“.

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