+
Die alljährliche Militärparade am 18. April mit dem iranischen Präsidenten Ruhani (ganz links).

USA und Atomabkommen

Der Iran ist schwach und gefährlich

  • schließen

Der Iran ist den USA militärisch nicht gewachsen und weicht auf Methoden der asymmetrischen Kriegsführung aus.

Als der Iran im vergangenen Sommer seinen ersten heimischen Militärjet präsentierte, kannte der Spott in den sozialen Medien keine Grenzen. „Hier eine Münze einwerfen, dann lässt dich das Teil zehn Minuten spielen“, twitterte einer zu dem Foto des stolz lächelnden Präsidenten Hassan Ruhani, der bei der Feierstunde selbst in das Cockpit kletterte.

Das Kampfflugzeug Kosar sei mit modernster Bordelektronik ausgestattet und zu „100 Prozent“ von heimischen Rüstungsexperten entwickelt, brüsteten sich die staatlichen Medien. Doch niemand weiß, ob es tatsächlich fliegt. Dafür fiel Fachleuten auf, dass der iranische Vogel dem betagten amerikanischen F-5F Tiger ähnelt, von denen der Schah in den 1970er Jahren mehr als 100 einkaufte und noch 58 in Betrieb sind.

Ohne Zweifel zählt die Islamische Republik militärisch zu den Schwergewichten in der Region. Doch wie seine zivile Infrastruktur, sind auch die Panzer, Kampfjets und Geschütze wegen der seit Jahrzehnten bestehenden Sanktionen heillos veraltet. Von den 1650 Panzern sind die meisten amerikanische M-60 oder russische T-72. Die Marine verfügt über vier Zerstörer, drei russische U-Boote und 18 chinesische Patrouillenschiffe plus Dutzende kleiner Schnellboote. Die Luftwaffe besitzt 325 amerikanische, russische und französische Jets, allesamt ein halbes Jahrhundert alt, die weder für die amerikanische noch die israelische oder saudische Luftwaffe eine wirkliche Bedrohung sind.

Weitaus gefährlicher dagegen sind Teherans ballistische Raketen. Der Iran habe das größte und vielfältigste Arsenal solcher Geschosse im Nahen Osten, schreiben Michael Elleman und Mark Fitzpatrick in einer Analyse des International Institute for Strategic Studies. Acht der gegenwärtig 13 iranischen Raketentypen seien eindeutig so konstruiert, dass sie Nuklearsprengköpfe tragen könnten. „Angesichts der zentralen Rolle, die ballistische Raketen in Irans Verteidigung und Abschreckung spielen, vor allem auch angesichts der veralteten und unterlegenen Luftwaffe, ist es unvorstellbar, dass Teheran diese freiwillig aufgibt“, urteilen die beiden Spezialisten.

Ali Khameneis Revolutionsgarden sind in Syrien, Jemen und Irak aktiv

Insgesamt gibt der Iran pro Jahr 18 bis 22 Milliarden Euro für seine Streitkräfte aus, das entspricht etwa vier Prozent des Bruttosozialprodukts, kalkulierte der Wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses in Washington. Zwei Drittel des iranischen Militäretats fließen an die Revolutionären Garden, die 125.000 Mann unter Waffen haben. Das übrige Drittel geht an Heer, Luftwaffe und Marine mit 350.000 Soldaten, von denen zwei Drittel Wehrpflichtige sind. Zusätzlich verfügt die Islamische Republik noch über etwa 100.000 Basidsch-Milizen. Das eigentliche Rückgrat der iranischen Streitkräfte sind die Revolutionären Garden, die direkt dem Obersten Revolutionsführer Ali Khamenei unterstehen und kürzlich von den USA zur Terrororganisation erklärt wurden.

Vor allem die Al-Quds-Auslandsbrigade mit 15.000 Elitesoldaten dient der iranischen Führung als Instrument für ihre regionalen Machtambitionen. Deren Einheiten agieren nicht an vorderster Front, sondern sind in Syrien, im Libanon, Jemen und Irak vor allem hinter den Kulissen aktiv. Denn die iranische Führung weiß, dass sie einer offenen militärischen Konfrontation mit den USA und ihren arabischen Alliierten nicht gewachsen ist.

Dieses Defizit kompensiert die Islamische Republik durch Methoden der asymmetrischen Kriegsführung. Sie trainiert und rüstet regionale Milizen auf, ohne als direkter militärischer Akteur in Erscheinung zu treten – eine Strategie, gegen die bisher weder die Vereinigten Staaten noch ihre Verbündeten in der Region ein Rezept gefunden haben.

Teheran beklagt "Wirtschaftskrieg"

Der iranische Präsident Hassan Ruhani knüpft Gespräche mit US-Präsident Donald Trump an Bedingungen. Dieser müsse zunächst den Ausstieg aus dem Atomabkommen von 2015 und die Sanktionen gegen Teheran zurücknehmen, sagte Ruhani laut dem Webportal des Präsidialamts am Sonntag. „Kapitulation ist mit unserer Mentalität und Religion nicht vereinbar. “

Trump hatte der iranische Führung am Donnerstag vorgeschlagen, ihn anzurufen, um über den Konflikt zwischen beiden Ländern zu sprechen. Ruhani räumte ein, der Iran sei derzeit in einer schwierigen Lage. Er betonte aber, das Land werde Widerstand leisten. Er sprach von einem „Wirtschaftskrieg“ der USA gegen den Iran, mit dem achtjährigen Krieg zwischen dem Iran und dem Irak (1980-88) vergleichbar. Dieser Krieg hatte mit einem Angriff des Regimes von Saddam Hussein auf den Iran begonnen und Hunderttausende Menschen das Leben gekostet.

Die Grünen drängen Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), sich in Teheran für den Erhalt des Atomabkommens mit dem Iran einzusetzen. „Krisendiplomatie braucht direkte Gespräche“, sagte der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour dem „Spiegel“. Die Lage sei „zu ernst für Appelle aus der Ferne“. (dpa/afp)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion