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Sturz des Regimes? Generation Z in Iran „unglaublich verzweifelt“ und bereit zu sterben

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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In Iran riskieren die Menschen im Kampf gegen die Islamische Republik ihr Leben. Gen-Z führt die Proteste an. Die deutsch-iranische Journalistin Shahrzad Osterer über ein mögliches Zukunftsszenario.

Teheran/München/Köln –„Baraye“ ist die Hymne der aktuellen Proteste in Iran. Auf Deutsch: „für“ oder „wegen“. Die Verhaftung des iranischen Künstlers Shervin Hajipour und seine mutmaßlich erzwungene Distanzierung von dem Lied änderten daran nichts. „Für meine Schwester, deine Schwester und unsere Schwestern. Für die Veränderung dieser verrosteten Köpfe. Für die Scham, für die Armut. Für die Sehnsucht nach einem normalen Leben“, singt der 25-Jährige. „Um des Tanzens auf der Straße willen, wegen der Angst beim Küssen, für meine Schwester, deine Schwester, deine Schwestern“, hallt es auf den Straßen Teherans. Es ist die Hymne der Generation Z, die im Kampf für die Freiheit ihr Kopftuch verbrennt, ihre Haare abschneidet, ihr Leben riskiert. Die Botschaft ist eindeutig: Sie wollen den Sturz der Islamischen Republik.

Ein Gespräch der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA mit der deutsch-iranischen Journalistin Shahrzad Osterer (BR) über die Jugend des Irans, den geriatrischen Apparat des Mullah-Regimes und die Zukunft.

Iran: Journalistin Shahrzad Osterer über die Generation Z und ihre Rolle bei der aktuellen Revolte

Frau Osterer, es gab in Iran bereits frühere Revolutionen, die aktuellen Proteste wirken anders. Warum?

Die aktuelle Lage entspricht nicht mehr dem Begriff „Protest“, es handelt sich um eine regelrechte Revolte, deren Ausgang sehr wahrscheinlich den Sturz der jetzigen Herrscher und das Ende der Islamischen Republik bedeutet. Wir sehen, dass alle gesellschaftlichen Schichten, Religionen und Ethnien im Iran beteiligt sind – angefangen bei Schülern, über Studenten bis hin zur alten Generation. Und die Revolte hat alle Landesteile erfasst, überall werden die eindeutigen Parolen skandiert: nieder mit der Islamischen Republik.

Was ist noch anders?

Neu ist auch, dass der Auslöser ja bekanntlich der Mord an einer Frau war und die Proteste als feministische Bewegung begannen, aber schnell auch von Männern unterstützt wurden. All dies gibt uns Iranerinnen und Iranern wirklich die Hoffnung und auch die Zuversicht, dass wir es jetzt schaffen können, dieses menschenverachtende Regime zu beseitigen. Die Menschen im Iran setzen dazu gerade ihr Leben aufs Spiel. Aktivistinnen wie ich im Ausland versuchen das zu tun, was in unserer Macht steht: internationale Aufmerksamkeit erzeugen und unsere Regierungen davon überzeugen, den Iranerinnen und Iranern den Rücken zu stärken, anstatt das Regime wirtschaftlich, politisch und kulturell weiter zu stützen.

Die Gen-Z führt die Revolte an – ist sie mutiger als die vorherigen Generationen?

Zweifelsohne ja! Wenn ich an meine Schulzeit im Iran zurückdenke, muss ich eingestehen, dass wir diesen Mut und diese Courage nicht aufgebracht hätten. Wir hatten viel zu viel Angst vor den Autoritäten, unseren Lehrern und natürlich auch den brutalen sogenannten Sicherheitskräften.

Was hat sich verändert?

Gen-Z hat weder die sogenannte Islamische Revolution mitbekommen, noch den achtjährigen Iran-Irak-Krieg. Meine Generation hat die Propaganda der Islamischen Republik über den Krieg inhaliert. Auch wenn viele von uns in offenen Familien aufgewachsen sind, die nichts vom System gehalten haben, sind wir mit den Bildern von Märtyrern und Kriegsgeschichten in der Schule aufgewachsen. Uns wurde mehr über den Tod als über das Leben erzählt. Unser normales Leben fand im Untergrund statt. Die Gen-Z ist aber mit dem Netz aufgewachsen. Sie hat YouTube, Instagram und TikTok. Sie wusste von Anfang an, wie ein normales Leben aussehen könnte. Deshalb ist sie unglaublich verzweifelt und nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen.

Der mittlerweile festgenommene iranische Rapper Toomaj Salehi sagte dazu: „Die neue Generation ist mutiger, weil sie nichts zu verlieren hat und gewalttätiger, weil sie mehr gelitten hat.“ Stimmen Sie zu?

Ich stimme zu, sehr traurig, aber sehr wahr.

Verzweifelte Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind zu allem bereit. Hat das Regime deswegen Angst vor ihnen?

Ganz eindeutig ja, und auch zurecht, sonst würde das Regime nicht so brutal reagieren und beispielsweise ständig das Internet abschalten. Mittlerweile ist man ja selbst in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Die sogenannten Sicherheitskräfte brechen in Häuser ein und verschleppen Menschen, auch junge Menschen werden aus ihren Schulen entführt und an unbekannte Orte gebracht. Mittlerweile wird willkürlich auf Menschengruppen geschossen, von Scharfschützen. Privates Eigentum wird zerstört, auch meine Familie hat Überfälle der Sicherheitskräfte durchleben müssen, während sie in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren. All dies sind klare Anzeichen der Ratlosigkeit und Panik aufseiten des Regimes. Der Versuch, die Menschen einzuschüchtern und mit drakonischen Maßnahmen die Revolte zu stoppen, wird aber scheitern.

