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Eine ausgebrannte Bank in Teheran. Auf Videos sind jetzt die Folgen der Proteste zu sehen.

Unruhen

Wie im Bürgerkrieg: Im Iran greifen Hass und Verzweiflung um sich

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Nach dem Ende der jüngsten Unruhen zeigt sich im Internet das Ausmaß der Verwüstung. Human Rights Watch wirft der Führung in Teheran vor, sie verheimliche die Zahl der Getöteten und Verhafteten.

Den Iranern gehen in diesen Tagen die Augen auf. Die schweren, landesweiten Unruhen sind abgeflaut. Das Regime lässt das Internet wieder hochfahren, so dass die Bevölkerung jetzt erstmals das gesamte Ausmaß an Zerstörung und Gewalt zu sehen bekommt.

Viele der hochgeladenen Videos zeigen Zustände wie in einem Bürgerkrieg. Demonstranten ziehen blutüberströmte Opfer, die von scharfer Munition getroffen wurden, aus dem Schussfeld. In der zweitgrößten Stadt Isfahan waren ganze Teile von Wohnvierteln in Rauch gehüllt. An anderen Orten bewaffneten sich auch Protestierer. Aus der Stadt Gorgan im Nordosten stammt ein Film, in dem zwei Männer mit Eisenstange und Axt einen uniformierten Polizisten attackieren.

Bis heute gibt es keine offizielle Bilanz von Toten, Verletzten und materiellen Schäden. Human Rights Watch wirft daher der Führung in Teheran vor, sie verheimliche gezielt die Zahl der Getöteten und Verhafteten. „Die Familien über das Schicksal ihrer Angehörigen im Dunkeln zu lassen, und eine Atmosphäre von Furcht und Vergeltung zu schaffen, gehört zu den Strategien des Regimes, um oppositionelle Meinungen zu ersticken“, sagte Michael Page, Vize-Direktor für den Nahen Osten.

Unruhen im Iran: Amnesty International geht von mindestens 143 Toten aus

Amnesty International geht von mindestens 143 Toten aus, die meisten von Sicherheitskräften erschossen – oder wie in der Stadt Shiraz – von Scharfschützen aus Hubschraubern. Andere Menschenrechtsorganisationen rechnen sogar mit bis zu 250 Toten, 1900 Verletzten sowie 4000 bis 7000 Verhafteten. Dagegen behauptete der Oberste Revolutionsführer Ali Khamenei in einer Rede vor Milizionären, das iranische Volk habe eine „breite und sehr gefährliche Verschwörung“ vereitelt. Für Khamenei stecken Amerika, Israel und Saudi-Arabien hinter dem blutigen Aufruhr, der insgesamt einhundert Städte erfasste.

Zahlreich sind Zeugnisse von Familien, die vom Regime gezwungen wurden, hohe Summen zu zahlen, um ihre erschossenen Angehörigen ausgehändigt zu bekommen. In einem Vorort von Teheran wurde ein 13-Jähriger tödlich getroffen, der zufällig in eine Polizeiaktion geriet. Seine Eltern bekamen die Leiche erst drei Tage später übergeben mit der strikten Auflage, ihren Sohn rasch und in aller Stille zu beerdigen. Besonders aufgewühlt war die Lage auch in den Provinzen Fars, Kerman und Khuzestan, wo die größten Ölvorkommen liegen und gleichzeitig die größte Armut herrscht. 

In Isfahan wurden mehrere Metrostationen und Teile des städtischen Fuhrparks verwüstet. Insgesamt gingen nach iranischen Medienberichten mehr als 900 Banken, öffentliche Gebäude und Polizeistationen in Flammen auf. Hunderte Tankstellen und Supermärkte sowie mindestens neun Koranschulen wurden ebenfalls Ziel von Randalierern.

Iran: Demonstranten ging es um das nackte wirtschaftliche Überleben

Nach Einschätzung von Beobachtern, wie dem französischen Iran-Experten Michel Makinsky von der belgischen Universität Liège, ging es den meisten Demonstranten diesmal weniger um Demokratie, Reformen oder Pressefreiheit, sondern um das nackte wirtschaftliche Überleben – Essen, Medikamente, Wohnung und Transport. Die amerikanischen Sanktionen hätten die soziale Lage erheblich zugespitzt. 

Aber auch die kostspieligen Auslandseinsätze in Syrien, Irak, Jemen und Libanon seien vielen Iranern ein Dorn im Auge, erläuterte Makinsky, genauso wie die enormen finanziellen Privilegien religiöser Stiftungen, die als Parasiten empfunden würden. Trotzdem gelang es dem übermächtigen Sicherheitsapparat, den Aufruhr auch diesmal niederzuschlagen. 

Doch die Frustration der Bevölkerung bleibt. „Viele junge Paare in meinem Alter reden nur noch davon abzuhauen“, bekannte ein 30-Jähriger aus Isfahan, der seinen Namen mit Mahdi angab. „Hier herrscht ein Gefühl von Hass und allgemeiner Verzweiflung.“

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