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Auf Zeit im Krieg: eine Kleinkampfgruppe im Donbass.

Ukraine

„Irgendwo in Kiew ist jetzt Disco“

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Nach fünf Jahren Krieg hat ein Großteil der ukrainischen Gesellschaft das Schlachtfeld im Donbass verdrängt. Aber Tausende Teilzeitkämpfer und Volontäre pendeln weiter zwischen Front und Hinterland, zwischen Alltag und Kampf. Eine Minderheit, die die Seele der Ukraine zusammenhält.

Samstagabends sitzt Maxim auf seiner Ledercouch im „Schrank“, trinkt Hefeweizen und redet. Maxim, 35, erzählt von dem Golfschläger, den er 2014, im Jahr des Maidan-Umsturzes, kaufte, um bei Straßenschlachten besser bewaffnet zu sein. Aber auch von der Szenekneipe „Schrank“ an der Griechischen Straße, die er 2008 mit gründete. Und von den Bands, die hier aufgetreten sind. „Mascha und die Bären, Noize MC, Kirpitschi … viele russische und fast alle ukrainischen Gruppen.“ Russische Popgruppen kommen nur noch selten nach Odessa. Aber für Mittwoch kündigt der „Schrank“ eine Jam-Session an, ein Plakat verspricht „Hedonismus und Freiheit“. Maxim, der aussieht wie Robbie Williams junger, athletischer Bruder, sagt trocken: „Man merkt hier kaum, dass in der Ukraine Krieg herrscht.“

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Politik widmet sich in den kommenden Wochen „Grenzgängern“: Es geht um Menschen, die Barrieren überwinden – staatliche, ethnische, materielle, physische oder einfach die Vorurteile im eigenen Kopf.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? All das sind Fragen, die sich 2019

besonders dringlich stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert

Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Mit all dem befasst sich unsere Serie

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Das ist nicht nur im „Schrank“ in Odessa so. Die täglichen Verlustmeldungen von der Front im Donbass, mal sechs Verletzte, mal zwei Tote, haben für viele der 42 Millionen Ukrainer inzwischen den Nachrichtenwert des Wetterberichts. Mehr als 30 000 ukrainische Soldaten kämpfen ständig im Donbass. Sieben bis neun Millionen ihrer Landsleute aber pendeln jährlich als Saisonarbeiter über die Staatsgrenzen. Während Maxim zu jener Minderheit gehört, die regelmäßig die unsichtbare Linie zwischen dem ukrainischen Hinterland und dem Frontgebiet im Osten überquert, zwischen Alltag und Lebensgefahr, zwischen Frieden und Krieg.

Eigentlich ist Maxim IT-Unternehmer, hat sich auf Bezahl-Software für Online-Shops spezialisiert. Er verdient gut, besitzt eine Dreizimmerwohnung mit Blick aufs Schwarze Meer und könnte seine Firma auch aus Barcelona betreiben. Das freie und tolerante Europa, für das er in der Ukraine kämpft, bekäme Maxim auch ohne Krieg. Aber wenn er nach 2014 in Deutschland war, interessierten ihn jahrelang vor allem die Bundeswehrdepots. „Die haben wir“, sagt er lächelnd, „inzwischen leer gekauft“.

2014 machten im Donbass prorussische Separatisten gegen die demokratische Maidan-Revolution Front, die Maidan-Aktivisten aber drängten zu Tausenden in ukrainische Freiwilligenbataillone, auch Maxim ließ sich als Scharfschütze und als Sanitäter ausbilden. Aber ein Berufsoffizier riet ihm ab. „Er hat gesagt, er verstehe meine Begeisterung, aber Leute mit Organisationstalent hinter der Front seien viel wichtiger.“

Maxim wurde Volontär. Damals begannen Tausende Zivilisten Spenden zu sammeln, um Kleidung und Waffen für die miserabel ausgerüstete Armee zu kaufen. Maxim erstand im Internet Tonnen ausgemusterter britischer Wüstenuniformen, „unsere Waschmaschine lief unterbrochen“, die sauberen Kampfanzüge schaffte er an die Front. Später hörte er von einer Ladung Kevlar-Kunstfasern aus Kanada. Das hochfeste, aber leichte Material eignet sich bestens für kugelsichere Westen. Maxim studierte deutsche und kanadische Modelle, entwarf selbst eine Splitterschutzweste, gab sie bei einer Schneiderei in Odessa in Serie. Inzwischen begegnet er seiner Weste im Kriegsgebiet immer wieder.

„Kaum einer ahnt, wie wichtig für Soldaten eine gute Etappe ist“, Maxim merkte im Kriegsgebiet sehr schnell, was funktionierende Nachtsichtgeräte oder Schutzwesten, in denen man sich gut bewegen konnte, für die Kämpfer bedeuteten.

Maxim verbringt etwa drei Monate jährlich im Krieg, den Nachschub, den er mitbringt, bezahlt er zum Großteil aus eigener Tasche. „Ich habe nie gezählt, wie viel es war“, sagt er und grinst. „Aber eine Eigentumswohnung in Odessa habe ich wohl für die Front ausgegeben.“

Es ist eine eigenartige Front. Mancherorts verbreitert Niemandsland den Gefechtsstreifen bis auf zehn Kilometer, anderswo misst er keine 500 Meter. Und mittendrin stehen lange Autoschlangen vor den Straßensperren der Konfliktparteien. In den Pkws sitzen meist Rentner aus den Rebellenrepubliken, die wegen ihrer Pensionen ins ukrainisch kontrollierte Gebiet kommen.

Maxims Grenze zwischen Frieden und Krieg verläuft im Kopf, irgendwo auf der Zugfahrt von Odessa nach Konstantinowka im Mittelabschnitt der Donbass-Front. Das Leben dahinter erscheint ihm oft komfortabler: Alltagssorgen fielen weg, etwa Rechnungen schreiben oder bezahlen, die Verpflichtungen würden weniger, aber wichtiger.

Auch die Menschen werden wichtiger. Die Kriegsfreiwillige Jana Sinkewitsch schleppte als Sanitäterin Hunderte Verwundete vom Schlachtfeld, bevor 2016 bei einem schweren Autounfall auf einer Straße ins Hinterland ihre Wirbelsäule brach. Sie wurde in Israel operiert, direkt danach erklärte sie im Rollstuhl ihren Unterschied zwischen Alltags- und Kriegsukrainern: „Ich habe keine Freunde, aber ich habe Blutsbrüder, die auf meine Rückkehr warten.“

Das Frontleben ist einfacher, oft auch duldsamer. In den Schützengräben wird viel Russisch gesprochen, während Patrioten in Kiewer Talkshows die Abschaffung der Sprache fordern. „An der Front ist von all diesen patriotischen Alphamännchen nichts zu sehen“, sagt Maxim.

Auch Ruslan redet Russisch. Ruslan trinkt kein Bier, sondern türkischen Kaffee mit Milch. Wir sitzen in einem krimtatarischen Lokal in Kiew, Ruslan zeigt mir auf dem Smartphone seine jüngsten Laufleistungen: Am Sonntag 23, gestern elf, heute zwölf Kilometer. Ruslan arbeitet als Kunsttischler, ein untersetzter Mittfünfziger, den Langläufer sieht man ihm nicht unbedingt an. Aber sein Thema ist heute nicht Sport, sondern Krieg. „Wenn ich nach Hause komme, spähe ich ein, zwei Wochen lang in jedes Gebüsch, gewohnheitsmäßig, es könnte ja ein Scharfschütze drin sitzen.“ Ruslan ist Teilzeitkämpfer, fährt fünf, sechs Mal im Jahr für mehrere Wochen an die Front, mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter, alle über 40. Sie sprechen sich mit den örtlichen Armeebefehlshabern ab und stoßen ins Niemandsland vor, auch hinter die feindlichen Linien. Man kläre auf, lege Minen, vor allem markiere man feindliche Ziele mit Radiosonden für die Artillerie, sagt er. Da vorne gehe es viel weniger dramatisch, heroisch und blutig zu als in Kriegsfilmen. Es sei wie Autofahren: riskant, aber vor allem Übungssache. „Und das Größte ist, eine Aufgabe zu erfüllen, ohne entdeckt zu werden, ohne einen Schuss.“

Dutzende solcher Kleinkampfgruppen zwischen fünf und 15 Mann rotieren an der Front, „dritte Kraft“ nennen sie die ukrainischen Medien nicht ohne Ironie. Das Nachrichtenportal depo.ua bezeichnet sie als „Antwort auf die ,Sie-sind-da-nicht‘“, wie die Ukrainer die russischen Berufsmilitärs im Donbass ebenso ironisch nennen.