In Iran gehen die Menschen gegen das Regime auf die Straßen – angeführt von der Generation Z.
In Iran gehen die Menschen gegen das Regime auf die Straßen – angeführt von der Generation Z. © Uncredited/dpa

Iran: Generation Z führt Proteste gegen Islamische Republik an – „keine Alternative zum Umsturz“

Junge Frauen und Teenager riskieren auf den Straßen aktuell ihr Leben. Sie könnten Tochter, Schwester, Nichte sein. Wird das Regime die eigenen Kinder niedermetzeln?

Das Regime macht es doch bereits, und das ist nicht weiter verwunderlich, es war abzusehen. Schon im Krieg mit dem Irak in den 1980er-Jahren hat die Islamische Republik Kinder über Minenfelder geschickt, als menschliche Räumungskommandos. Ihnen wurden Schlüssel umgehängt und gesagt, sie würden damit ins Paradies kommen. Die Islamische Republik ist ein menschenverachtendes Geschwür, Machterhalt ist das einzige Ziel, und da wird massenhaft über Leichen gegangen, und wenn es sein muss, auch über die Leichen der eigenen Leute. Bis jetzt sind 40 Kinder getötet worden. Die Dunkelziffer liegt viel höher.

Es scheint wie der Kampf „Alt gegen Jung“. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung in Iran ist jung. Wie kann sich ein Regime halten, dessen Basis schwindet, weil junge Menschen lieber sterben, als so zu leben?

Es ist eben nicht mehr ein Kampf Alt gegen Jung oder männlich gegen weiblich. Es ist ein Kampf der Menschlichkeit und Freiheit gegen Tyrannei der Islamischen Republik. Bisher konnte sich das Regime nur mit Brutalität und Einschüchterung halten. Denken wir an die Grüne Bewegung nach den Wahlen im Jahr 2009 oder an die Proteste in den Jahren 2018 und 2019. Auch hier kam es zu massenhaft Folterungen und Exekutionen. In den 1980er-Jahren gab es eine extreme Säuberungswelle. Das bedeutet, dass das Regime immer dann, wenn es zu brenzlich wurde, mit äußerster Gewalt reagiert hat. Aber eines muss uns klar sein – und den Iranerinnen und Iranern ist es ohnehin klar: Wenn sich das Regime dieses Mal auch halten kann, dann wird es ein extrem blutiges Nachspiel haben für die Menschen im Iran. Daher sehen sie sich eigentlich mit einer Situation konfrontiert, in der es keine Alternative zum Umsturz gibt.

Die deutsch-iranische Journalistin Shahrzad Osterer spricht mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA über die aktuelle Revolte.
Die deutsch-iranische Journalistin Shahrzad Osterer spricht mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA über die aktuelle Revolte. © Johannes Graf

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Iran: Deutschland und Westen „müssen alle Beziehungen abbrechen“ – Expertin sieht Point of no Return

Was kann der Westen und Deutschland tun, um die Menschen in Iran zu unterstützen?

Ich bin täglich im Kontakt mit Menschen im Iran: Menschen, die versteckt leben, Angehörige von Menschen, die im Gefängnis sitzen, anderen, die täglich auf die Straße gehen und damit ihr Leben riskieren und auch Menschen, die auf die Straße gehen würden, aber eine große Angst haben, weil dort einfach auf sie und ihre Familien geschossen wird. Ihre Forderungen sind klar: Der Westen und Deutschland müssen sofort alle Beziehungen zum Iran abbrechen. Verhandlungen, Handel, Städtepartnerschaft – alles muss auf Eis gelegt werden.

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem sich die Frage stellt, was eigentlich genau einer Realpolitik dient. Und hier sind es nicht mehr blutgetränkte Wirtschaftsinteressen gegenüber der Islamischen Republik, die ja der weltweit führende Sponsor von Terrorismus ist und im gesamten Nahen Osten eine aggressive Expansionspolitik verfolgt. Die Menschen im Iran fragen sich auch, was alles noch passieren muss, bis Deutschland, der größte Handelspartner des Iran innerhalb der EU, nicht mehr seine wirtschaftlichen Interessen über die Menschenrechte in unserem Land stellt.

Können Sie für uns ein Zukunftsszenario entwerfen?

Ich kann ihnen mehrere Szenarien entwerfen, aber niemand weiß, was passieren wird. Klar ist für mich: The Point of no Return ist erreicht. Die Islamische Republik wird untergehen, und wir werden es alle erleben. Niemand weiß, wie lange es genau dauern wird, aber Fakt ist, dass ihre Tage gezählt sind. Wer sich die Zeit seit 1979 anschaut, kann sich darüber nur freuen. Ich denke, dass der Übergang heftig sein wird und nicht selten auch blutig. Mein Herz weint bei dem Gedanken. Aber ich weiß auch, dass die Menschen im Iran keine Alternative haben, als sich der Islamischen Republik zu entledigen.

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