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Regimetreue Iranerinnen demonstrieren in diesen Tagen wieder gegen die USA. Doch auch Proteste gegen die Mullahs nehmen zu.

Lage im Iran

Iraner leiden unter Armut und Repression

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Frauen rebellieren gegen den Kopftuchzwang.

Hassan Ruhani ließ keine Zweifel aufkommen. Die kommende Zeit werde härter werden als die achtziger Jahre während des Krieges gegen den Irak, beschwor er seine Landsleute und rief alle politischen Kräfte zur Einigkeit auf. Der von den USA aufgebaute Druck sei „beispiellos in der Geschichte unserer Islamischen Republik“, erklärte der iranische Präsident. Denn anders als heute habe der Iran beim Kampf gegen Bagdad keine Probleme gehabt mit dem Zahlungsverkehr über internationale Banken, dem Verkauf von Rohöl sowie dem Import und Export von Waren. Nur ein Waffenembargo habe damals existiert.

Notstand bei Arzneimitteln 

Gemessen daran, sind die Herausforderungen für Irans Wirtschaft derzeit wesentlich massiver. Seit zwei Jahren herrscht Rezession, die sich erheblich verschärfen dürfte. Immer mehr Fabriken müssen schließen, bei Medikamenten entwickelt sich ein regelrechter Notstand. Arbeiter streiken, weil sie seit Monaten keine Löhne mehr erhalten haben. Auch die Devisen für den Import von Lebensmitteln zur Versorgung des 80-Millionen-Volkes könnten knapp werden. Denn durch das US-amerikanische Ölembargo verliert der iranische Staatshaushalt bis zu 40 Prozent seiner Einnahmen. Zudem ächzt das Land unter den Folgen einer verheerenden Jahrhundertflut im März, die beträchtliche Anbauflächen zerstörte und ein Drittel des gesamten Straßennetzes beschädigte. 500 000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf, über tausend Schulen liegen in Trümmern.

Ursachen für die wachsende Misere des Iran sind nach Ansicht der Bevölkerung aber nicht allein das Vorgehen der USA, sondern auch Misswirtschaft und Korruption der Führung sowie das Treiben staatlich-privater Mafia-Seilschaften. Proteste gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Lohnverfall gehören mittlerweile genauso zum Alltag wie das Aufbegehren gegen die allgegenwärtige religiös-moralische Bevormundung. So kam es Anfang der Woche nahe der Universität von Teheran zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizei und Studenten, die ein Ende des Kopftuchzwangs forderten. Immer öfter rebellieren Frauen gegen die verhasste Kleiderordnung in der Islamischen Republik. Die 32-jährige Vida Movahedi, die als Pionierin dieser Protestbewegung gilt, wurde kürzlich von einem Revolutionsgericht wegen „Anstiftung zu Verfall und Sittenlosigkeit“ zu einen Jahr Haft verurteilt. Sie machte im Dezember 2017 als erste Furore, als sie sich mit ihren langen offenen Haaren an der stark befahrenen Enghelab-Straße in Teheran auf einen Stromkasten stellte und ihr weißes Kopftuch stumm auf einen Stock gespießt hochhielt.

Auch die prominente Anwältin Nasrin Sotoudeh, die vor Gericht mehrere Frauen in Kopftuchfällen verteidigte, sitzt inzwischen selbst hinter Gittern, verurteilt zu zwölf Jahren Haft. 148 Peitschenhiebe erhielt sie obendrauf, weil sie es gewagt hatte, auf der Anklagebank ohne Kopftuch zu erscheinen.

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