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Die Rebellion der Frauen gegen die verhasste Kleiderordnung der Islamischen Republik ist ungebrochen, auch wenn ihnen immer drastischere Strafen drohen.

Strafen

Iran: Lange Haft und Peitschenhiebe

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Im Iran riskieren Frauen für ein Leben ohne Kopftuch schwere Strafen und gesellschaftliche Ächtung.

Die Nachricht schlug im Iran ein wie eine Bombe: 55 Jahre müssen drei Aktivistinnen hinter Gitter, Yasaman Ariani und ihre Mutter Monireh Arabshahi für jeweils 16 Jahre, Mozhgan Keshavarz für 23 Jahre. Ihr angebliches Verbrechen: Sie hatten als Protest gegen den staatlichen Kopftuchzwang am 8. März, dem Internationalen Frauentag, in der Teheraner Metro Blumen verteilt, mit offenen Haaren.

Das Video ihrer Aktion löste in den linientreuen Staatsmedien einen Aufschrei der Empörung aus, die Frauen wurden verhaftet und sitzen seitdem im Gefängnis. Ihre beiden Anwälte durften bei den Verhören und bei dem gesamten Verfahren vor dem Revolutionsgericht nicht dabei sein.

Mit diesem drastischen Vorgehen will die Justiz nun mit aller Gewalt diese Welle des zivilen Ungehorsams unterdrücken, die seit zwei Jahren die Islamische Republik bewegt. Unter dem Hashtag #whitewednesdays posten immer mehr Iranerinnen Fotos und Videos von sich, die sie ohne Kopfbedeckung oder in weißer Kleidung als Symbol des Protestes zeigen. Als Pionierin gilt die 32-jährige Vida Movahedi, die wegen „Anstiftung zu Verfall und Sittenlosigkeit“ zu einen Jahr Haft verurteilt wurde und seit Mai wieder auf freiem Fuß ist. Sie machte im Dezember 2017 als Erste Furore, als sie sich mit ihren langen offenen Haaren kerzengerade an der stark befahrenen Enghelab-Straße in Teheran auf einen Stromkasten stellte und ihr weißes Kopftuch stumm auf einen Stock gespießt in die Luft hielt. Auch die prominente Anwältin Nasrin Sotoudeh, die mehrere Frauen in Kopftuchfällen vor Gericht verteidigte, sitzt inzwischen selbst hinter Gittern, verurteilt zu zwölf Jahren Haft. 148 Peitschenhiebe erhielt sie obendrauf, weil sie ohne Kopftuch auf der Anklagebank erschienen war.

Doch die Rebellion der Frauen gegen die verhasste Kleiderordnung der Islamischen Republik ist ungebrochen, auch wenn ihnen immer drastischere Strafen drohen. Fast jeden Tag tauchen im Internet neue Videos mit lautstark auf der Straße ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen entnervten Frauen und Tugendwächtern des Regimes auf – ein Aufbegehren, das aus Sicht der politischen Klerikerkaste inzwischen an den moralischen Grundfesten der Islamischen Republik rüttelt. So rigoros wie der Iran agiert noch nicht einmal dessen arabisches Pendant Saudi-Arabien, der andere Gottesstaat in der nahöstlichen Region. Hier verhüllen viele Frauen Körper und Gesicht durch einen sogenannten Nikab, der nur die Augen freilässt.

Andere tragen ihr Kopftuch kombiniert mit einer langen schwarzen Robe, der traditionellen Abbaja. Doch seit der notorischen Religionspolizei durch Kronprinz Mohammed bin Salman die Hände gebunden sind, zeigen sich in Shopping Malls vereinzelt auch saudische Frauen ohne Kopftuch, nicht jedoch auf offener Straße.

Er wolle die islamischen Kleidervorschriften lockern, kündigte der 33-jährige Königssohn im Frühjahr 2018 während seiner damals umjubelten USA-Reise an. Er wolle Frauen keine Verhüllung von Kopf und Gesicht und keine langen schwarzen Roben mehr vorschreiben. „Die Entscheidung, welche dezente und respektvolle Kleidung sie tragen wollen, liegt vollständig bei den Frauen“, versprach der Thronfolger, der seinen Worten jedoch bisher keine Taten folgen ließ.

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