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Die jungen Leute im Iran wollen weltoffen sein und den religiösen Fundamentalismus der Mullahs hinter sich lassen.

Iran

Die „Entzauberung“ des Islam

Sittenstrenge und Gängelung gehen den Menschen auf die Nerven. Verbote werden umgangen. Sind das Vorboten einer neuen Revolution?

Von Harald Stutte und Tafazoli Schabnam

Als der islamische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini am 1. Februar 1979 Teheraner Boden betrat, veränderte er die Welt. Manche im Westen glaubten an eine vorübergehende Erscheinung. In Bonn ließ der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer ersten Bewertung Arroganz mitschwingen: „Die Ajatollahs können das Land nicht ewig regieren.“ Inzwischen aber regiert die Riege der religiösen Führer den Iran seit vier Jahrzehnten. Und heute wie damals ist der Iran ein steter Quell weltpolitischer Streitigkeiten.

Und wie ist die Stimmung im Iran selbst? Wer das Land besucht, stößt auf eine Zivilbevölkerung, die die seit vier Jahrzehnten andauernde Gängelung und Anspannung liebend gern hinter sich lassen würde. Besonders die jungen Iraner in den Städten träumen von einem ganz neuen Iran. Einem Land, das anders sein soll als heute, unter den Mullahs. Aber auch anders als früher, unter dem Schah.

Händchenhaltend schlendern junge Paare durch den Botanischen Garten von Schiras. Den Mädchen ist der obligatorische Hidschab so weit und keck nach hinten gerutscht, dass kaum noch etwas vom Tuch das Haar bedeckt. Gäste aus dem Ausland sprechen die Mädchen eifrig an. Wie sie zur Regierung in Teheran stehen, vertrauen sie sogar Touristen an, die gar nicht danach gefragt haben: „Wir Iraner haben das Mullah-Regime satt, und wir sind ganz anders, als ihr im Westen glaubt. Vergesst das bitte nicht!“ Es sind überraschende Begegnungen, die in diesen Tagen möglich sind, abseits aller Klischees. Während die iranische Führungsriege nach außen hin düster und drohend auftritt, geben einfache Leute auf der Straße schon mal unter der Hand Entwarnung. „Die Leute sind müde und die Wut auf unsere Regierung ist groß“, diktiert ein junger Mann einer Journalistin in den Block. Hat er keine Angst vor der Obrigkeit? Nein, sagt er, nicht vor einem bloßen Gespräch. Aber sein Name und sein Foto sollen bitte nicht in der Zeitung stehen.

Es geht um Alltägliches

Die Wut der Bürger dreht sich nicht um große ideologische Fragen. Es geht um Alltägliches. Das Geld in ihrem Portemonnaie ist immer weniger wert, die Preise laufen davon, nicht nur für Luxusgüter, sondern auch für einfache Lebensmittel. Vor einem Jahr etwa gab es Ärger wegen Preiserhöhungen für Geflügel und Eier in Maschhad, einer Drei-Millionen-Stadt hoch im Nordosten des Irans. Bald folgten Proteste in Schiras, dann auch in Isfahan, schließlich in Teheran.

Die Mullahs argumentierten, die USA seien Schuld; mit ihrer Sanktionspolitik trieben sie den Iran gezielt in die Armut. Ein wachsender Teil der Iraner aber kann diese Schuldzuweisungen nach 40 Jahren nicht mehr hören: Könnte es nicht sein, dass Irans Regime selbst immer wieder den Grund für die Schwierigkeiten des Landes schafft?

Die Demonstranten riefen die Regierung dazu auf, sich mehr für das eigene Volk zu engagieren – statt sich auf immer neue kostspielige Interventionen in Gaza, in Syrien und im Libanon einzulassen. „Es gibt eine Ernüchterung im Iran“, sagte in dieser Woche Arash Sarkohi, in Teheran geborener Politologe und derzeit Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam. „Manche reden sogar von einer Entzauberung des Islams.“ Im Land selbst heißt es, der glühende religiöse Eifer vergangener Zeiten sei in der Tat erloschen – jedenfalls in den großen Städten. In den ländlichen Regionen bleibe es bei einer starken Bindung an den Islam. Doch überall sei inzwischen der Gedanke an eine Trennung zwischen Religion und Staat „in der Debatte angekommen“.