Und Volontäre schaffen weiter Technik und Medikamente nach vorne, schreiben Frontberichts-Blogs oder geben Kindern in den „grauen“ Dörfern zwischen den Kampflinien Englisch-Unterricht. Es ist eine Minderheit, aber sie hält die Seele des Landes in diesem hybriden Krieg zusammen.

Maxim organisiert inzwischen Aufklärungsdrohnen für die Front, bildet Soldaten an ihnen aus. „Meine erste Frage ist immer, wer früher eine Playstation gehabt hat.“ Er steuert auch selbst Drohnen, filmt und fotografiert feindliche Positionen, Ziele für die eigene Artillerie, während er als Operator selbst zum Ziel für die Geschütze auf der anderen Seite wird. „Ich bin Kombattant“, sagt Maxim. Über allem stehe ständig die simple Sachfrage des Krieges: „Je weniger von ihnen da sind, umso mehr überleben von uns.“ Hass sei da, aber kalt, ohne Hysterie. Und allein wegen seiner Splitterschutzwesten habe er viel mehr Leben gerettet als zerstört.

Der aus Vorsicht maskierte Maxim mit einer neuen Panzerweste für die Front.

Ruslan trainierte vor seinem ersten Fronteinsatz ein Jahr in einem Ausbildungszentrum. Dort lehrte ihn ein Psychologe, sich abstrakte Bilder auszudenken, um die Kriegswirklichkeit zu meistern. „Ob Gegner, auf die ich schieße, Tote oder Verwundete auf unserer Seite, ich stelle mir vor, es seien Dummys.“ Er meide an der Front enge Freundschaften, halte Abstand, darum habe er zu Hause keine Alpträume.

Maxim aber sagt, er habe im Kriegsgebiet inzwischen viele Kameraden, von denen er wisse, dass auf sie Verlass ist. Angst im Krieg sei eine Frage der Gesellschaft. „Einmal saß ich unter Artilleriebeschuss im Unterstand, zusammen mit einer Funkerin. Aber deren einzige Sorge war ihre frisch gewaschene Unterwäsche, die oben zum Trocknen hing. Mit ihr fühlte ich mich sicher.“

Zu Hause sei es oft sinnlos, zu erklären, was dort vorne, an der Front, passiere. Und warum. „Viele meiner Bekannten in Odessa glauben, man müsse nur der ganzen Welt Frieden wünschen und alles wird gut. Ich versuche erst gar nicht, sie umzuerziehen.“

Auf Facebook schreibt Maxim weniger über den Krieg als über die Zivilgesellschaft, die auch im Hinterland noch nicht angekommen ist: „Mülltrennung wird bei uns einfach nicht modern, es gibt keine Busrampen für Rollstühle. Und niemand möchte nur bei Grün über die Ampel fahren.“ Dafür würden alle gerne wie Steve Jobs parken – ohne Nummernschild auf Behindertenplätzen.

Ruslan und Maxim sagen, natürlich sei der Adrenalinspiegel jenseits der Grenze zum Krieg höher. „Aber vor allem ist dort Ukraine“, sagt Maxim. Er habe keinen Bedarf, anderswo den Nervenkitzel des Krieges zu erleben.

Ruslan erzählt, er sei an die Front gegangen, weil ihn empörte, wie seine russischen Verwandten über den Maidan redeten: „Gestern waren wir für sie noch normale Menschen, heute beschimpfen sie uns als Faschisten.“ Gleichzeitig kurvten ihre Panzer in seinem Land herum. „Putin hat sich nichts Neues ausgedacht“, sagt er. „Lesen Sie Jewgeni Messner.“ Der exilrussische Militärtheoretiker habe schon 1960 den hybriden Krieg vorhergesagt, den Russland jetzt psychologisch, propagandistisch und militärisch gegen die Ukraine führe. „Sie haben uns diesen Krieg aufgezwungen, wir antworten auf unsere Art.“ Wenn das ganze Volk mitkämpfe wie in Israel, könne man das verlorene Gebiet militärisch befreien. Aber Ruslan kämpft auch ohne das ganze Volk weiter.

Es ist längst nach Mitternacht im „Schrank“. Maxim trinkt Wasser. Er erzählt von einem Gespräch zwischen Frontkameraden während der Abwehrschlacht um den Donezker Flughafen, als sie unter heftigem Beschuss auf der Erde lagen. „Irgendwo in Kiew ist jetzt Disco“, schimpfte der eine. „Dafür sind wir ja hier, dass in Kiew Discothek ist“, erwiderte der andere. Wer Krieg führt, gewöhnt sich daran, dass sein Land zwei Leben lebt.

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