Demonstration im Iran.
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Demonstration im Iran.

Islamische Republik

Eskalation mit Trump - Teheran weiß sie zu nutzen

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Der Konflikt mit den USA nutzt dem Iran. Das Volk soll neu auf die islamische Republik eingeschworen werden. Trotz chronischer Misswirtschaft und Korruption. 

  • Iran: Abertausende skandieren „Tod für Amerika“
  • Iran steht unter enormen Druck
  • Saudi-Arabien mahnt zur Zurückhaltung

Noch dominieren Trauerzüge und Racheschwüre. Die nationalen Gefühle kochen hoch. Am Sonntag traf die Leiche des getöteten Top-Generals Ghassem Soleimani in der westiranischen Stadt Ahwas ein. Abertausende skandierten „Tod für Amerika“ – live übertragen im Staatsfernsehen.

Doch die Fassade einhelliger Empörung ist fragil, in Ahwas und auch in der umliegenden Provinz Chuzestan. Seit Jahren begehren deren Bewohner gegen das Kleriker-Regime in Teheran auf, dessen Sicherheitskräfte dort wie Besatzer herrschen. Im November 2019 bei den größten Unruhen seit Bestehen der Islamischen Republik verübten Revolutionswächter in der 120 Kilometer entfernten Hafenstadt Maschahr ein Massaker an etwa 100 jungen Demonstranten.

Iran will das Volk auf das Regime einschwören

Jetzt versucht die iranische Führung die gezielte Tötung des populären Kommandeurs Soleimani zu nutzen, um das Volk neu auf das Regime einzuschwören, die Wirtschaftsmisere zu übertünchen und Kritiker mundtot zu machen.

Die Islamische Republik steht unter enormem Druck – durch die wirtschaftlichen Sanktionen, die Kriegsdrohungen von US-Präsident Donald Trump und das anti-iranische Aufbegehren im Irak und im Libanon. Innenpolitisch brodelt in der Bevölkerung der Unmut über chronische Misswirtschaft und Korruption, Inkompetenz und religiöse Gängelei.

Drei Tage Staatstrauer rief der 80-jährige Revolutionsführer Ali Khamenei aus. Für den heutigen Montag ist die zentrale Feier auf dem Azadi-Platz in Teheran geplant. am Dienstag soll Soleimani in seinem Heimatdorf nahe der Stadt Kerman beerdigt werden. Bis dahin zumindest wird es – in militärischer Hinsicht – wohl beim Säbelrasseln bleiben. Allerdings kündigte Teheran bereits einen weiteren Rückzug aus dem internationalen Atomabkommen an.

Iran: Islamische Republik hat eine Reihe von Möglichkeiten

Der Iran ist ein Meister der asymmetrischen Kriegsführung und dafür bekannt, jeden seiner Schritte genau zu kalkulieren. Militärisch stehen der Islamischen Republik eine Reihe von Möglichkeiten offen, ohne einen direkten Krieg mit den USA zu riskieren. Sie könnte die Politik der Nadelstiche in der Region multiplizieren – Schiffe in der Straße von Hormus attackieren, Ölanlagen auf der Arabischen Halbinsel sabotieren, seine Cyberarmee in Marsch setzen oder US-Basen durch verbündete Paramilitärs beschießen lassen.

Gleichzeitig könnte Teheran versuchen, eine relative Zurückhaltung bei der Vergeltung in politisch-strategisches Kapital umzumünzen – die Lockerung der erstickenden Sanktionen oder einen ein Rauswurf amerikanischer Truppen aus dem Irak. Das Parlament in Bagdad hat bereits in diesem Sinne reagiert: Es verlangte am Sonntag in einer Dringlichkeitssitzung den Abzug der rund 5000 im Land stationierten US-Soldaten. Und es forderte die Regierung dazu auf, den Abzug aller ausländischen Truppen im Land einzuleiten, die Teil des US-geführten Bündnisses zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind.

Iran und USA: Spirale der Gewalt nutzt dem „IS“

Von der irakischen Führung könnte Teheran zudem verlangen, endlich den seit Oktober tobenden Volksaufstand gegen die iranische Präsenz niederzuschlagen. Umgekehrt ist den Machthabern in Teheran bewusst, dass jede neue Spirale von Chaos und Gewalt vor allem den Extremisten des „Islamischen Staates“ nutzt, deren Schläferzellen in der ganzen Region wieder auf ihren Moment warten.

Lesen Sie hier über den Polit-Talk zum Thema bei Illner

Aus der Golfregion traf sich am Samstag Katars Außenminister mit Präsident Hassan Rohani. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die viele Jahre als Hauptumschlagplatz für Schmuggelware dienten, führen seit längerem einen informellen Sicherheitsdialog mit der Islamischen Republik.

Hauptrivale Saudi-Arabien mahnte am Sonntag ausdrücklich zur Zurückhaltung und versicherte eilfertig, man sei zu dem US-Raketenangriff auf Soleimani nicht konsultiert worden. Riad braucht im Jemen Teherans Hilfe für mögliche Friedensgespräche mit den Huthis, um nach fünf Jahren den verheerenden Krieg endlich zu beenden. Und das Königshaus weiß, dass bei einem offenen Waffengang zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran auch die eigenen Ölanlagen in Flammen aufgehen werden.

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