Hier die Religion, dort der Staat? Genau diese Trennung aufzuheben war die historische Mission des Ajatollah Khomeini. Jetzt will eine neue Generation das Rad zurückdrehen – Richtung Moderne. Besonders die strengen Kleidungs- und Benimmregeln gehen vielen Iranern auf die Nerven. Offiziell verboten ist die unter dem Schleier herausragende Haarsträhne der Frau, verboten ist auch ein Kuss auf offener Straße. Die Wut über die Sittenwächter, die, ganz in Schwarz gekleidet, Straßen und Parks patrouillieren, wächst. „Überall drängen sie sich in unser Leben, jede Freude wollen sie verderben“, schimpft Vahid, der in den Gärten von Schiras aufgescheucht wurde, wo er mit seiner Freundin im Arm einfach nur den Sonnenuntergang genießen wollte. Immer häufiger werden die islamischen Religionspolizisten mittlerweile ausgetrickst. Anonyme Entwickler schufen eine Sittenwächter-App fürs Mobiltelefon, die wie eine Blitzer-App für Tempomessungen am Straßenrand funktioniert: Symbole auf Karten zeigen an, wo gerade Kontrollen drohen.

Unzensierter Weg ins Internet

Verboten ist auch die. Aber systematisch umgangen werden eben auch die Versuche der Obrigkeit, die Nutzung von Medien und Internet einzuschränken. In den Achtziger- und Neunzigerjahren lernten die Iraner, Satellitenschüsseln aufzustellen und mit Sträuchern zu tarnen. Inzwischen nutzen sie massenhaft VPN-Tunnel, die einen unzensierten Weg ins Internet ebnen.

In den Medien ist unterdessen von einem „Tsunami des Atheismus“ die Rede, der über das Land fege. Sind dies alles nur private Fluchtbewegungen ohne politische Bedeutung? Oder bereits Vorboten einer neuen Revolution im Iran?

„Es gibt keine belastbaren Zahlen über Rückhalt oder Ablehnung des Regimes in der Bevölkerung“, sagt die Iran-Expertin Azadeh Zamiriad von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Allerdings habe offensichtlich „der Anteil der Bevölkerung, der noch glaubt, dass man die Islamische Republik reformieren könnte, kontinuierlich abgenommen“.

Iran-Experte Sarkohi sieht eine „neue Qualität“ der Proteste im Iran. Rund um die Welt fiel auf: Früher haben dort oft nur einige Intellektuelle in den Städten aufgemuckt. Bei den jüngsten Eier-und-Geflügel-Protesten aber rebellierte erstmals die Unterschicht. Nie zuvor sind die Säulen der Islamischen Republik Iran so ins Wanken geraten wie jetzt. Was aber soll aus dem Land werden, falls in den kommenden Jahren die Herrschaft der Mullahs ebenso zerbröselt wie einst das Regime des Schahs?

Zum neuen Haltepunkt wird für viele Menschen die Rückbesinnung auf die alt-persische Kultur. Persien steht für Hochkultur, schon vor Tausenden von Jahren, für Weltgewandtheit und Wissenschaft. Würde sich eine daran angelehnte neue iranischer Identität besser einpassen in die Welt des 21. Jahrhunderts?

Proteste gegen die Mullahs

Die „persische Renaissance“ will mit allem Schluss machen, was als „arabisch“ wahrgenommen wird. Selbst die Sprache wird von arabischen Einflüssen „bereinigt“. „Man grüßt nicht mit ,salam‘, sondern dem alt-persischen ,dorod‘“, informiert ein junger Mann auf der Straße die Fremden freundlich.

Zweimal im Jahr pilgern Tausende zum Grabmal des Königs Kyros des Großen nahe der alten Residenzstadt Pasargadae – und machen aus der Wallfahrt immer häufiger Proteste gegen die Mullahs. Auch alte persische Götter feiern ein ungeahntes Comeback. Farvahar, Symbol der vor-islamischen Religion des Zoroastrismus, hängt heute als Bild oder Steinrelief in vielen Wohnungen. Junge Iraner tragen es als Schmuck, auf T-Shirts, es klebt als Aufkleber an Autos, Souvenir-Shops sind voll Farvahar-Nippes.

Wollen die Iraner zurück zur 2500 Jahre alten Religion Zarathustras? Lebten 1986 noch 90 000 Zoroastrier im Land, sind es heute höchstens 7000. Dennoch tauchen die Lehren Zarathustras plötzlich wieder in den gesellschaftlichen Debatten auf.

Der 58-jährige Behzad Nikdin, Priester und Hüter des Feuertempels in Isfahan, sagt „Die Menschen sind des Elends und der Gewalt müde, sie suchen Wahrhaftigkeit.“

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