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Stimmen zählen für Irlands Zukunft: Wahlhelferinnen und Wahlhelfer im Gebäude der Royal Dublin Society.

Sinn Féin

Irland erfindet seine Politik neu

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Der Wahlsieg von Sinn Féin über das konservative Partei-Establishment reicht vielleicht nicht für die Macht. Aber für eine friedliche Revolution auf der grünen Insel allemal.

Mary Lou McDonald hat es vor einem Jahr prophezeit: „Unser Tag wird kommen.“ Der Tag ist tatsächlich für Sinn Féin und ihre Parteichefin gekommen, wie die vorläufigen Ergebnisse der Wahl in Irland vom Samstag zeigen. Sinn Féin fuhr mit 24,5 Prozent der Stimmen einen historischen Erfolg ein. Die Partei, deren Kernforderung die Wiedervereinigung Irlands ist, liegt klar vor den beiden bürgerlichen Parteien Fianna Fáil (22,2 Prozent) und Fine Gael (20,9 Prozent), die sich fast ein Jahrhundert lang an der Regierungsspitze abwechselten.

Aber zum Slogan von vor einem Jahr: In Irland ist Geschichte immer sehr präsent – das ist kein Klischee. McDonalds Slogan war nicht ihrer, das wissen viele Menschen auf den Britischen Inseln, die ihn mit Terror und Leid verbinden. Der Satz wird Bobby Sands, prominentes Mitglied der Untergrundorganisation IRA, zugeschrieben, der im britischen Gefängnis in den Hungerstreik trat und schließlich als einer von zehn Häftlingen 1981 sein Leben ließ.

„Unser Tag wird kommen.“ Der inoffizielle Wahlspruch prangte damals auf unzähligen Plakaten und Wandbildern, im Norden wie im Süden, wo die Mehrheitsparteien sich seit 1923 nicht mehr für eine Vereinigung interessiert hatten. Also ausgerechnet die Chefin von Sinn Féin, den legalen politischen Repräsentanten der nordirischen Terrorgruppe IRA, erinnerte an die dunkelste Epoche der modernen irischen Geschichte. Es hat der 50-Jährigen, die nie in den bewaffneten Kampf involviert war, nicht geschadet.

Zu Recht strahlende Wahlsiegerin: Sinn-Féin-Chefin Mary Lou McDonald.

McDonald – fünf Jahre lang EU-Parlamentarierin und seit 2011 im irischen Parlament – hat nicht zuletzt viele junge Menschen motiviert, für die der 1998 beendete Bürgerkrieg schon Geschichte ist und die die irische Tradition, von den Schatten der Vergangenheit nicht lassen zu können, nicht mehr interessiert. McDonald hat es geschafft, ihrer für viele Iren einst unwählbaren Partei ein moderateres freundlicheres Gesicht zu verleihen, sie salonfähig zu machen – und Sinn Féin als echte Alternative zum politischen Status quo aufzubauen.

Die Kommentatoren auf der grünen Insel sprechen von einer kompletten Verschiebung der irischen Politik. Noch ist völlig unklar, ob Fianna Fáil oder Fine Gael auf eine Mehrheit kommen und eine Regierung bilden können, beide haben bislang eine Koalition mit Sinn Féin ausgeschlossen. Ebenso ungewiss ist, ob der bisherige Taoiseach Leo Varadkar weiter Premierminister bleibt. Endgültige Ergebnisse dürfte es wegen des sehr individuellen Wahlsystems erst im Laufe der Woche geben. Weil Sinn Féin nur 42 Bewerber aufgestellt hat, im Parlament aber 160 Sitze zu vergeben sind und es 80 braucht, um eine Regierung zu bilden, ist es rechnerisch unmöglich, dass die Partei die nächste irische Regierung anführt.

Varadkar hatte mit seiner Rolle bei den Brexit-Verhandlungen geworben, Fianna Fáil mit ihrem eigenen „Weiter so“. Nichts davon verfing. Für die Iren aber ist der Brexit abgehakt, sie wollen – trotz boomender Wirtschaft – den Wandel. Irland konnte sich zwar knapp vor der Staatspleite durch die Finanzkrise von 2008 retten, aber das ging auf Kosten des Sozialen. Es herrscht Wohnungsnot auf der grünen Insel, Mieten und Hauspreise sind für viele unerschwinglich, Obdachlosigkeit nimmt zu. In den Krankenhäusern stöhnen die Notaufnahmen vor Überlastung und Wartezeiten für Patienten sind oft unerträglich lang. Außerhalb Irlands mögen viele voller Bewunderung auf die Republik blicken, die Menschen in der Republik sehen ihr Land ganz anders. Und es gefällt ihnen nicht, was sie da sehen

Sinn Féin hat den Wandel versprochen. Die proeuropäische Partei versprach etwa den Bau von mehr Wohnungen, die Rente mit 65 statt mit 66 und eine Verbesserung des maroden Gesundheitssystems inklusive mehr Krankenpfleger und Ärzte. Ihr Kernziel, die Wiedervereinigung von Nord und Süd, verfolgt sie aber auch weiter. In naher Zukunft will sie ein Referendum über die irische Einheit.

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