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Nicolas Henin.

„IS“-Gefangenschaft

IS-Opfer: Steter Kampf gegen den Terror

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Nicolas Hénin wurde in Geiselhaft von Dschihadisten gefoltert – nach seinem Martyrium wirbt er für Aussöhnung und Rechtsstaatlichkeit.

Der Treffpunkt ist präzise gewählt: Das Pariser Bistro hat einen einzigen Eingang, und Nicolas Hénin nimmt mit dem Rücken zur Spiegelwand Platz, so dass er das Kommen und Gehen im Blick behält. Vielleicht besser so: Der 43-jährige Franzose hat, um es vorsichtig auszudrücken, auf keiner Seite Freunde. Für die Dschihadisten ist er ein Todeskandidat, und von Rechtsextremen hat er schon Morddrohungen erhalten.

Aber der Reihe nach. Nicolas Hénin war ein erprobter Kriegsreporter, der fünfzehn Jahre lang über den arabischen Raum berichtete und dabei auch Dschihadisten – oft die gleichen – von Somalia über Libyen bis nach Jemen traf. 2013 wurde er im syrischen IS-Zentrum Rakka entführt und zehn Monate lang als Geisel festgehalten. Er lernte dabei unter anderem den später exekutierten Amerikaner James Foley kennen und wurde selbst gefoltert.

Mehdi Nemmouche war sein Peiniger

Über seine Freilassung redet er ungern, das ist Geheimdienstsache. Nur einen Monat, nachdem er freikam, erkannte er in dem mutmaßlichen Attentäter vom Jüdischen Museum in Brüssel, dem Franzosen Mehdi Nemmouche, einen seiner Peiniger. Vier Menschen starben bei dem Anschlag im Mai 2014. Bei dem Prozess gegen Nemmouche in Belgien trat Hénin Anfang dieses Jahres als Zeuge auf. Dort berichtet er erstmals, wie ihn sein Wächter malträtierte.

„Vorher hatte ich mich dazu sehr zurückgehalten, auch in meiner eigenen Familie“, erzählt Hénin heute. „Vor Gericht kam alles heraus, bis zu den Fingernagelzangen und dem Psychoterror. Und seltsam: Nachdem ich seit meiner Freilassung unter Alpträumen gelitten hatte, fühlte ich nach dieser Zeugenaussage leicht und befreit; erstmals seit langem schlief ich wieder gut.“

Unfreiwillig hatte die Ex-Geisel ihrem Peiniger in der Gerichtsverhandlung selber eine Falle gestellt: Als Hénin erzählte, wie der Sadist eine andere Geisel erniedrigte und sie „mein kleiner Didier“ nannte, musste Nemmouche spontan lächeln. Damit hatte er sich selber verraten, nachdem er die Teilnahme an den Geiselaffären kategorisch bestritten hatte.

Es geht nicht um Revanche oder Rache

Wegen des Museum-Attentats zu lebenslanger Haft verurteilt, ist Nemmouche unlängst nach Paris überstellt worden, wo er sich nun auch für seine Dschihad-Untaten verantworten muss. Hénin nennt seine zehnmonatige Zeit in Geiselhaft eine „extreme Erfahrung“. Unerträglich sei, dass man als Geisel jede Kontrolle über sein Leben verliere. Die Dschihadisten wollten ihn zudem zugrunde richten, indem sie zum Beispiel getötete Mitgefangene mit durchschnittener Kehle vor seiner Zellentür ablegten. „Ich überlebte letztlich nur, weil es mir gelang, ein Mensch zu bleiben“, sagt Hénin.

Und diesem Prinzip folgt er bis heute. „Mir geht es nicht um Revanche oder Rache. Das wollen die Dschihadisten, und wir dürften uns nicht in ihr Spiel hineinziehen lassen“, meint Hénin, der als Geisel orangefarbene Kleidung tragen musste, weil sich die IS-Wächter für ihre Kumpels im US-Gefängnis Guantánamo rächen wollten.

Den Beruf hat Hénin aufgegeben 

In Frankreich rufen viele nach Vergeltung für die Pariser Terrorattacken von 2015. Ein Vater, der in der Pariser Bataclan-Mordnacht seine Tochter verloren hatte, twitterte, man solle die in Syrien gefangenen Dschihadisten nicht nach Frankreich ausliefern, sondern vor Ort erschießen. Hénin mahnte darauf öffentlich, kühlen Kopf zu bewahren. Darauf wurde er beschimpft und erhielt im Internet selbst Morddrohungen.

Hénin hat Klage gegen unbekannt eingereicht. „Ich glaube an die Justiz. Nur sie kann dafür sorgen, dass sich die Gewaltspirale nicht weiterdreht“, meint Hénin. „Auch die Dschihadisten haben für ihre Verbrechen zu zahlen, und wir müssen sie ohne Unterlass bekämpfen. Aber stets mit den Mitteln des Rechtsstaates. Gerade weil die Dschihadisten Panik säen wollen, müssen wir kühlen Kopf bewahren. Wir brauchen keinen Überwachungsstaat, sondern kollektive Wachsamkeit.“

„Leonora“: Ein Kind in den Fängen des Islamischen Staates

Hénin sagt, er wende seit seiner Geiselhaft „jede Minute“ seines Lebens zur Terrorbekämpfung auf. Seinen Job als Reporter hat er an den Nagel gehängt. Heute lebt der politisch nie engagierte Reserveoffizier zwischen Deutschland und Frankreich, wo er internationale, europäische und frankophone Organisationen in Terrorfragen berät. Er leitet Bildungskurse und tritt in Gefängnissen auf. Mit den gefährdeten oder bereits radikalisierten Häftlingen spricht er über alles – außer über Religion. Das überlässt er den muslimischen Seelsorgern in den Gefängnissen. „Sie leisten eine sehr wichtige vorbeugende Arbeit, um die Radikalisierung neuer Häftlinge zu verhindern“, findet Hénin. „Ansonsten setzen die Haftanstalten heute eher auf soziale Integration und psychologische Betreuung als auf Entradikalisierung.“

Die Amerikaner hätten es bereits völlig aufgegeben zu versuchen, in den Haftanstalten auf die religiöse Ausrichtung einzuwirken. „Ich mag das Wort ‚Deradikalisierung‘ auch nicht mehr“, bekennt der Franzose. „Man kann nicht jemanden deradikalisieren, wenn er nicht selber dazu bereit ist.“ Wie er zu dieser Überzeugung gekommen ist? „Ich hatte zehn Monate lang Zeit, mich aus nächster Nähe mit dem Denken der Dschihadisten zu befassen“, antwortet Hénin, und nun muss auch er einmal lächeln.

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